Erhardt musterte den Stapel ungeöffneter Briefe auf dem Tisch vor sich. Der Turm amtlicher Schreiben, den er in fünf Jahren aufgeschichtet hatte, zeigte bereits eine bedenkliche Schieflage. Zur Zeit drohte er, nach links zu kippen. Doch jeder Luftzug, der durch das Zimmer wehte, mochte er auch noch so harmlos sein, ließ ihn sich in eine andere Richtung neigen.
Erhardt wusste, dass dort neunundneunzig behördliche Anordnungen in die Höhe wuchsen und die einhundertste hielt er in der Hand. Würde sein beachtliches papiernes Bauwerk auch dann noch Stand halten, wenn er es um ein weiteres Dokument aufstockte? Diese Frage beschäftigte ihn mehr, als die Inhalte der einhundert an ihn gerichteten Sendungen.
Unschlüssig wedelte er mit dem Umschlag umher und hätte mit dieser unbedachten Geste fast die Katastrophe herbeigeführt, über die er gerade nachsinnierte. Beinahe drohte der Stapel sich den Gesetzen der Schwerkraft zu fügen. Nur mit einem abrupten Einstellen der Wedelei konnte er das gerade noch verhindern. Nachdem die innere Statik der eigenartigen Konstruktion wiederhergestellt war, entschloss sich Erhardt kurzerhand, das emporstrebende Archiv dreistellig werden zu lassen.
Mit einer schwungvollen Drehung aus dem Handgelenk heraus, platzierte er Schreiben Nummer einhundert auf Schreiben Nummer neunundneunzig. In dem Moment, in dem sich die beiden Umschläge berührten, flogen fast gleichzeitig die Zimmertür und das zweiflüglige Fenster, dem er den Rücken zugekehrt hatte, auf. Ein heftiger Windstoß fegte den Turm vom Tisch und verteilte die von grauen Recyclingpapier umhüllten Schreiben auf dem Fußboden des Raumes. Doch damit wurde der Tisch nicht leer. Dort, wo gerade noch die fünfjährige Korrespondenz ihr Dasein fristete, thronte jetzt eine finster dreinblickende Person.
Beim zweiten Hinschauen und dem Abklingen des Schreckens, in den ihn ihr Auftauchen versetzt hatte, erkannte Erhardt, das es sich um eine Frau handelte. Ihr Kopf wurde von einem Lorbeerkranz gekrönt und über ihre Schulter ragten die Schäfte mehrere Pfeile, die wohl in einem Köcher stecken, den sie auf dem Rücken trug. Mehr nahm er nicht von ihr wahr.
„Was erlauben Sie sich!“, brüllten sich die beiden im selben Atemzug an, so dass es klang, als hätte nur einer den empörten Satz von sich gegeben. Wobei für Erhardt fest stand, dass lediglich er das Recht besaß, ungehalten zu reagieren. Schließlich hockte sie auf seinem Stubentisch.
„Ich bin dienstlich hier!“, blaffte die Fremde weiter. „Mein Name ist ,Bürokratie’. Und ich werde nicht länger hinnehmen, dass Sie die Schreiben meiner Untergebenen ignorieren.“ Sie zog einen Pfeil aus dem Köcher und setzte dessen Spitze unter Erhardts Kinn. „Also, fangen Sie jetzt besser an zu lesen oder ich kitzele Ihnen Ihre Renitenz damit aus Ihrem störrischen Schädel.“
Als der scharfe Stahl der Pfeilspitze seine Haut aufritzte, schreckte Erhardt hoch. Das Oberteil seines Schlafanzuges klebte an Brust und Rücken. Aus den Haaren tropfte ihn der Schweiß ins Gesicht und in den Nacken. Das Herz raste. Er griff sich unters Kinn und spürte sofort, wie seine Finger feucht und klebrig wurden.
Fast hätte er seine Frau geweckt, um sie zu bitten, Pflaster und Binden zu holen. Doch dann erkannte er, dass es nur der Angstschweiß war, der sich am Halsansatz gesammelt hatte. Erleichtert seufzte er auf. Trotzdem trieb ihn sein schlechte Gewissen aus dem Bett. Er tapste barfuß in die Stube. Dort lag auf dem Tisch ein Schreiben vom Finanzamt, das heute mit der Post gekommen war und das er eigentlich erst morgen lesen wollte. Angesichts des schrecklichen Traumes hielt er es allerdings für angebracht, es gleich zu studieren – mit der „Bürokratie“ war schließlich nicht zu spaßen.
NÄCHSTE GESCHICHTE >>>
Unschlüssig wedelte er mit dem Umschlag umher und hätte mit dieser unbedachten Geste fast die Katastrophe herbeigeführt, über die er gerade nachsinnierte. Beinahe drohte der Stapel sich den Gesetzen der Schwerkraft zu fügen. Nur mit einem abrupten Einstellen der Wedelei konnte er das gerade noch verhindern. Nachdem die innere Statik der eigenartigen Konstruktion wiederhergestellt war, entschloss sich Erhardt kurzerhand, das emporstrebende Archiv dreistellig werden zu lassen.
Mit einer schwungvollen Drehung aus dem Handgelenk heraus, platzierte er Schreiben Nummer einhundert auf Schreiben Nummer neunundneunzig. In dem Moment, in dem sich die beiden Umschläge berührten, flogen fast gleichzeitig die Zimmertür und das zweiflüglige Fenster, dem er den Rücken zugekehrt hatte, auf. Ein heftiger Windstoß fegte den Turm vom Tisch und verteilte die von grauen Recyclingpapier umhüllten Schreiben auf dem Fußboden des Raumes. Doch damit wurde der Tisch nicht leer. Dort, wo gerade noch die fünfjährige Korrespondenz ihr Dasein fristete, thronte jetzt eine finster dreinblickende Person.
Beim zweiten Hinschauen und dem Abklingen des Schreckens, in den ihn ihr Auftauchen versetzt hatte, erkannte Erhardt, das es sich um eine Frau handelte. Ihr Kopf wurde von einem Lorbeerkranz gekrönt und über ihre Schulter ragten die Schäfte mehrere Pfeile, die wohl in einem Köcher stecken, den sie auf dem Rücken trug. Mehr nahm er nicht von ihr wahr.
„Was erlauben Sie sich!“, brüllten sich die beiden im selben Atemzug an, so dass es klang, als hätte nur einer den empörten Satz von sich gegeben. Wobei für Erhardt fest stand, dass lediglich er das Recht besaß, ungehalten zu reagieren. Schließlich hockte sie auf seinem Stubentisch.
„Ich bin dienstlich hier!“, blaffte die Fremde weiter. „Mein Name ist ,Bürokratie’. Und ich werde nicht länger hinnehmen, dass Sie die Schreiben meiner Untergebenen ignorieren.“ Sie zog einen Pfeil aus dem Köcher und setzte dessen Spitze unter Erhardts Kinn. „Also, fangen Sie jetzt besser an zu lesen oder ich kitzele Ihnen Ihre Renitenz damit aus Ihrem störrischen Schädel.“
Als der scharfe Stahl der Pfeilspitze seine Haut aufritzte, schreckte Erhardt hoch. Das Oberteil seines Schlafanzuges klebte an Brust und Rücken. Aus den Haaren tropfte ihn der Schweiß ins Gesicht und in den Nacken. Das Herz raste. Er griff sich unters Kinn und spürte sofort, wie seine Finger feucht und klebrig wurden.
Fast hätte er seine Frau geweckt, um sie zu bitten, Pflaster und Binden zu holen. Doch dann erkannte er, dass es nur der Angstschweiß war, der sich am Halsansatz gesammelt hatte. Erleichtert seufzte er auf. Trotzdem trieb ihn sein schlechte Gewissen aus dem Bett. Er tapste barfuß in die Stube. Dort lag auf dem Tisch ein Schreiben vom Finanzamt, das heute mit der Post gekommen war und das er eigentlich erst morgen lesen wollte. Angesichts des schrecklichen Traumes hielt er es allerdings für angebracht, es gleich zu studieren – mit der „Bürokratie“ war schließlich nicht zu spaßen.
NÄCHSTE GESCHICHTE >>>
Ihnen hat die Geschichte gefallen und Sie möchten gerne weitere Fantasy-Stories lesen?
Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.
Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.
Vielen Dank!
Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.
Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.
Vielen Dank!
