Der Drache schlurfte über die staubige Straße. Wahrscheinlich wäre er lieber geflogen, doch sein Reiter erlaubte ihm nicht, in die Lüfte aufzusteigen. Es hätte sich auch nicht gelohnt, denn sie mussten vor fast jedem der am Weg stehenden Häuser anhalten, damit der Reiter aus dem mächtigen Holzkasten, den er hinter sich auf den Drachensattel gebunden hatte, die Post herausnehmen konnte, die für die Bewohner der Siedlung bestimmt war. Die Sendungen warf der Postbote vor die Türen der Häuser.
Als aus einem ein alter Mann trat, fauchte der Drachen ihn an. Flammenzungen umspielten seinen Nüstern.
„Nimm das Vieh mal an die Kandare“, blaffte der Alte, „und lass ihm die Feuerdrüsen rausschneiden, sonst kokelt er noch irgendetwas an. Ist für mich was dabei?“
Der Reiter wühlte eine Weile in der Kiste herum. „Nein. Leider nicht.“
Mit dieser Antwort schien der Alte nicht zufrieden zu sein. „Wenn die richtige Drachenpost gekommen wäre, hätte ich mein Paket heute bestimmt in den Händen halten können. Wieso schicken die eigentlich nur einen mickrigen Solokurier, wo sonst immer vierspännig ausgeliefert wird?“
„Das weiß ich doch nicht. Sie haben mir heute diese Tour verpasst und deshalb bin ich jetzt in eurem verlotterten Nest“, erwiderte der Bote. „Was wird denn dort zusammengenagelt?“, wechselte er dann das Thema und wies mit dem Kopf auf die Straßenmitte, wo ein paar Burschen an einem hölzernen Podest herumwerkelten.
„Morgen soll hier jemand gehängt werden und die bauen die Bühne dafür auf.“ Offenbar hatte der Alte die Nase von dem Gespräch voll. Er drehte sich um und verschwand in seinem Haus.
Nach dem kurzen Plausch brachte der Reiter die übrigen Sendungen zu ihren Empfängern, bis nur noch ein Paket übrigblieb. Es war an den hiesigen Ordnungshüter adressiert. Amtliche Schreiben mussten persönlich ausgehändigt werden, deshalb rutschte er vom Drachen herunter und klemmte sich das Paket unter den Arm. In der Amtsstube döste ein junger Kerl vor einem Tisch voller Pergamenttrollen.
„Ich brauche eine Unterschrift“, verlangte der Bote. Vorher hatte er ein knappes „Hallo“ in den Raum gerufen, auf das nur ein einziges „Hallo“ zurückgekommen war. Als die abgezeichnete Quittung in seinem Wams steckte, wandte er sich noch einmal an den Amtmann. „Morgen soll einer aufgehängt werden. Ich habe noch nie jemanden gesehen, den man hinrichten wird. Kann ich mir das arme Schwein mal anschauen?“
Der Beamte wühlte in den Pergamentrollen herum. Ihm war nicht anzumerken, ob er den Wunsch überhaupt vernommen hatte. Deshalb räusperte sich der Postbote, um sein Anliegen zu wiederholen. „Dort hinten ist die Tür zu den Zellen“, reagierte der Ordnungshüter daraufhin. „Wirf einen Blick hinein und dann verschwinde! Ich habe zu arbeiten.“
In dem Zellentrakt blakte eine einzelne Fackel. Ihr flackernder Lichtschein konnte den Raum kaum erhellen, der in vier etwa gleichgroße Käfter aufgeteilt war, die von grob geschmiedeten Eisengittern voneinander getrennt wurden. Nur in einem der Verschläge befand sich ein Gefangener. Es dauerte eine geraume Weile, bis sich die Augen des Drachenreiters an das Dämmerlicht gewöhnt hatten und er zu erkennen vermochte, dass eine junge Frau dort eingekerkert war. Sie stand mit dem Rücken zu ihm. Das dünne Unterkleid, das sie trug, konnte unmöglich die feuchte Kälte von ihr fernhalten, die aus den Ritzen der Gewölbemauern kroch. Doch weitere Kleider hatte man ihr nicht gelassen.
„Damin to moletan inscrupti“, flüsterte er der Gefangenen zu. Im schwachen Fackellicht glaubte er, wahrgenommen zu haben, dass sich die Schulterblätter der Delinquentin bei seinen Wort leicht gehoben hätten, aber sicher war er sich nicht. Beim Verlassen der Amtsstube sagte er zu dem Ordnungshüter: „Sie sollte wenigstens warme Kleider tragen, sonst ist sie bis morgen erfroren.“ Mehr als ein trockenes Lachen wurde ihm darauf nicht erwidert.
Draußen packte er seine Drachen am Zaumzeug und richtete dessen Nüstern auf die Mauern des Gefängnisses. Ein knappes Kommando reichte aus und der Drachen spie eine Feuerwalze gegen das Gemäuer. Unter der Hitzewelle barsten die Ziegel, wurden aus der Wand gerissen. Ein kindhohes Loch klaffte nach dem Feuerstoß in der Fassade, durch das die Gefangene herausgekrochen kam. Der Drachenreiter hob sie nach oben, so dass sie in der leeren Postkiste klettern konnte. Er selbst schwang sich in den Sattel und trieb sein Reittier sofort an, hoch in die Lüfte zu steigen. Von dort ließ ein letzter Flammenstrahl das hölzerne Schafott auflodern.
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Als aus einem ein alter Mann trat, fauchte der Drachen ihn an. Flammenzungen umspielten seinen Nüstern.
„Nimm das Vieh mal an die Kandare“, blaffte der Alte, „und lass ihm die Feuerdrüsen rausschneiden, sonst kokelt er noch irgendetwas an. Ist für mich was dabei?“
Der Reiter wühlte eine Weile in der Kiste herum. „Nein. Leider nicht.“
Mit dieser Antwort schien der Alte nicht zufrieden zu sein. „Wenn die richtige Drachenpost gekommen wäre, hätte ich mein Paket heute bestimmt in den Händen halten können. Wieso schicken die eigentlich nur einen mickrigen Solokurier, wo sonst immer vierspännig ausgeliefert wird?“
„Das weiß ich doch nicht. Sie haben mir heute diese Tour verpasst und deshalb bin ich jetzt in eurem verlotterten Nest“, erwiderte der Bote. „Was wird denn dort zusammengenagelt?“, wechselte er dann das Thema und wies mit dem Kopf auf die Straßenmitte, wo ein paar Burschen an einem hölzernen Podest herumwerkelten.
„Morgen soll hier jemand gehängt werden und die bauen die Bühne dafür auf.“ Offenbar hatte der Alte die Nase von dem Gespräch voll. Er drehte sich um und verschwand in seinem Haus.
Nach dem kurzen Plausch brachte der Reiter die übrigen Sendungen zu ihren Empfängern, bis nur noch ein Paket übrigblieb. Es war an den hiesigen Ordnungshüter adressiert. Amtliche Schreiben mussten persönlich ausgehändigt werden, deshalb rutschte er vom Drachen herunter und klemmte sich das Paket unter den Arm. In der Amtsstube döste ein junger Kerl vor einem Tisch voller Pergamenttrollen.
„Ich brauche eine Unterschrift“, verlangte der Bote. Vorher hatte er ein knappes „Hallo“ in den Raum gerufen, auf das nur ein einziges „Hallo“ zurückgekommen war. Als die abgezeichnete Quittung in seinem Wams steckte, wandte er sich noch einmal an den Amtmann. „Morgen soll einer aufgehängt werden. Ich habe noch nie jemanden gesehen, den man hinrichten wird. Kann ich mir das arme Schwein mal anschauen?“
Der Beamte wühlte in den Pergamentrollen herum. Ihm war nicht anzumerken, ob er den Wunsch überhaupt vernommen hatte. Deshalb räusperte sich der Postbote, um sein Anliegen zu wiederholen. „Dort hinten ist die Tür zu den Zellen“, reagierte der Ordnungshüter daraufhin. „Wirf einen Blick hinein und dann verschwinde! Ich habe zu arbeiten.“
In dem Zellentrakt blakte eine einzelne Fackel. Ihr flackernder Lichtschein konnte den Raum kaum erhellen, der in vier etwa gleichgroße Käfter aufgeteilt war, die von grob geschmiedeten Eisengittern voneinander getrennt wurden. Nur in einem der Verschläge befand sich ein Gefangener. Es dauerte eine geraume Weile, bis sich die Augen des Drachenreiters an das Dämmerlicht gewöhnt hatten und er zu erkennen vermochte, dass eine junge Frau dort eingekerkert war. Sie stand mit dem Rücken zu ihm. Das dünne Unterkleid, das sie trug, konnte unmöglich die feuchte Kälte von ihr fernhalten, die aus den Ritzen der Gewölbemauern kroch. Doch weitere Kleider hatte man ihr nicht gelassen.
„Damin to moletan inscrupti“, flüsterte er der Gefangenen zu. Im schwachen Fackellicht glaubte er, wahrgenommen zu haben, dass sich die Schulterblätter der Delinquentin bei seinen Wort leicht gehoben hätten, aber sicher war er sich nicht. Beim Verlassen der Amtsstube sagte er zu dem Ordnungshüter: „Sie sollte wenigstens warme Kleider tragen, sonst ist sie bis morgen erfroren.“ Mehr als ein trockenes Lachen wurde ihm darauf nicht erwidert.
Draußen packte er seine Drachen am Zaumzeug und richtete dessen Nüstern auf die Mauern des Gefängnisses. Ein knappes Kommando reichte aus und der Drachen spie eine Feuerwalze gegen das Gemäuer. Unter der Hitzewelle barsten die Ziegel, wurden aus der Wand gerissen. Ein kindhohes Loch klaffte nach dem Feuerstoß in der Fassade, durch das die Gefangene herausgekrochen kam. Der Drachenreiter hob sie nach oben, so dass sie in der leeren Postkiste klettern konnte. Er selbst schwang sich in den Sattel und trieb sein Reittier sofort an, hoch in die Lüfte zu steigen. Von dort ließ ein letzter Flammenstrahl das hölzerne Schafott auflodern.
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