Fantasy 16
Hinter Mike liegt ein verkorkster Nachmittag. Seine Clique hat ihn versetzt und er beschließt, die Zeit allein zu verbringen. Etwas widerwillig quält er sich wieder vor seinen Laptop und erwartet dort, auf das übliche Angebot zu stoßen. Doch ihn erwartet eine echte Überraschung, denn was ihm heute virtuell in seinen Bann zieht, ist verrückt und unwahrscheinlich und trotzdem wohl Realität …

Mike schreckte hoch und schaute zum Fenster. Er sah eine Wolkenbank, die das letzte Sonnenlicht vom Himmel radierte. Es wurde duster wie kurz vor Einbruch der Nacht, dabei war es erst später Nachmittag mitten im Sommer. Entweder hatten ihn die Regentropfen, die wild gegen die Scheibe trommelten, aus dem Schlaf gerissen oder es war der Bildschirm seines Laptops gewesen, der gerade aus dem Energiesparmodus hochfuhr und das mittlerweile dunkle Zimmer mit seinem unsteten Licht erhellte.

Weder das beginnende Unwetter draußen, noch die flackernde Lichtquelle drinnen reichten aus, um Mike sofort richtig wach werden zu lassen. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er erst einmal herauszufinden, wo er sich überhaupt befand. Nur langsam erkannte er die vertraute Einrichtung seines Zimmers. Gleichzeitig stellte er überrascht fest, dass er am Schreibtisch saß, auf dem der Laptop leise summte. Vor seinem Computer war er bisher noch nie eingeschlafen. Die Frage, wieso das überhaupt passieren konnte, ließ ihn etwas munterer werden. Hing es vielleicht mit dem Traum zusammen, den er eben noch so intensiv erlebt hatte? Blödsinn, schalt er sich. Er musste ja bereits geschlafen haben, bevor der Traum anfing. Zweifellos lag die Ursache für das Einnicken in einem der Geschehnisse des verkorksten Nachmittags.

Eigentlich hatten sie sich in der Clique gestern darauf geeinigt, heute wieder einmal Fußball zu spielen. Zwar maulten die Mädels – wie immer, wenn es um das runde Leder ging – etwas herum, aber schließlich erklärten sie sich damit einverstanden, 90 Minuten am Spielfeldrand die begeisterten Fans zu mimen, auch wenn sie vor Langeweile am liebsten davonlaufen würden.

Als Mike zur verabredeten Zeit zum Sportplatz kam, war dort niemand. Er angelte sein Handy aus der Hosentasche und checkte die Nachrichten. Keiner hatte ihn darüber informiert, dass das Bolzen ausfallen sollte. Da seine lieben Freundinnen und Freunde es nicht für nötig hielten, ihn in ihre neuen Pläne einzuweihen, wollte er sich ihnen auch nicht aufdrängen, also steckte er das Handy weg, ohne mit einem kurzen Anruf in Erfahrung zu bringen, was jetzt Neues angesagt war.

Hinter der Gemeinheit, ihn einfach so auszuschließen, steckte bestimmt Conny. Sie zickte schon ein paar Tage mit ihm herum, weil er sie nach der letzten Disco nicht nach Hause gebracht hatte, sondern mit Katja im Arm im Park verschwunden war. Falls das hier tatsächlich auf ihr Konto ging, würde sie demnächst wohl eine noch üblere Überraschung erleben. Und wenn sich ein anderer als treibender Keil dieser Sache erweisen sollte, wäre dem die gleiche Überraschung gewiss. Schließlich war Mike kein Hanswurst. Mit seinen 1,85 m, dem durchtrainierten Körper, seinem leicht femininen Gesicht umrahmt von schulterlangen braunen Haaren und den stechend grünen Augen, konnte er sich gut in der Clique behaupten. In der Regel wurde er akzeptiert und kaum eine Entscheidung getroffen, ohne vorher seine Meinung gehört zu haben. Na ja, manchmal zogen sie ihn wegen seiner unmodischen Hippie-Frisur ein bisschen auf, aber das störte ihn nicht. Er hatte beschlossen, eben etwas anders als die anderen zu sein. Und wer damit nicht klarkam, sollte ihn einfach in Ruhe lassen. Er war ja auch nicht der Typ, der ständig an anderen herumnörgelte, die ihr eigenes Ding durchzogen.

Nach dem das Fußballspiel, bei dem er wie immer im Tor gestanden hätte, überraschend und kommentarlos abgeblasen worden war, kehrte er nach Hause zurück. Wie sollte er die Zeit jetzt totschlagen? Um den Laptop machte er erst einmal einen großen Bogen. Fast die ganze letzte Woche hatte er jeden Tag davorgesessen und er glaubte immer noch, seinen brummenden Schädel zu spüren, wenn er an diese Tortur zurückdachte. So schnell wollte er sich das nicht wieder antun.

Da um diese Zeit im Fernseher auf allen Kanälen nur die Trash-Programme liefen und seine DVD-Sammlung auch keine Neuigkeiten bot, konnte er die Klotze ebenfalls vergessen. Und die Bücher, die er immer schon einmal lesen wollte, erschienen ihm plötzlich alle viel zu dick. Für solche Wälzer war er einfach nicht in der richtigen Stimmung. Für einen kurzen Moment zog er deshalb in Erwägung, sein Zimmer aufzuräumen. Zum Glück fiel ihm aber sofort ein stichhaltiges Argument ein, diese Arbeit nicht in Angriff zu nehmen, weil . . . weil er ja seine E-Mails noch lesen musste. Dass er dafür wieder vor dem Laptop hocken würde, war ja eigentlich gar nicht so furchtbar. Also schaltete er den Laptop ein und seinen guten Vorsatz aus.

Alle neuen Nachrichten in seinem Postfach waren SPAMs. Mit ein paar schnellen Klicks wollte er sie löschen. Doch bevor sein Finger die Löschtaste erreichte, entdeckte er eine Nachricht, die mit seiner E-Mail-Adresse versendet worden war und die er deshalb nicht in den Papierkorb verschob.

So eine Mail hatte er bisher noch nie erhalten, darum wollte er unbedingt lesen, was unter seinem Namen durch das Internet geisterte. Die Betreff-Zeile klang zumindest interessant: „Nur für Nerds!“ Zwar fühlte er sich dadurch nicht direkt angesprochen, aber immerhin erleichterte es ihn, dass kein Sex-Angebot beworben wurde. Auch der eigentliche Mailtext war ziemlich unverfänglich formuliert: „Besuchen Sie unsere Homepage und Sie werden Dinge erleben, die Sie bis jetzt für unmöglich hielten!“ Darunter stand ein Link. An dieser Stelle schellten seine Alarmglocken: „Klicke niemals auf einen Link, der in einer SPAM-Mail positioniert ist! Du wirst garantiert auf eine infizierte Seite gelockt!“ Klar, musste jetzt nur eins zu tun: nämlich die E-Mail löschen!

Trotzdem zögerte Mike damit. Es reizte ihn, diese Seite zu besuchen. Dass seine Antiviren-Software mit den neuesten Updates arbeitete, hatte er bereits überprüft, also bestand die Chance, von Cyber-Attacken verschont zu bleiben oder wenigstens rechtzeitig davor gewarnt zu werden, falls ein Schadprogramm versuchen sollte, seine Firewall zu durchbrechen. Vor diesem Risiko fühlte er sich zu 50 Prozent geschützt und zu 50 Prozent vertraute er auf das Glück, dass er auf die Seite eines harmlosen Spinners gelangen würde, der nur den Traffic seiner Homepage pushen wollte, ohne irgendwelche Trojaner oder Viren in Marsch zu setzen.

Nach dem Klick auf den Link öffnete sich eine neuer Browser-Tab, in dem sich ein farbiges Etwas aus unzähligen Bildpunkten zusammenfügte, was aber im Zeitlupentempo geschah. Entweder lag das an Mikes langsamen Internetverbindung oder ein Programmierer hatte sich ein besonders zeitaufwendiges Intro ausgedacht. Als der Seitenaufbau endlich abgeschlossen war, bekam Mike etwas Buntes, Grelles und Chaotisches zu sehen. Weder aus der Nähe noch aus der Distanz von einigen Schritten ließ sich inmitten des Farbwirrwarrs ein Bild oder ein geometrisches Grundmuster entschlüsseln. Die einzigen logischen Anhaltspunkte der eigenwilligen Farbkomposition bestanden aus drei aufblinkenden Staatsflaggen, die ihm die Alternativen boten, sich den Seiteninhalt in Deutsch, Englisch oder Französisch anzeigen zu lassen.

Mike klickte das schwarz-rot-goldene Symbol an. Daraufhin fiel die Grafik in sich zusammen, die Farben verblassten, doch bevor auf dem Bildschirm gar nichts mehr zu sehen war, wurde der Schriftzug „Willkommen auf unserer Homepage“ eingeblendet. Zirka 10 Sekunden blieb die Begrüßung sichtbar, dann erschien eine monitorfüllende Texttafel. Wahrscheinlich waren die Macher der Seite davon ausgegangen, dass jemand, der sich bis hierher geklickt hatte, auch nicht davor zurückschrecken würde, einen umfangreichen Text zu lesen.

Bei Mike ging ihre Spekulation auf. Nachdem sein Interesse einmal erwacht war, las er die Zeilen. Offenbar handelte es sich bei den Betreibern der Homepage um eine Sekte, die ihren Anhängern nicht nur die üblichen Heilslehren verkündete, sondern ihnen auch anbot, mit einer mutigen Entscheidung, den Wechsel vom Alltag ins virtuelle Nirwana zu vollziehen. Mike hätte nach dem heutigen Nachmittag nichts dagegen gehabt, sich für eine Weile aus dem Staube zu machen und deshalb das Angebot gerne angenommen. Bloß wie wollten die Schlaumeier das bewerkstelligen? Beziehungsweise was hatten sie mit der Seite wirklich vor?

Das konnte er nur in Erfahrung bringen, wenn er ihren Anweisungen folgte. Also klickte er auf den „Weiter“-Button. Es erschien die Aufforderung, sich zu registrieren und dafür ein Formular auszufüllen. „Aha“, schlussfolgerte Mike, „sie wollen meine Daten abfassen, um mich anschließend mit noch mehr Spams überfluten zu können.“ Er versuchte die Formularseite zu überspringen, aber das ging nicht. Ihm blieb nun die Wahl, die Felder auszufüllen oder von der Seite zu verschwinden. Abgefragt wurden Name, Anschrift, Alter, Telefon, E-Mail-Adresse.

Weil es für den Empfänger nicht überprüfbar war, ob die Eintragungen stimmten, tippte Mike in jedes Feld falsche Angaben ein und schickte das Formular ab. Daraufhin erschienen vier grau hinterlegte Zeilen, in denen für das Ausfüllen und Versenden gedankt und gleichzeitig um Geduld gebeten wurde, da die Auswertung der Daten, einen Moment Zeit beanspruchen würden.

Plötzlich geschah etwas Ärgerliches: von einer Sekunde auf die andere verdunkelte sich der Monitor. Mike drückte einige Tastenkombinationen, klappte den Laptop zu und wieder auf und wackelte am LAN-Kabel. Nichts half. Alles blieb schwarz. „Es wäre passend für diesen Tag“, dachte er, „wenn jetzt dieses Mistding den Geist aufgeben würde.“

Er versuchte es erneut mit Zu- und Aufklappen, ohne Erfolg. Danach blieb ihm nur noch ein Neustart, vielleicht ließe sich damit etwas erreichen. Sein Daumen berührte gerade den „Power“-Knopf, als der Bildschirm explosionsartig aufflammte. Instinktiv schloss Mike die Augen und schlug die Hände vors Gesicht, um sich vor herumfliegenden Splittern zu schützen. Danach musste er für einen Moment ohnmächtig geworden sein. Als er wieder zu sich kam, hörte er eine Mädchenstimme fünf oder sechs Mal hintereinander rufen: „Hallo, Oliver. Es wird wirklich Zeit, aufzuwachen!“

„Bestimmt wird Oliver ihr gleich den Gefallen tun“, überlegte sich Mike. Dann gäbe die Stimme endlich Ruhe und er könnte ungestört weiter vor sich hindösen. Aber Oliver schien nicht zu reagieren, denn das Mädchen redete unaufhaltsam auf ihn ein.

„Wo kommen dieser Oliver und das nervende Mädchen eigentlich her?“, fragte sich Mike. Er war doch die ganze Zeit allein in seinem Zimmer. Außerdem kannte er keinen Oliver, obwohl er den Namen vor kurzem gehört oder sogar selber benutzt hatte. Doch bei welcher Gelegenheit? … Richtig: bei dem Formular. Dort hatte er einen „Oliver Müller“ eingetragen. Also meinte die Stimme womöglich ihn? Aber das war unwahrscheinlich! Niemanden hatte er sich bisher als Oliver vorgestellt.

Es konnte sich demnach nur um einen ziemlich realistischen Traum handeln. Denn wenn es kein Traum wäre und Mike plötzlich als Oliver angesprochen wurde, müsste er sich ja auf der Web-Site aus seiner E-Mail befinden. Und das war noch unmöglicher. Erstens, weil es einen solchen virtuellen Ausflug nicht gab. Und zweitens, weil ihm der Laptop um die Ohren geflogen war – daran konnte er sich nämlich genau erinnern – und er jetzt verletzt in seinem Zimmer liegen musste.

Wieder drängte die Stimme.

„Mann, Oliver“, schimpfte Mike. „Werd‘ endlich munter!“

„Habe ich es doch noch geschafft, dich zu wecken“, äußerte sich daraufhin die Stimme.

Blinzelnd schaute sich Mike nach der Sprecherin und dem nun scheinbar munteren Oliver um. „Dein Gesäusel hat seinen Schlaf bestimmt nicht gestört“, knurrte er ärgerlich. „Davon bin ich nur wach geworden. Und offensichtlich konnte ich den Typ auch munter kriegen.“

Obwohl Mike seine Umgebung erkennen konnte, sah er weder Oliver noch das Mädchen, das die ganze Zeit gesprochen hatte. Er selber lag – ja worauf eigentlich? – er lag nirgendwo, sondern schwebte waagerecht in einem vollkommen leeren Raum, der statt von Wänden, von undurchdringlichem Nebel umschlossen wurde. Beim Versuch, den Nebel, der dicht an seiner linken Seite waberte, mit der Hand zu berühren, verschwanden seine Finger in einer eiskalten Substanz.

„Du kannst jetzt aufstehen“, forderte ihn die Stimme mit einem leichten Kichern auf. „Und suche nicht nach einem anderen Oliver. Es gibt hier außer dir niemanden, der diesen Namen trägt. Und außerdem bist du sowieso ganz allein bei uns zu Gast.“

Das ließ in Mike ein ungutes Gefühl aufkeimen. Bevor es ihn aber überwältigen konnte, beschloss er, sich in den Arm zu kneifen. Sollten seine Finger dabei wieder nur eiskalte Leere berühren, müsste alles in Ordnung sein. Dann handelte es sich einfach um einen fast realen Traum, aus dem er irgendwann einmal erwachen würde. Verspürte er dabei allerdings Schmerz, hätte er ein ernsthaftes Problem, weil er sich dann nämlich wirklich an diesem mehr als seltsamen Ort befinden könnte. Er kniff kräftig zu und es tat weh und er wusste, dass er nicht träumte.

„Davon wirst du ja endgültig wach geworden sein“, schlussfolgerte die Stimme, deren unsichtbare Besitzerin seinen Selbsttest beobachtet haben musste.

Mike setzte sich auf. Unter ihm, dort wo seine Füße baumelten, gab es keinen festen Boden, auch hier versperrte ihm der Nebel die Sicht. Wohin würde er fallen, wenn er sich in das weiße Nichts gleiten ließ?

Die Stimme schien seine Befürchtungen zu erahnen. „Keine Angst. Der Nebel wird dich tragen.“

Halbherzig traute er ihrer Versicherung. Er rutschte von seinem schwebenden Lager herunter und seine Füße fanden tatsächlich Halt. „Wie geht es nun weiter?“, fragte er.

„Bleib einfach stehen“, erklärte die Stimme. „Dir wird gleich alles gezeigt, was wichtig ist.“

Mike rührte sich nicht. Wahrscheinlich war es das Klügste, den Anweisungen zu folgen, dabei konnte er die wenigsten Fehler machen. Langsam kehrte auch ein Funken Zuversicht zurück. Dass ihm der Arm beim Kneifen wehgetan hatte, musste ja nicht unbedingt bedeuten, dass das hier tatsächlich alles real war. Er erinnerte sich an Träume, in denen er auch körperliche Schmerzen empfunden hatte, ohne davon gleich aus dem Schlaf gerissen worden zu sein.

„Bist du noch da?“, fragte er in den leeren Raum hinein.

„Natürlich.“

„Für mich wäre das alles leichter zu kapieren, wenn ich dich sehen könnte. Kannst du nicht einfach zu mir kommen?“

Die Stimme zögerte mit einer Antwort. „Warte einen Moment. Ich will sehen, ob sich deine Bitte erfüllen lässt.“

„Was soll ich denn sonst tun, außer zu warten?“, dachte Mike. „Vielleicht davonlaufen, um endlich wieder vor dem Laptop zu sitzen. Eins schwöre ich: Wenn ich das hier überstanden habe, bleibt das Ding mindestens drei Wochen aus! Man wird ja wirklich verrückt vor der Kiste.“

„Okay, Oliver. Ich komme zu dir“, meldete sich die Stimme nach einer Weile wieder „Du musst mir aber vorher verraten, wie ich deiner Meinung nach aussehe.“

Was hatte das nun wieder zu bedeuten?

„Eigentlich habe ich überhaupt keine Vorstellung wie du aussiehst. Lass dich erst einmal anschauen, dann sage ich dir schon, ob du mir gefällst.“

„Nein, wir machen das andersherum. Du sagst, wie du mich haben willst, und so wirst du mich auch sehen.“

„Jetzt mal langsam.“ Mike dämmerte, worauf sie hinauswollte, „Das klingt ja, als könntest du jede beliebige Gestalt annehmen?“

„Das kann ich. Nun fang schon mit deiner Beschreibung an.“

„Na gut. Ich will es versuchen.“ Mike überlegte einen Moment. „Deine Stimme klingt ein wenig wie Katjas Stimme. Sie ist ein Mädchen aus … na ja, von dort, wo ich herkomme. Du könntest ihr ähnlichsehen. Sie ist etwas kleiner als ich.“ Er hielt seine flache Hand in Nasenhöhe. „Ungefähr so. Ihre Haare sind blond. Sie gehen ihr bis zur Schulter. Schlecht sieht sie nicht aus. Eigentlich hat sie ein hübsches Gesicht. Und ihre Figur? Tja, es lohnt sich schon, sich nach ihr umzudrehen.“ Er machte eine kleine Pause. „Hoffentlich reicht dir das. Genauer kann ich Katja nicht beschreiben. Oder warte. Das hätte ich beinah vergessen. Sie hat wunderschöne blaue Augen.“

„Dann schau mal nach vorn“, forderte ihn die Stimme auf, die jetzt nicht mehr von oben herabklang, sondern vor ihm aus der Nebelwand zu dringen schien, „und sage mir, ob ich deiner Katja ähnlich bin.“

In dem milchigen Weiß zeichnete sich die Figur eines Mädchens ab. Solange die Silhouette nur undeutlich zu erkennen waren, glaubte Mike, es sei tatsächlich Katja. Beim Näherkommen stellte er aber fest, dass seine Beschreibung nicht ganz dazu ausgereicht hatte, um die wirkliche Katja nachzubilden. Vielleicht lag es aber auch daran, weil die richtige Katja eben ein außergewöhnliches Mädchen war, das nicht so einfach geklont werden konnte. Obwohl Mike also nicht einhundertprozentig zufrieden war, hatte sich die Stimme trotzdem eine sehr attraktive menschliche Hülle geschaffen.

Mike stieß einen anerkennenden Pfiff aus. „Du siehst echt gut aus und Katja zum Verwechseln ähnlich.“ Er streckte seine Hand aus, um ihr Haar zu berühren.

„Du kannst mich nicht anfassen“, sagte sie mit einem nachsichtigen Lächeln, „mein Körper ist eine Holographie. Er ist nur die virtuelle Erfüllung deiner Bitte.“

Aber Mike konnte sich nicht zurückhalten. Sein Wunsch, ihre Haare zwischen den Fingern zu spüren, war größer, als das Vertrauen in ihre Worte. Immer noch lächelnd ließ sie ihn gewähren. Seine Finger erreichten ihren Scheitel. Behutsam wollte er ihr über die blonden Strähnen streicheln. Doch er fasste ins Nichts. Erschrocken sah er seine Hand in ihrem Kopf verschwinden. „Ent … entschuldige“, stammelte er verlegen, als er seine Hand ungläubig zurückzog. „Es sieht so echt aus.“

„Alles nur Bits und Bytes“, erklärte sie. „Wie du es vom Surfen gewöhnt bist.“

„Nur, dass sich sonst alles auf dem Bildschirm abspielt und ich nicht mitten drin bin.“ Hilflos schaute sich Mike um, „Was mach ich hier bloß, Katja?“ Unbewusst hatte er sie mit diesem Namen angesprochen. „Wie heißt du eigentlich wirklich?“

„Für dich Katja, Oliver.“

„Absurd“, dachte Mike, „da treffen sich zwei grundverschiedene Wesen in einer nichtexistierenden Welt und reden sich auch noch mit falschen Namen an.“ Kopfschüttelnd wiederholte er seine Frage: „Was mache ich hier? Und wie bin ich eigentlich hier hergekommen?“

„Du warst auf unserer Web-Site, hast das Formular ausgefüllt und abgeschickt und damit dein Einverständnis gegeben, dass wir dich hierher zu uns holen.“

„Katja.“ Er trat einen Schritt zurück. „Lass uns einmal vernünftig an die Sache herangehen. Abgesehen davon, dass mir das alles hier nur meine Phantasie vorgaukelt, kann man keinen Menschen, kein Auto oder sonst irgendetwas von einem Ort zum anderen beamen. Und schon gar nicht ins Internet.“

„Du unterschätzt unsere Möglichkeiten“, wies ihn Katja zurecht. „Du bist wirklich hier. Und du hast die Chance, etwas zu erleben, was bisher noch keinem anderen Menschen vergönnt war. Aber genauso steht es dir frei, wieder zurückzukehren, jetzt oder wann immer du willst.“

„Wenn ich kein Gefangener bin und den Zeitpunkt meiner Rückkehr selber wählen kann, dann wird es Zeit, mich auf den Weg nach Hause zu machen“, entschied Mike. „Fürs erste habe ich genug erlebt. Wenn ich dich wiedersehen möchte, kann ich ja jederzeit wiederkommen. – Oder?“

„Im Prinzip schon. Es kann aber passieren, dass unsere Seite in Zukunft so gut besucht wird, dass es für dich schwer wird, den Transfer zu schaffen. Auch als unser erster Besucher hast du in dieser Hinsicht keine Privilegien zu erwarten.“

„Also wird es ein zweites Rendezvous nur unter Vorbehalt geben. Das ist zwar schade, aber es ist ohnehin unwahrscheinlich, den selben Traum zweimal zu träumen.“, sagte er schnippisch. „Lass uns deshalb schnell meine Rückkehr vorbereiten. Denn wenn ich vorher aufwache, würde ich ja glatt die Details verpassen, die mich wieder nach Hause bringen.“

Nachdem er sich so entschieden hatte, begann sich der Raum zu verändern. Die Nebelwand wich auseinander und beide bewegten sich auf die entstehende Öffnung zu. Dabei konnte sich Mike nicht genau erklären, wie die Bewegung zustande kam. Einerseits hatte er das Gefühl, dass er auf der Stelle verharrte und die Wände weggezogen wurden, andererseits kam es ihm aber so vor, als befände er sich auf einem Laufband, das ihn allmählich nach vorn transportierte.

Jenseits der Nebelwand gelangten sie in einen wesentlich größeren Raum, als den, den sie eben verließen. Auch dessen Abgrenzung bestand aus den milchigen, für Blicke undurchdringbaren Schwaden, an denen in Augenhöhe fensterartige Öffnungen angebracht waren, die Mike an Bildschirme erinnerten. Vierzehn solcher Gebilde zählte er. Gleichgroß und in einheitlichem Abstand voneinander entfernt, vermittelten sie ihm den Eindruck, in einem kreisförmigen Raum angekommen zu sein. Ihr Hintergrund war dunkel und Mike schien es, als schaue er durch sie in eine rabenschwarze Nacht hinaus. Er drehte sich einmal um die eigene Achse und musste erkennen, dass der Durchgang, den sie gerade passiert hatten, bereits verschlossen war. Hier hing jetzt das Fünfzehnte der seltsamen Geräte.

Überzeugt davon, dass er von diesem Ort seine Heimreise antreten sollte, widmete er seine Aufmerksamkeit wieder Katja. Deren Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Zuerst empfand er es bemerkenswert, wie es einer Software gelang, einer virtuellen Figur mit entsprechenden Mienenspiel und Körpersprache eine menschliche Ausdrucksweise zu verleihen. Als er aber sah, wie sie mit ratlosem Ausdruck die Wandgebilde musterte, merkte er, dass etwas nicht stimmte. „Gibt es Probleme?“

Sie trat an eines der Geräte und berührte es mit der flachen Hand. Daraufhin flackerte es kurz auf und der schwarze Hintergrund wich einem helleren Farbton, der sich allmählich dem Milchweiß der Wand anpasste. Offenbar wollte Katja jedoch etwas Anderes bewirken. Sie wischte mit der Hand über den Apparat, doch es änderte sich nichts

„Was hast du für ein Problem?“, wollte Mike wissen. „Kann ich etwas tun?“

Er schob sich durch Katjas virtuelle Erscheinung hindurch und legte seine Hände ebenfalls auf das bildschirmartige Gebilde. Doch genau wie bei der Nebelbarriere spürte er keinen Widerstand, sondern nur ein eiskaltes Nichts.

„Lass das sein!“, wies ihn Katja zurecht. „Wir steuern unsere Technik nicht durch Berührungen, sondern durch mentale Kommunikation. Dass ich meine Hand auf den Bildschirm gelegt habe, war eine bedeutungslose Geste. Allerdings entspricht deine Vermutung, es gäbe Probleme, der Wahrheit: Der Transferkorridor, durch den du hierher gelangt bist und durch den du uns auch wieder verlassen wirst, funktioniert nicht. Die Ursache scheint bei der Gegenstelle zu liegen.“

Mike wurde blass. Tief durchatmend schloss er die Augen und befahl sich: „Aufwachen! Schluss mit dem Traum! Langsam wird es zu dramatisch.“

Währenddessen war Katja drei Schritte zurückgetreten, so dass sie neben Mike stand und er nicht mehr zur Hälfte aus ihr herausragte.

Als Mike die Augen in der Hoffnung öffnete, endlich wieder in seinem Zimmer zu sein, aber stattdessen Katja immer noch neben sich stehen sah, kamen ihm unwillkürlich die Tränen.

„Katja, muss ich jetzt für immer hierbleiben?“, fragte er mit leicht bebender Stimme er.

„Sobald der Transferkorridor wieder korrekt arbeitet, geht es für dich ab nach Hause“, tröstete sie ihn.

Niedergeschlagen wischte er sich über das feucht gewordene Gesicht. „Transferkorridor … Gegenstelle …  ich kapiere von all dem überhaupt nichts. Ich will nur endlich weg!“

„Ich werde versuchen, dir zu erklären, wie es funktioniert.“ Sie schien entschlossen zu sein, ihn von seinen trüben Gedanken abzulenken. „Der Transferkorridor befindet sich auf unserer Seite. Er beginnt hinter den Materiewandlern und endet auf deiner Seite am Bildschirm des Laptops. Das ist die Gegenstelle, die du benutzt hast, um zu uns zu gelangen. So lange der Bildschirm eingeschaltet ist, besteht die Möglichkeit, durch den Korridor zwischen unseren unterschiedlichen Welten hin und her zu wechseln.“

„Ich verstehe“, seufzte Mike. „Der Monitor ist die Pforte, durch die man ein- und ausgeht. Und diese Pforte bleibt mir für immer verschlossen.“

„Wie kommst du denn auf eine solche Idee?“

„Weil meine Gegenstelle nicht mehr existiert“, hauchte Mike kaum hörbar, um dann lauter hinzuzufügen: „Mein Laptop ist mir um die Ohren geflogen, nachdem ich euer Formular abgeschickt habe. Er ist explodiert. Er hat sich in Schall und Rauch aufgelöst. Er ist futsch.“

„Unmöglich“, widersprach Katja. „Wenn der Bildschirm schon kaputt gewesen sein sollte, bevor die Materiewandler deinen physischen Zustand verändern konnten, könntest du gar nicht hier sein. Außerdem war die Verbindung noch intakt, als ich vorhin zu dir kam. Ich habe ja dein Zimmer gesehen. Allerdings sah es dort tatsächlich wie nach einer Explosion aus.“

Ihre Argumente empfand Mike als bloße Beruhigung, die in ihm einen Funken Hoffnung am Leben halten sollten. Als sie aber den Zustand seines Zimmers beschrieb, wurde er hellhörig. Auf Außenstehende, seine Eltern eingeschlossen, wirkte seine kreative Art, Gegenständen und Sachen in einem Raum zu verteilen, mitunter chaotisch – oder eben wie nach einer Explosion. Dieses Missverständnis brachte ihn sonst immer in Rage. Es jetzt aber von Katja zu hören, versetzte ihn fast in einen Glückszustand. Würde es doch bedeuten, dass wenigstens die Explosion nicht stattgefunden hätte und damit die Heimkehr nicht vollkommen ausgeschlossen wäre.

„Gesetzt dem Fall“, formulierte er vorsichtig, „der Laptop samt Bildschirm ist noch ganz, welche Ursache könnte die Unterbrechung dann sonst haben?“

„Vielleicht hat ihn jemand ausgeschalten.“

Daran hatte Mike nicht gedacht. Sofort erlosch seine Hoffnung wieder. Niedergeschlagen stimmte er Katja zu. „Es könnte möglich sein. Aber das wäre genauso verheerend wie die Explosion. Weder meine Mutter, noch mein Vater kämen von allein auf die Idee, den Computer wieder einzuschalten, schon gar nicht, wenn ich tagelang verschwunden bin.“

„Oder er befindet sich im Ruhezustand.“

„Das käme auch in Frage.“

„Dann müssen wir ihn aktivieren. Und zwar von hier aus.“ Für einen Moment schwieg sie und Mike konnte förmlich mitverfolgen, wie sie nach einer Idee suchte, ihren Gedanken in Taten umzusetzen. „Ich werde versuchen, eine E-Mail zu schicken. Meldet dir dein Programm den Eingang neuer Mails?“

„Ja.“

„Dann könnte das zum Hochfahren des Laptops führen.“ Sie schloss die Augen und blieb mehrere Sekunden still.

„Mentale Kommunikation“, dachte Mike. „Etwas tun, indem man nichts tut. Ob das klappt?“

„Fehlanzeige“, meldete sie sich wieder. „Der Mailserver konnte nicht gefunden werden. Vielleicht fällt dir etwas Besseres ein?“

„Auf den Provider ist kein Verlass“, schimpfte Mike. „Ich stecke bis zum Hals in Problemen und der Dummkopf lässt den Server abstürzen . . .“ Er wollte noch eine Verwünschung hinzufügen, doch dann fiel ihm tatsächlich etwas Besseres ein. „Die E-Mail-Adresse?“, fragte er aufgeregt. „Welche E-Mail-Adresse hast du genommen?“

„Natürlich deine“, erwiderte Katja.

„Natürlich deine“, wiederholte er, „Aber die ist falsch. Es ist gar nicht meine.“

„Es ist die Adresse aus dem Formular.“

„Eben – probiere es noch einmal mit dieser.“ Er nannte ihr eine andere.

Wieder schloss Katja die Augen und schickte die Mail an die neue Adresse.

Mike lachte auf, als sie ihm mitteilte, dass diesmal zumindest keine Fehlermeldung angezeigt wurde. Seine Freude steigerte sich noch, als der Materiewandler, wie ihn Katja nannte, zu flackern begann und schließlich einen Ausschnitt seines Zimmers zeigte.

„Katja, du hast es geschafft. Der Bildschirm ist nicht explodiert und nicht aus. Er ist wieder an und ich kann zurück. Am liebsten würde ich dich umarmen.“

Auf diese Ankündigung hin wich sie so weit zurück, dass sie aus der Reichweite seiner Arme kam und ihn somit davon abhielt, sich wieder in sie zu versenken.

„Beeil dich“, forderte er ungeduldig „Mach dein Hokuspokus, damit ich wieder nach Hause komme!“

„Langsam, Oliver.“ Sie musterte ihn von oben bis unten. „Ich glaube, du bist mir noch eine Erklärung schuldig.“

Mike schien ihren Einwand zu überhören. „Wenn du dich nicht beeilst, kommt vielleicht meine Mutter ins Zimmer und macht den Computer wirklich aus. Dann wäre alles umsonst.“

Aber Katja ließ ihn zappeln. „Wieso stand die falsche E-Mail-Adresse im Formular, Oliver?“

„Na gut.“ Er sah ein, dass er wohl um eine Erklärung nicht herumkam. „Alle Angaben im Formular sind falsch. Ich bin nicht Oliver Müller. Ich wohne nicht unter der angegebenen Anschrift. Die Telefonnummer ist erfunden und die E-Mail-Adresse auch.“

„Aber warum?“

„In solche Formulare trage ich nie meine richtigen Angaben ein. Wer so etwas abfragt, ist nur darauf scharf, dich anschließend mit Werbung zu bombardieren oder er verkauft deine Daten an dubiose Adresshändler. Dass es in diesem Fall anders sein würde, konnte ich ja nicht ahnen.“ Das meinte er ehrlich. „Wenn wir noch Zeit haben, könnte ich die Eintragungen ja noch korrigieren.“

„Es reicht, wenn du das bei deinem nächsten Besuch machst. Nur deinen richtigen Namen möchte ich gern wissen.“

„Mike.“

„Tschüss, Mike“, sagte sie, dann verschwand sie und er stürzte in eine bodenlose Finsternis, aus der er erst wieder auftauchte, als ihn sein hochfahrender Bildschirm aus dem Schlaf riss. Der stand tatsächlich auf seinem Schreibtisch und der Raum, in dem er sich befand, entpuppte sich als sein Zimmer. Die Wände waren mit Postern lächelnder Popstars beklebt und um die Schlafcouch herum, sah es aus wie nach einer Explosion. T-Shirts, Jeans, Schoko-Riegel-Papier, Socken und zwei leere Colabüchsen lagen dort, wo sie bestimmt nicht hingehörten.

Nebenan in der Küche klapperte seine Mutter mit dem Geschirr. Gleich würde sie hereinkommen und sich furchtbar darüber aufregen, wie man es in einer solchen Unordnung nur aushalten könnte. Das war sein Zuhause und es war alles in Ordnung.

Auf dem Monitor erschien die Mitteilung: „Leider sind Ihre Angaben falsch. Bitte tragen Sie die korrekten Daten ein! – Ihre Katja vom Serviceteam.“

NÄCHSTE GESCHICHTE >>>
Ihnen hat die Geschichte gefallen und Sie möchten gerne weitere Fantasy-Stories lesen?

Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.

Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.

Vielen Dank!

Mehr Fantasy-Geschichten
gibt's im Archiv!