Marco ist mit seinem Hund im Wald unterwegs, als er bei einem kleinen Halt einnickt und zu träumen anfängt. Sein Traum beginnt am selben Ort, an dem er gerade Rast macht. In ihm wird er in Ereignisse verwickelt, die nur seiner lebhaften Phantasie entsprungen sein können. Doch am Ende des Tages bezweifelt er, ob das alles nur ein Traum war.

Der Junge zog die Haustür hinter sich ins Schloss, trat auf den Hof und pfiff zwei Mal kurz hintereinander. Sofort kam ihm ein Schäferhund entgegengesprungen. Mit in den Nacken gelegten Kopf setzte er sich vor den Jungen und beobachtete dessen Bewegungen. Der Junge graulte den Hund eine Weile zwischen den Ohren, dann hockte er sich hin. Er versuchte, den Kopf des Tieres unter seine rechte Achsel zu klemmen, um ihn mit einer leichten Drehung dazu zu zwingen, sich auf die Seite zu legen. Für einen Augenblick schien der Hund tatsächlich das Gleichgewicht zu verlieren, sein Körper neigte sich nach links. Aber bevor es dem Jungen gelang, ihn ganz umzuwerfen, riss er seinen Kopf aus der Umklammerung und stupste seinen menschlichen Widerpart mit der Schnauze vor die Brust, so dass dieser auf den Hintern fiel. Bei einem wirklichen Kampf wäre der Hund seinem Gegner jetzt wohl an die Kehle gesprungen, doch es war nur ein Spiel und so gab er sich damit zufrieden, sich aus dem Würgegriff befreit zu haben. Er setzte sich erneut vor den Jungen, darauf wartend, was als nächstes geschehen würde.

„Ich ergebe mich.“ Der Junge wuschelte dem Hund den Kopf, dann stand er auf. „Ich gehe mit Benno ein Stückchen“, rief er zu einem offenen Fenster hinein.

„Versuch’ zum Abendbrot zurück zu sein!“, forderte ihn eine Frauenstimme auf.

„Bis dahin bin ich längst wieder da. Ich muss ja auch noch zur Arbeit.“

An den Hof, den der Hund Tag und Nacht bewachte, schloss ein kleiner Garten an. Ein Maschendrahtzaun grenzte ihn vom Gehöft, den Nachbargrundstücken und dem dahinter beginnenden Wald ab. Auf dem Plattenweg, der zwischen den Beeten hindurchführte, liefen der Junge und der Hund zur äußeren Gartentür.

Was da wenige Meter jenseits des hinteren Zaunes emporwucherte, war eigentlich kein richtiger Wald. Es war ein Gestrüpp aus Sträuchern, dünnen Baumstämmchen und jeder Menge Kräuter, die sich ihren Weg zur Sonne suchten. Wald wurde es nur genannt, weil hier früher einmal mächtige Eichen und Buchen so dicht beieinanderstanden, dass die Sonnenstrahlen Mühe hatten, durch deren Kronen hindurch zu brechen. An manchen Stellen blieb es, solange die Bäume ihre Blätter trugen, auch am Tage düster wie in der Nacht.

Den Leuten aus dem Dorf wurde dieses Stückchen Wald irgendwann einmal so unheimlich, dass sie ihm den Namen „Dunkles Loch“ gaben. Doch damit nicht genug: Alte Geschichten erzählten sogar von Pilzsuchern und Holzsammlern, die nicht mehr aus dem „Dunklen Loch“ zurückgekehrt waren. Sie seien einfach zwischen den Bäumen verschwunden, als hätte sie der Wald verschluckt. Auch die Großmutter des Jungen behauptete immer, in ihrer Kindheit wäre der Wildhüter des Gutsbesitzers ebenfalls vom „Dunklen Loch“ verschlungen worden.

Später hatte man beim Begradigen des sich am Dorf vorbeischlängelnden Flusses die Bäume des „Dunklen Lochs“ gefällt. Von da an gab es nur noch die Erinnerungen der Alten, ein paar vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos und die Schauermärchen vom einstmals düsteren Wald. Der Junge lief eine ziemlich weite Stecke auf dem alten Waldweg, einem Überbleibsel aus der Zeit des „Dunklen Lochs“, während sein Hund ständig in den Büschen links und rechts herumschnüffelte. Manchmal tauchte er für eine Weile im Gestrüpp unter. Kam er dann wieder zurück auf den Weg, trabte er zu seinem Herrchen, ohne dass der nach ihm pfeifen musste.

Vor einigen üppig wuchernden Haselnusssträuchern machte der Junge Halt und wartete, bis der Hund den Kopf an seinen Oberschenkeln rieb. Er bog zwei dünne Haselnussstämmchen auseinander. In die sich dadurch zwischen dem Gehölz auftuende Lücke schubste er den Hund hinein. Leicht gebückt zwängte er sich hinterher. Vom Weg sah es so aus, als versuchten die beiden, sich durch undurchdringlichen Dickicht zu kämpfen, doch bereits nach drei Schritten standen sie auf einer kleinen Lichtung. Der Junge war sich sicher, dass dieses idyllische Plätzchen nur die wenigsten kannten. Vielleicht hatten es ein paar Pilzsucher oder der eine oder andere Jäger schon einmal entdeckt, aber die Spaziergänger und Jogger, die hier meistens an den Wochenenden Erholung suchten, waren wohl noch nicht darauf gestoßen.

„So, Benno“, wandte er sich an den Hund, „hier machen wir es uns für eine Weile gemütlich. Du kannst dich nachher noch austoben.“

Die Lichtung war ein flacher Krater, in der Mitte etwas tiefer gelegen als an den Rändern. Auf dem sanft abfallenden Boden fand der Junge schnell eine Stelle, die ihn zum Ausruhen einlud. Er streckte sich im Gras aus, nahm einen trockenen Halm zwischen die Zähne und verschränkte die Arme unter dem Kopf. Über ihm wölbte sich ein strahlend blauer Himmel. Neben ihm schnappte Benno nach umherspringenden Grashupfern.

Irgendwann verlor Benno das Interesse an den Grillen. Danach waren nur noch das Summen der zwischen den Gräsern und Blumen hin und her fliegenden Insekten und das Gezwitscher der Vögel zu hören. Doch diese Geräusche wurden immer schwächer. Als dem Jungen schließlich die Augen zufielen, verstummten auch die Stimmen des Waldes. Wie lange ihn die wohltuende Stille umgab, bis er durch das Brechen trockener Zweiges aufgeschreckt wurde, wusste er nicht genau. Vielleicht waren es nur wenige Augenblicke gewesen? Vielleicht waren aber auch mehrere Stunden vergangen, seit er sich ins Gras gelegt hatte?

Das Knacken kam aus den Büschen unmittelbar hinter ihm. Er versuchte, sich aufzurichten, um nachzuschauen, was sich dort abspielte. Seltsamerweise hielt ihn jedoch etwas am Boden fest, so dass er es nicht einmal schaffte, den Kopf zu heben. Stattdessen hatte er plötzlich das Gefühl, als ob er seinen Körper verließ, um zu erkunden, wer oder was im Unterholz unterwegs war. Dabei sah er sich selbst friedlich in der Sonne schlummern. Auf seinem Gesicht entdeckte er keinerlei Anzeichen, die verrieten, dass ihn etwas beunruhigte.

Ganz anders reagierte Benno: er stand steifbeinig mit gesträubtem Nackenhaar neben ihm. Seinen Blick hielt er auf die Haselnusssträucher gerichtet. Jedes Mal, wenn sich dort etwas bewegte, sprang er ein Stück vorwärts.

Nur ein energisches „Benno, du bleibst hier!“ hinderte ihn daran, loszustürmen. Lange würde er sich jedoch nicht mehr von diesem Kommando zurückhalten lassen, zu sehr rumorten in ihm wohl der Jagd- und Überlebenstrieb.

In diesem Moment schob sich ein weißes Tier aus dem Unterholz hervor. Vorsichtig betrat es die Lichtung und verharrte danach reglos. Im ersten Augenblick hielt der Junge, beziehungsweise das seinem Körper entstiegene Ich, das von nun an das Geschehen übernahm, es für einen weißen Schäferhund. Beim genaueren Betrachten erkannte er jedoch, dass es eine große weiße Wölfin war.

Es schien, als ob die Wölfin dem Menschen und dem Hund so viel Zeit zugestand, sich darüber klar zu werden, was sie da vor sich sahen, dann jagte sie über die Lichtung davon.

Benno machte auf der Stelle kehrt, um sofort hinter ihr her zu hetzen. Zwar stellte sich der Junge ihm in den Weg und brüllte „Bleib hier!“, doch sein Bemühen war zwecklos. Beinahe hätte ihn sein eigener Hund noch zu Fall gebracht, als er, zwischen seinen Beinen hindurch, davonstürzte.

Was sollte er jetzt machen? Warten oder den beiden nachlaufen? Wenn Benno bei der Hatz irgendwann die Puste ausgehen sollte, würde er zur Lichtung zurückkehren oder nach Hause trotten. Käme es aber zum Kampf, könnte er unter Umständen verletzt und hilflos im Unterholz liegen bleiben. An Schlimmeres wollte der Junge gar nicht erst denken. Im Stich gelassen zu werden, hatte sein vierbeiniger Gefährte nicht verdient, deshalb nahm er die Suche auf.

Er ging den Spuren im niedergetrampelten Gras bis zum Ende der Lichtung nach. Dort hatte sich die Wölfin zum Glück nicht blindlings in die Büsche geschlagen, sondern war offenbar einem Wildwechsel gefolgt, auf dem auch er gut vorankommen würde. Bevor er ihn betrat, legte er seine Hände wie einen Trichter vor den Mund und rief so laut er konnte: „Benno. Ich bin hier. Komm her.“ Zuerst antwortete ihm bloß sein eigenes Echo. Aber dann war er sich sicher, das heisere Bellen eines Hundes vernommen zu haben. Leider konnte er die Richtung, aus der das Gekläffe kam, nicht genau feststellen, weil zur gleichen Zeit ein Flugzeug, das den nahe gelegenen Flughafen ansteuerte, mit ohrenbetäubendem Krach über ihn hinwegflog. Er beschloss, so lange wie möglich auf dem Wildwechsel zu bleiben.

Irgendwann stieß der Pfad auf einen mit Schilf zu gewucherten Graben und gabelte sich. Durch das Schilf führte keine Spur. Nun musste er sich entscheiden, nach links oder rechts abzubiegen. Er wählte rechts, warf aber trotzdem einen Blick über die linke Schulter und bemerkte, nur wenige Schritte entfernt, ein Büschel weißen Fells an einem Dornenzweig. Sofort wechselte er die Richtung und hastete daran vorbei.

Jetzt schlängelte sich der Weg öfters durchs Unterholz und er kam langsamer voran. Mit den Armen stieß er Äste beiseite, die ihn das Gesicht zu zerkratzen drohten. Einige schrammten ihn dennoch die Haut blutig. An manchen Stellen musste er auf den Knien zwischen den Büschen hindurchkriechen. Aber immer wieder bewiesen ihn an den Zweigen hängende Haare, – mal weiße, mal braune – dass die Wölfin und Benno ebenfalls hier lang gejagt waren. Als er ein besonders zugewucherte Strecke tief gebückt hinter sich gebracht hatte, gönnte er sich eine kleine Pause. Der Schweiß lief ihm übers Gesicht und er wischte ihn sich mit den Handrücken aus den Augen, die zu tränen begannen. Danach musste er mehrmals blinzeln, weil er seine Umgebung für einen Moment ganz verschwommen wahrnahm.

Vor ihm fiel ein Sonnenstrahl schräg über den Wildwechsel, in dem unendlich viele Staubpartikel auf- und abtanzten. Wie eine flimmernde Wand schienen sie den Weg zu versperren. Bei jedem Schritt, den er sich dieser Wand näherte, veränderte sich ihr Aussehen. Mit ein wenig Phantasie konnte er sogar Bilder darauf erkennen. Kurz, bevor er sie erreichte, formierten sich die Staubteilchen zur Kontur einer geschlossenen Tür, die so echt wirkte, dass er schnell zur Seite blickte und beim erneuten Hinschauen erwartete, etwas Anderes zu sehen. Aber sie war noch da. Als sich der Einfallswinkel des Sonnenstrahls etwas verschob, sah es zudem so aus, als ob sie sich langsam öffnen würde. Wäre er nicht auf der Suche nach Benno gewesen, hätte er diese optischen Gaukeleien gerne länger beobachtet. Da er jedoch weitermusste, entschloss er sich, wenigstens die imaginäre Tür zu durchschreiten.

Als er sie hinter sich gelassen hatte, befürchtete er plötzlich, dass ihm seine Sinne den nächsten Streich spielten, denn auf einmal befand er sich in einem ganz anderen Wald. Hier wuchsen mächtige Eichen, deren Kronen im leichten Wind rauschten. Unter dem Blätterdach war es so düster, dass kaum Unterholz gedieh. Vom Lärm des Flugzeugs hörte er nichts mehr, dafür zwitscherten die Vögel.

Hinter ihm war der Lichtkegel samt Tür-Fata-Morgana verschwunden. Stattdessen entdeckte er, dass der vom Schilf zu gewucherte Graben zum fünfzehn Meter breiten Flusslauf geworden war. Darin konnte er Fische sehen, die nach Mücken schnappten.

Eine Wildente, die sich gemächlich von der Strömung treiben ließ, schreckte auf, weil ein trockener Ast unter seinen Schritten brach. Er schaute ihr nach, wie sie über das Wasser davon flatterte. Als sie zu den Baumwipfeln abdrehte, wurde seine Aufmerksamkeit von etwas Anderem gefesselt. Ein paar Steinwürfe weit flussabwärts umspielten die Wellen eine Landzunge, auf der ein Mädchen am Wasser hockte und mit den Händen im Fluss planschte. Neben ihr kauerte ein Hund. Beide beobachteten die aufgescheuchte Ente.

Der Hund war Benno. Und das Mädchen? Das würde er gleich erfahren.

Dicht an der Uferböschung lief er zu den beiden hin. Als er sich ihnen immer weiter näherte, fing Benno an zu winseln. Das Mädchen schaute über ihre Schulter Richtung Wald.

Der Junge pfiff zweimal kurz, daraufhin stürmte Benno los. Am Beginn der Landzunge trafen sie aufeinander. Der Junge ließ sich auf die Knie fallen, packte den Hund an den Ohren und schüttelte dessen Kopf hin und her.

„Du verrückter Ausreißer“, schimpfte er lachend. Benno versuchte sich zu befreien. Sie rauften solange, bis das Mädchen zu ihnen herübergelaufen kam.

„Ihr beide habt euch aber lieb“, sagte sie.

Der Junge schaute hoch „Genug jetzt, Benno. Platz.“ Sofort streckte Benno die Vorderpfoten aus und blieb im Gras liegen. Der Junge stand auf. „Danke, dass du ihn bei dir behalten hast. Er ist mir ausgebüchst.“ Er streckte ihr seine Hand hin. „Ich bin Marco.“

„Ich bin Frederice.“ Sie hielt ihre Hände hinter dem Rücken verschränkt. Nach kurzem Zögern gab sie ihm die Linke.

„Was ist denn mit deiner anderen Hand?“

„Ach, gar nichts.“

„Komm schon!“, bat er. „Lass mich mal sehen!“

„Es ist nichts“, sagte sie.

Als Marco sich halb um sie herum beugte, zog sie die Hand schnell nach vorn. Doch er konnte erkennen, dass sie blutete.

„War das Benno?“ Frederice nickte. „Aber es tut nicht mehr weh!“

Er holte eine Packung Papiertaschentücher aus seiner Hosentasche.

„Was ist das?“, fragte sie.

„Damit stillen wir das Blut.“

Sie schüttelte den Kopf und rannte zum Wasser. „Ich halte die Hand noch ein wenig in den Fluss, dann beruhigt sich das Blut von ganz alleine.“

„Wenn du meinst.“ Er hockte sich neben sie.

Nach einer Weile hielt sie ihm die Hand vors Gesicht. „Siehst du. Es hat schon aufgehört.“

Marco schaute sich den Biss an. „Da wird wohl eine Narbe zurückbleiben.“

„Halb so schlimm.“

„Trotzdem legen wir das Taschentuch drauf, sonst kommt noch Schmutz in die Wunde. – Keine Widerrede: Ich bin Krankenpfleger. Ich weiß, was passieren kann. Und schau nicht so ängstlich, es ist doch nur ein Papiertaschentuch.“

Bevor Marco sie verarzten konnte, zog Frederice ihre Hand wieder weg.

„Ich kenne kein Papiertaschentuch“, sagte sie, während sie ihn gleichzeitig von oben bis unten musterte. „Und ich kenne auch niemanden, der so etwas anhat wie du. Nicht einmal in der Stadt habe ich jemanden in solchen Kleidern herumlaufen sehen.“

Marco schaute an sich herunter. „T-Shirt. Jeans. Sneakers. So was trägt doch jeder.“ Dann betrachtete er sie. „Na ja. Du vielleicht nicht. Du magst es wohl eher schlicht?“

„Heute ist Donnerstag …“

„Ach so. Und am Wochenende holst du die schicken Klamotten aus dem Schrank. Übrigens … Heute ist Dienstag. Und ich muss noch zum Spätdienst ins Krankenhaus.“

„Ins städtische Krankenhaus“, fragte sie schnell.

„Ja.“

„Oh … vielleicht … wenn du den Franz Krämer dort zufällig treffen solltest, dann bestell’ ihm bitte einen Gruß von mir. Wir waren in derselben Klasse. Sie haben ihm vor Verdun ein Bein abgeschossen. Jetzt liegt er im Hospital.“

Nach ihrer kurzen Erklärung pfiff Marco überrascht durch die Zähne, worauf Benno sofort zu ihm herüber gesprungen kam. Dabei war er etwas ungestüm und stieß Marco in den Rücken. Dieser verlor das Gleichgewicht und kippte vornüber ins Wasser. Pitschenass und prustend kroch er zurück ins Trockene. Trotzdem fiel er Frederice sofort ins Wort, als die kichernd auf ihn einreden wollte. „Warte! Sag mir, welches Jahr wir haben!“

„1917!“

„Es ist Sommer 1917?“

Sie nickte.

„Frederice … bist du vielleicht ein bisschen verrückt … hast du was genommen?“

„Du musst mich nicht so seltsam anschauen. Ich bin nicht verrückt“, antwortete Frederice. „Ich befürchte eher, der Sturz ins kalte Wasser, hat dich durcheinandergebracht. Leg dich lieber eine Weile hin, bis es dir wieder bessergeht. Und zieh vorher das nasse Zeug aus!“

Marco folgte ihrem Rat zum Teil und zog das T-Shirt, die Schuhe und Strümpfe aus.

„Sommer 1917. Was für ein Blödsinn“, murmelte er vor sich hin.

„Wenn du wirklich denkst, ich spinne, nehme ich dich mit zum Gut. Dort werden sie dir schon sagen, welcher Tag heute ist“, erwiderte sie mit beleidigter Mine, so dass Marco beschloss, dieses Datum erst einmal nicht mehr laut anzuzweifeln.

„Na gut. Ich werde mich heute Abend nach deinem Franz erkundigen. Vielleicht geht es ihm ja schon wieder besser?“

„Das wünsche ich ihm so sehr.“ Ihre Augen wurden feucht. „Er lebt wenigstens noch. Meine beiden Brüder, Wilhelm und Heinrich, sind gefallen.“

„Das tut mir leid.“

Frederice fing an zu weinen. Jedes Mal, wenn sie sich mit der rechten Hand die Tränen wegwischte, zog sie einen blutigen Streifen über ihre Wangen, weil die Wunde wieder zu bluten begonnen hatte.

Marco kramte ein nasses Papiertaschentuch aus seiner Jeans, mit dem er ihr das Gesicht sauber tupfte. Diesmal fürchtete sie sich nicht vor dem Stückchen Zellstoff, schluchzte jedoch noch lauter, als sie sah, wie es sich rosarot färbte.

Marco schloss für einen Moment die Augen, zog ihren Kopf an seine Schulter und streichelte ihr tröstend über das Haar. Aber damit konnte er sie nicht beruhigen. Ihre Tränen kullerten immer heftiger, sodass sein halbes Gesicht ebenfalls nass von ihnen wurde.

Als er die Augen wieder aufschlug, stellte er völlig überrascht und enttäuscht fest, dass er nicht durch Frederices Haar strich, sondern Benno zwischen den Ohren graulte. Und es waren auch nicht Frederices Tränen, die sein Gesicht benetzten; stattdessen stupste ihn Benno mit seiner feuchten Schnauze an. Benommen schaute er sich um. Er lag im Gras auf der kleinen Wiese, die Sonne ging bereits unter und es wurde dämmrig. Deshalb war Benno wohl unruhig geworden und hatte ihn geweckt, ohne zu ahnen, aus welch seltsamen aber auch angenehmen Phantasien er sein Herrchen damit holte.


Während des Spätdienstes erledigte Marco seine Arbeiten nur mit halber Aufmerksamkeit. Am liebsten wäre er zur Lichtung zurückgekehrt, um dort die Geschichte zu Ende zu träumen. Er erinnerte sich an keinen seiner Träume, der ihm jemals so fasziniert hatte, von dem er sich wünschte, ihn sofort mit der Realität einzutauschen. Unfassbar, wie so etwas geschehen konnte? Zweimal musste er sich von der Oberschwester zusammenstauchen lassen, weil er ihre Anweisungen einfach überhörte. Da sie in solchen Situationen ihren Unmut immer sehr deutlich zum Ausdruck brachte, riss er sich danach zusammen, um einen weiteren ihrer Rüffel zu vermeiden.

Kurz nach Mitternacht ließ sie ihn kontrollieren, ob bei den Patienten alles in Ordnung sei. Die Meisten schliefen längst und die wenigen, die noch wach waren, hatten keine Wünsche.

Im letzten Zimmer, das er behutsam betrat, stand nur das Bett einer alten Frau, deren gleichmäßige Atemzüge ihren festen Schlaf verrieten. Wahrscheinlich hatte sie sich vor seinem Eintreten noch unruhig umher gewälzt, denn ihre Bettdecke war bis zu den Knien heruntergerutscht. Marco zog die Decke wieder zurecht. Obwohl er sich vorsah, erwachte sie davon.

„Was ist denn los?“, fragte sie benommen.

„Schlafen Sie ruhig weiter“, sagte er leise.

Doch sie setzte sich aufrecht ins Bett, schaute sich um. Bestimmt wusste sie für den Moment nicht, wo sie war, deshalb erklärte er etwas lauter: „Machen Sie sich keine Sorgen. Sie sind im Krankenhaus und können ruhig weiterschlafen.“ Dabei fasste er sie sanft an den Schultern und drückte sie zurück in die Kissen.

Diese Berührung und der Klang seiner Stimme schienen ihren Schlaf aber vertrieben zu haben. Sobald der leichte Druck seiner Hände nachließ, richtete sie sich wieder auf. Marco hatte den Eindruck, dass sie im schwachen Schein der Nachtbeleuchtung aufmerksam sein Gesicht studierte. Und als ob sie dem, was ihre Augen wahrnahmen nicht völlig traute, tastete sie mit ihren Fingern über seine Stirn. Schließlich flüsterte sie seinen Namen.

Dass sie von der Oberschwester erfahren hatte, wie der junge Mann hieß, der sich im Laufe der Nacht um sie kümmern würde, war für Marco völlig klar.

Als sie dann sagte: „Ich habe immer gehofft, dich noch einmal wiederzusehen.“, wusste er, dass sie sich in den Erinnerungen ihres langen Lebens verirrt hatte und ihn mit jemanden aus längst vergangenen Tagen verwechselte. Deshalb ließ er sie weiterreden.

„Schade, dass so viele Jahre bis zu diesem Augenblick vergehen mussten.“ Ihre Finger strichen über seine Wange. „Seltsam, wie wenig dir die Zeit angetan hat. Ich bin eine alte Frau geworden, aber du bist immer noch so jung wie damals.“ Sie atmete tief ein, bevor sie weitersinnierte. „Oder hattest du dort auf der Landzunge womöglich doch Recht? Warst du aus einer anderen Zeit in den Sommer 1917 gekommen? … Übrigens war ich an dem Tag ziemlich wütend, dass du so einfach mit deinem Hund – hieß er nicht Benno – verschwunden bist … Und ich habe noch oft in meinem Leben am Fluss auf den Jungen mit den Papiertaschentüchern gewartet. Doch die Heulsuse Frederice war wohl nicht sein Typ. Deshalb ist er nie mehr zurückgekehrt.“

Marco, der bis jetzt gestanden hatte, musste sich nach ihren Worten erst einmal setzen. Bevor er einen der Besucherstühle neben ihr Bett schob und sich darauf fallen ließ, stieß er absichtlich mit dem Schienenbein gegen die Kante der Sitzfläche. Der augenblicklich folgende Schmerz machte ihm klar, dass er nicht schon wieder träumte, sondern eben seine Erlebnisse vom Nachmittag von der einzigen Person erzählt bekommen hatte, die darüber Bescheid wissen konnte, weil sie zu diesem Geschehen bzw. zu diesem Traum gehörte. Oder weil sie gerade eben aus demselben Traum erwacht war? Wie auch immer? Hier spielte sich etwas völlig Unmögliches ab!

Auch der alten Frau schien aufzufallen, mit welchen Zweifeln er sich herumplagte. Beruhigend streichelte sie ihn deshalb mit der rechten Hand am Knie. Als er die Berührung nach einer Weile endlich wahrnahm und erstaunt auf die von Altersflecken überzogene Haut schaute, drehte die Frau die Handfläche nach oben. Ganz deutlich war darauf eine alte Narbe zu erkennen.

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