Der Edelmann nestelte unter seinem Wams ein Medaillon hervor, das er an einer Kette um den Hals trug. Bis dahin musste es auf seiner Brust über dem Herzen geruht haben. Bevor er den Deckel aufspringen ließ, strich er mit den Fingern liebevoll über das aufwendig ziselierte Kleinod. Damit erweckte er bei seinem Besucher den Eindruck, dass es ihm sehr viel bedeutete. Der Gast saß am Ende einer langen Bank, dem Hausherrn, der an der Stirnseite des Tisches thronte, schräg gegenüber. Er musste sich vorbeugen, um erkennen zu können, welches Bildnis in das Medaillon gemalt worden war.
„Das ist sie“, erklärte der Edelmann. „Wenn Ihr in meine Dienste tretet, werde ich Euch das Schmuckstück aushändigen, so dass Ihr immer wisst, nach wem Ihr sucht.“
Das Bild zeigte Gesicht und Schultern einer jungen attraktiven Frau. Sofort schoss dem Gast die Frage durch den Kopf, ob die Abgebildete die Tochter seines Gesprächspartners sein könnte oder ihm vielleicht anderweitig näherstand. Natürlich sprach er diesen Gedanken nicht aus, doch sein Gesichtsausdruck musste wohl verraten haben, womit sich sein Verstand beschäftigte, denn die Miene sein möglicher Auftraggeber verfinsterte sich, als er verkündete: „Ihr sollt das Mädchen finden und zurückbringen! Wer sie ist, geht Euch nichts an!“
„Selbstverständlich nicht“, versicherte der Gast eilfertig. Um von diesem heiklen Thema abzukommen, nannte er den Preis, den er für seine Dienste angemessen fand. Daraufhin empörte sich der Edelmann über die genannte Summe. Sie feilschten eine Weile hin und her, bis sie sich schließlich auf einen Betrag einigten, mit dem sie beide leben konnten. Als Anzahlung vereinbarten sie die Hälfte des Lohnes, worauf der Hausherr einen Beutel von seinem Gürtel löste und ihn vor dem Gast auf den Tisch legte. „Zählt nach!“
„Nicht nötig. Ich vertraue Euch. Jetzt gebt mir noch das Medaillon!“
Der Gast, der nun vorübergehend im Dienst des Edelmanns stand, war der Söldner Roland. In der Regel verdiente er sich seinen Lebensunterhalt damit, dass er sich für die Heere der sich immer in irgendwelchen Fehden befindenden Adligen anwerben ließ, und andere Söldner totschlug, die sich bei den Gegnern seiner Dienstherren verdingt hatten. Zurzeit herrschte allerdings ein untypischer Frieden im Lande und so musste er seine Erwerbsgrundlage den neuen Gegebenheiten anpassen. Vom Freund eines Freundes hatte erfahren, dass ein Edelmann nach einer verschwundenen Person suchte und über diesen Kontakt war er zu seinem Auftrag gekommen.
Leider konnte oder wollte der Edelmann nur wenig über das Mädchen preisgeben. Ihren Namen. Ein paar vage Andeutungen über ihr Leben. Die Namen von Familienangehörigen und möglicher Bekannter. Über mehr Wissen verfügte Roland nicht, als er sich in den Sattel seines Pferdes schwang und aufbrach, um im Heuhaufen des Lebens diese eine Nadel zu finden.
Wochenlang war er unterwegs, hatte das Medaillon öfters in der Hand, um den Leuten das Bild zu zeigen, als sein Schwert in den Schlachten der vergangenen Kriege, bis sich endlich jemand an das Mädchen erinnerte. In einer Spelunke schnalzte der Wirt beim Betrachten des Portraits mit der Zunge: „Die war bei mir zu Gast. So ein Frauenzimmer vergisst man nicht.“ In Begleitung drei zwielichtiger Gestalten hätte sie vor einer Woche hier Rast gemacht und übernachtet. „Glücklich kam sie mir nicht vor. Aber es sah auch nicht so aus, dass sie den Dreien davonlaufen wollte.“
Von da an erhielt Roland immer öfters Hinweise auf die Gesuchte. Die vierköpfige Truppe war an vielen Weihern vorbeigekommen, hatte dort nach dem Weg gefragt und auch immer einmal erwähnt, wohin sie die Reise führen sollte. Auf der Flucht schienen sie nicht zu sein. Und scheinbar befürchteten sie auch nicht, verfolgt zu werden. Gemächlich zogen sie ihrer Wege, so dass Roland sie vier Wochen nach dem Tipp des Spelunkenwirts endlich eingeholt hatte.
Die Vier saßen am morgendlichen Lagerfeuer, als er sich ihnen näherte. Zuvor hatte er sie zwei Tage intensiv beobachtet, um sich ein Bild davon machen zu können, in welcher Beziehung das Mädchen zu ihren drei Begleitern stand. Eine Gefangene war sie auf keinen Fall. Aber was dann? Roland trieb sein Pferd durch den Morgennebel. Sobald er von dem Quartett gehört und gesehen werden konnte, sprangen die drei Burschen auf. Jeder bewaffnete sich mit einem derben Knüppel. Roland erkannte schon beim Heranreiten, dass sie im Falle eines Kampfes, keine wirkliche Gefahr darstellten. Vermutlich waren es Bauern, die zwar kräftig mit ihren Knüppeln zuschlagen konnten, aber seinem geschickt geführten Schwert unterlegen sein würden.
So beschloss er, sein Anliegen ohne große Umschweife zur Sprache zu bringen. Dazu ritt er bis auf drei Pferdelängen an das Lagerfeuer heran und holte das Medaillon hervor. „Einen wunderschönen guten Morgen“, grüßte er in die Runde, bevor er das Schmuckstück dem ihm am nächsten Stehenden zuwarf. „Der Besitzer dieses Kleinodes möchte, dass ich das Mädchen zu ihm bringe.“
Während die drei Burschen das Bildnis betrachteten, rief das Mädchen ihm zu: „Niemals werde ich Euch lebendig folgen.“ Sie zog einen Dolch unter ihrem Umhang hervor und richtete dessen Spitze gegen ihre Brust.
Wortlos wendete Roland sein Pferd und galoppierte davon. Seine Hand fasste nach dem Beutel mit der Anzahlung. Er hatte das Mädchen gefunden und sich das Gold damit verdient. Auf die andere Hälfte des Lohnes verzichtete er, um den Vieren eine neue Chance in ihrem Leben zu geben.

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