Der Magier rieb sich zufrieden die Hände. Gerade hatte er die Herzdame seines Intimfeindes pulverisiert, ins Nichts aufgelöst. Nur drei Tropfen der Tinktur waren dafür nötig gewesen, deren Rezeptur auf Seite 1111 seiner Zauberfibel stand.
Zwar musste er einen gewissen Aufwand betreiben, um alle Ingredienzien für das Gebräu zusammen zu bekommen, doch der Triumph, mit dem er dafür belohnt wurde, rechtfertigte alle Mühen. Er murmelte schnell noch einen Dank an den Dämonen der Finsternis, denn nur durch dessen Unterstützung konnte er sich des Mädchens überhaupt bemächtigen. Ohne dessen Hilfe wäre es ihm nie gelungen, einen Keil zwischen den Recken Azur und Prinzessin Theodora zu treiben. Wie Pech und Schwefel klebten beide ständig aneinander. Es schien fast so, als hätten sie sich in ihrem Leben noch nie getrennt.
Erst die Einflüsterungen des Dämons ließen in Theodora Zweifel an Azurs Treue aufkeimen, was dazu führte, dass sie sich von ihm zurückzog und in die Arme des Magiers geriet, der ihr mit seinem altväterlichen Charme, wie ein rettender Anker erschien.
Azur eilte durch den Burggarten. Seit Tagen verbarg sich Theodora vor ihm. Noch immer rätselte er darüber, warum sie ihm aus dem Weg ging. Es hatte weder Streit noch böse Worte zwischen ihnen gegeben. Jetzt suchte er an Orten nach ihr, von denen er wusste, dass sie sich gern dorthin zurückzog, wenn sie allein sein wollte.
An einer dieser abgelegenen Stellen entdeckte er tatsächlich eine einsame Gestalt. Voller Hoffnung näherte sich Azur ihr. Doch als er nur noch wenige Schritte entfernt war, erkannte er, wen er aufgespürt hatte; den Magier und nicht die Gesuchte. Dass sich der alte Quacksalber hier herumtrieb, wunderte ihn. Eigentlich war er sich sicher, dass niemand außer der Prinzessin und ihm selbst von dem Pavillon wusste, der durch die Zweige der mächtigen Weide gebildet wurde.
Sein Blick fixierte den Magier, der kaum das unangenehme Gefühl verbergen konnte, ausgerechnet an diesem Ort dem Recken zu begegnen. Um seine Verlegenheit zu überspielen, haschte er nach einem Schmetterling, der vor seinem Gesicht durch die Luft gaukelte. „Der hat mir noch gefehlt“, setzte er zu einer Erklärung an. „Sein zerstoßener Kadaver ist die letzte Zutat, die ich für einen erquicklichen Sud benötige.“
„Lass ihn fliegen!“, herrschte Azur ihn an. „Das ist Theodoras Oase. Was hier kreucht und fleucht, liegt ihr am Herzen und wird niemals die Zutat deiner Giftbrühen werden.“
Statt gleich etwas darauf zu erwidern, brach der Magier in ein schallendes Gelächter aus. Danach spie er Azur Worte ins Gesicht, die er wohl besser für sich behalten hätte. „Deine Theodora wird keine ihrer Oasen jemals wieder aufsuchen, denn ihr Herz, das sich für so viele Dinge begeisterte, schlägt längst nicht mehr.“
Azur riss sein Schwert aus der Scheide und setzte die Spitze an den Hals des Magiers. „Gib dem Schmetterling seine Freiheit zurück und dann stirb oder scher dich zu deinen Dämonen!“
Nachdem der Falter aus der Hand des Magiers entkommen war, stieß Azur zu. Aber seine Klinge durchbohrte nicht die Kehle des Gegners, sondern fuhr in den Stamm der Weide, aus deren Krone das Gelächter des Magiers auf ihn herabfiel. „Sie ist tot. Du wirst sie niemals wiedersehen. Hahahaha.“
Der Recke zog sein Schwert aus dem Holz. Schon erwog er, sich hineinzustürzen. Doch bevor er seiner Geliebten folgen konnte, umfing ihn ein rhythmisches Rauschen. Plötzlich tanzten Tausende Schmetterlinge um ihn herum. Jeder einzelne flog dicht an ihn heran und schien beim Davonfliegen etwas zurückzulassen.
Als der Schwarm endlich abgezogen war, blieb ein einzelner Schmetterling zurück. „Du hast meinen Sohn gerettet“, rief er Azur zu. „Dafür gebührt dir mein Dank.“ Danach flatterte er ebenfalls davon. Azur schaute ihm verwundert nach. Seine Verwunderung steigerte sich noch, als er plötzlich spürte, wie sich an seiner Brust etwas regte. Beim Blick nach unten erkannte er, dass sich Theodora an ihn schmiegte.

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