ES WAR EINMAL eine alte Frau, die ein Foto dicht vor ihr Gesicht hielt. Dazu kniff sie die Augen zusammen, um besser erkennen zu können, was auf der Aufnahme zu sehen war. Dabei musste sie das nicht tun, denn sie hatte sie sich schon so oft angeschaut, dass längst jedes Detail des Motivs in ihrem Gedächtnis eingeprägt war.
Auf dem Foto hielten sich ein Mädchen und ein Junge bei den Händen. Sie standen auf einer Wiese. Aus dem nebligen Hintergrund eilte eine Riesenschildkröte auf sie zu. Die alte Frau erinnerte sich genau daran, was danach geschah. Zwei mit langen Spießen bewaffnete Jäger tauchten plötzlich hinter der Schildkröte auf. Als der erste nahe genug an sie herangekommen war, schleuderte er seinen Speer. Doch die Waffe prallte an ihrem Panzer ab. Der zweite Jäger hatte mehr Glück. Sein Spieß bohrte sich in das rechte Hinterbein der Schildkröte. Sie konnte sich noch ein paar Schritte aufrecht halten, dann sank sie zu Boden. Schnell waren die beiden Verfolger bei ihr. Der erste hatte seinen Speer wieder zur Hand. Der zweite riss seinen aus dem Bein der Beute. Beide stachen auf die Schildkröte ein. Als jedoch ein schauriger Ton aus der Ferne erscholl, ließen sie von ihrem Opfer ab und verschwanden im Nebel.
Die beiden Kinder liefen zu der Schildkröte, die im Gras lag. Blut sickerte aus deren Wunden, aber sie lebte noch. Sie drehte den Kopf in Richtung des Mädchens und des Jungen. Wahrscheinlich hielt sie sie für neue Peiniger, denn sie versuchte sich aufzurichten, was ihr aber nicht gelang.
Zum Erstaunen der beiden Kinder begann die Schildkröte zu sprechen. „Ihr könnt mir nicht mehr helfen. Es ist zu spät. Die Jäger haben fast erreicht, wozu sie losgeschickt worden sind. Aber es ist gut, dass ich, bevor ich sterben muss, noch zwei so gutherzigen Wesen wie euch begegnen darf. Weil ihr mir eure Hilfe angeboten habt, möchte ich mit euch eine Gabe teilen, die euch unter allen Lebenden zu etwas Außergewöhnlichen machen wird.“
Für einen Moment verstummte die Schildkröte. Schwer atmend sammelte sie ihre Kräfte, um weiterreden zu können. Als sie ihre Erklärung fortsetzte, hob sie den Kopf in Höhe des Gesichts des Mädchens. „Öffne deinen Mund und inhaliere meinen Atem!“ Die Kleine ließ sich den Odem der Schildkröte in den Mund hauchen.
Bevor sie bei dem Jungen das Gleiche tun konnte, durchlief ein Zittern den Körper der Schildkröte. Sie bäumte sich auf, als wolle sie einem unsichtbaren Feind Paroli bieten. Dann stieß sie einen letzten Seufzer aus und sackte zusammen.
Lange Zeit rätselte das Mädchen, was es mit dem Odem der Schildkröte auf sich haben konnte. Bei ihr stellten sich keine übernatürlichen Kräfte ein. Sie wurde weder zur Seherin noch vermochte sie zu hexen oder zu zaubern. Erst als die Jahre vergingen, merkte sie, dass ihr tatsächlich eine außergewöhnliche Gabe zu teilgeworden war. Während rings um sie die Menschen alterten und starben, strich die Zeit spurlos an ihr vorüber. Sie verlor ihren Mann, für den der Atem der Schildkröte nicht mehr gereicht hatte. Auch ihre Kinder und Enkelkinder gingen von ihr, ohne dass sie sie aufhalten konnte. Als sie immer einsamer wurde, beschloss sie, an den Ort zurückzukehren, an dem die Geschichte ihren Anfang genommen hatte, um dort vielleicht von der Gabe befreit zu werden.
Tatsächlich fand sie die Stelle wieder, an der die Schildkröte gestorben war. Es schien sogar, als wäre auf dem Gras ein dunkler Fleck von ihrem Blut zurückgeblieben. Die jetzt alte Frau legte ihre Hände darauf und rief laut nach der Schildkröte. Aus den auch jetzt wieder wabernden Nebelschwaden löste sich die Silhouette der Gesuchten. Ohne sich erklären zu lassen, warum sie nach so vielen Jahren gerufen wurde, fing die Schildkröte an zu reden. „Ich weiß, weshalb du hier bist und ich will dir deinen Wunsch erfüllen. Es tut mir leid, dass ich dem Jungen damals nicht ebenfalls meinen Odem einhauchen konnte, denn für zwei wäre die Gabe erträglicher geworden. Jetzt gib mir den Atem zurück und altere in Frieden!“

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