Thorbald lag hinter einem großen Steinbrocken verborgen und beobachtete die Umgebung, die vom heraufbrechenden Tageslicht erhellt wurde. Immer wieder wischte er sich verstört über die Augen, die ihn offensichtlich einen Streich spielten, denn was er sah, weigerte sich sein Verstand, zu akzeptieren.
In fast greifbarer Nähe zu seinem Versteck tauchte eine Turmspitze zwischen den Felsmassiven auf. Nach einem Blinzeln verschwand sie wieder, um nach dem nächsten Blinzeln erneut in sein Sichtfeld zu geraten, diesmal aber ein Stückweit entfernt vom Standort ihres erstens Erscheinens. Manchmal waren neben der Turmspitze auch die Silhouetten einer Brücke und die Zinnen einer mächtigen Burganlage zu erkennen. Es schien so, als wandere eine Stadt über den Bergpass, der sich von Nord nach Süd durch das Gebirge zog.
Da er von seinem Platz aus nicht feststellen konnte, ob er einer Fata Morgana aufsaß oder sich tatsächlich etwas derart Ungewöhnliches vor ihm her bewegte, beschloss er, sich das Ganze aus der Nähe anzuschauen. Entweder erwies es sich als Realität oder er konnte es als Trugbild enttarnen. Er schwang sich auf sein Pferd, das er aus einer kleinen Höhle herausführte, in der er es vor neugierigen Blicken versteckt hatte.
Die Sonne stand bereits im Zenit, bevor er zu sehen bekam, was eigentlich unmöglich war. Auf dem Pfad, der sich hier durch ein weites Tal schlängelte, schritt gemächlich ein riesiges Pferd vor ihm her, dessen Körper Gebäude, Straßen und Brücken bedeckten. Wie eine Siedlung, die an einem Berghang klebte, krallte sich eine ganze Stadt an dem Pferdeleib fest.
Thorbald musste sein Reittier zu einem scharfen Galopp antreiben, um dem Wunder nahe kommen zu können. Obwohl er neben dem Koloss nur wie ein kleiner Stein anmutete, schien der ihn dennoch bemerkt zu haben, denn er blieb stehen.
Von seinem rechten Vorderbein senkte sich eine hölzerne Plattform herab, auf der zwei Gestalten standen, die Thorbald zuwinkten. Er ritt zu ihnen auf den Podest und ließ sich in die Höhe ziehen. Von den beiden erfuhr er, dass das Ross durch die Welt zog, um Bewohner für seine Häuser und Paläste zu finden. Jeder, der sich entschloss, hier zu bleiben, dürfe sich eine der freien Unterkünfte als Wohnstatt aussuchen.
Nun war Thorbald ein Vagabund und Dieb, der es nie lange an einem Ort aushielt, selbst wenn es ein Palast sein sollte. Doch er würde sich gerne in der Stadt nach Dingen umschauen, die für seine zweite Profession von Nutzen sein konnten. Davon erzählte er den beiden Fährmännern natürlich nichts. Stattdessen gaukelte er ihnen vor, an einem Dableiben interessiert zu sein.
Als er von der hölzernen Plattform herunter auf eine der gepflegten Straßen trat, staunte er darüber, dass hier nichts von dem Galopp zu spüren war, mit dem das Riesenpferd mittlerweile über den Pfad im Tal stürmte.
Thorbald schlenderte an Häusern mit schmucken Fassaden vorbei. An einem, das ihm besonders gefiel, blieb er stehen und trat ein. Es schien unbewohnt zu sein. Von einem Zimmer gelangte er in das nächste. Für ihn lohnte es sich nicht, in den schlichten Möbeln nach etwas Wertvollem zu suchen. Das würde er dort nicht finden. Eher vermutete er, auf dem Dachboden auf ein Versteck zu stoßen, in dem die Dinge verborgen lagen, für die sein Herz schlug: Gold und Geschmeide.
Auf dem Weg nach oben, konnte er förmlich fühlen, dass hier das Glück lauerte, dem er schon so viele Jahre vergeblich nachjagte. Bereits in der ersten Dachkammer, die er betrat, entdeckte er in der hinteren Ecke eine gewaltige Truhe. Schnell eilte er darauf zu. Bevor er das Schloss, in dem der Schlüssel steckte, öffnete, fiel ihm eine Pergamentrolle auf, die auf dem Truhendeckel lag. Vielleicht ein Verzeichnis aller Kostbarkeit, die das Behältnis barg? Er entrollte sie und überflog die darauf stehende Botschaft. Dann stieß er einen wütenden Fluch aus. Gleichzeitig erscholl draußen das Wiehern des Pferdes. Ein höhnisches Wiehern wie er fand.
„Wenn du diese Zeilen gelesen hast, bist du mein Sklave. Du wirst nie mehr von diesem Ort in die Freiheit zurückkehren können!“ war auf dem Pergament zu lesen.

NÄCHSTE GESCHICHTE >>>
Ihnen hat die Geschichte gefallen und Sie möchten gerne weitere Fantasy-Stories lesen?

Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.

Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.

Vielen Dank!

Mehr Fantasy-Geschichten
gibt's im Archiv!