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Titel
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Es war lange her, dass ein Besucher seinen Fuß in ihr Reich gesetzt hatte. Die Meisten, die unter Wążs Baum auftauchten, waren auch keine Besucher, sondern eher Sucher und zwar Sucher nach dem richtigen Weg. Sie waren jedoch nicht aufgebrochen, um den Weg der Erkenntnis zu finden, den ihnen Wąż ohne Zweifel hätte zeigen können, nein, ihr Sinnen stand danach, dem Glück auf die Spur zu kommen, von dem sie sich Reichtum und ein langes Leben erhofften. Doch davon erwartete sie hier nichts. Eher das Gegenteil, denn Glücksritter dieser Art pflegte Wąż auf ihre Speisekarte zu setzen. Dabei musste sie vor solchen Mahlzeiten nicht einmal nach dem Begehr der Verirrten fragen. Deren Beweggründe offenbarten sich der weißen Schlange von ganz allein.

Dass das Mädchen, das jetzt auf einer der freiliegenden Wurzeln ihres Baumdomizils hockte, nicht zu dem üblich vorüberkommenden Menschenschlag gehörte, erfasste Wąż schon, als sie ihre gespaltene Zunge das erste Mal in seine Richtung züngeln ließ. Die Schwingungen, von denen ihr zweigeteiltes Organ umspielt wurde, signalisierten dem Reptil eine mögliche Seelenverwandtschaft mit der Besucherin. Wąż vermochte sich nicht daran zu erinnern, so etwas jemals erlebt zu haben. Dabei war sie so alt und mit allen Wassern gewaschen, dass es eigentlich nichts mehr geben konnte, was ihr das Dasein noch vorenthalten haben könnte.

Das Mädchen schien ohne Furcht auf der Wurzel zu sitzen. Als Wąż den Stamm ihres Baumes herunterglitt und ihren Kopf, der den Körper des Mädchens weit an Größe übertraf, immer dichter an die Besucherin heranschob, streckte es lediglich ihre offene Hand aus. Damit wollte es wohl zeigen, dass es nichts Böses im Schilde führte. Vielleicht sollte die Geste auch andeuten, dass sie das fahle Schuppenkleid der Schlange gerne berührt hätte.

Wążs Zunge schoss hervor. Diese Bewegung verschaffte ihr immer Respekt. Doch heute verfehlte sie ihre Wirkung. Das Mädchen lachte lediglich auf und warf seinen Kopf zurück. Der lange schwere Zopf, in dem sein schwarzes Haar gebändigt war, pendelte über seinen Rücken. Es sah aus als hätte sich bisher zwischen den Schulterblättern ein schwarzes, kleineres Ebenbild von Wąż verborgen, das, durch das Lachen aufgeschreckt, sein Versteck gerade verließ.

„Ich fürchte mich nicht vor dir“, kommentierte das Mädchen sein Verhalten. „Auch, wenn du so tust, als wolltest du mich fressen. Weil ich weiß, dass du das nicht tun wirst.“

Wąż riss ihren Rachen auf. Das Mädchen hätte mühelos zwischen den Kiefern hindurchspazieren können, ohne von den Giftzähnen berührt zu werden. Besser wäre es natürlich gewesen, wenn es davonlief. Vielleicht hätte es sich dadurch eine kleine Chance bewahrt, mit dem Leben davonzukommen. Doch es rührte sich nicht vom Fleck. „Ich laufe nicht davon. Und du lässt mich in Ruhe!“

Diese Selbstsicherheit irritierte Wąż. Seelenverwandtschaft hin und her. Es konnte nicht sein, dass die Kleine keine Furcht zeigte. Am Ende blieb Wąż nichts Anderes übrig, als sie doch auf ihren Speiseplan zu setzen und sei es nur deshalb, um ihre Autorität zu wahren. Sie klappte ihren Rachen wieder zu, züngelte jedoch weiter Richtung des Mädchens, das sich langsam zu einer Beute wandelte, wie seine unzähligen Vorgänger.

„Ich spüre, dass du dir Sorgen machst.“ Diese Beute wusste Bescheid. „Du hast Angst vor mir, weil ich keine Angst vor dir habe. Nicht wahr?“ Einen Moment schwieg das Mädchen. Erst als Wąż Zunge ihm über das Gesicht glitt, fuhr es fort. „Man sagt ja, die gespaltene Zunge einer Schlange dient ihr als Ohr, Auge und Nase zugleich. Wenn dem so ist, wir dein Organ gleich etwas zu hören, sehen und riechen bekommen, was bisher für unmöglich gehalten wurde …“ Die Worte wurden immer undeutlicher. Zuletzt klangen die Silben wie das Zischen einer Schlange. Das rührte daher, dass sich der Kopf des Mädchens zu dem eines Reptils verformte. Gleichzeitig verbreitete sich ein übler Gestank in der Luft. Er war so intensiv, dass Wąż, deren Zunge den Gestank erfasste, in eine Schockstarre verfiel. Diese Regungslosigkeit nutzte das Schlangenmädchen dazu aus, mit Wąż das zu machen, was das weiße Reptil eigentlich mit ihm tuen wollte.

Als Wąż endgültig in ihrer Rivalin verschwunden war, beendete diese ihre Metamorphose. Und ein riesiger schwarzer Schlangenkörper begann, sich den Baum hinauf zu schlängeln.


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