Thorin war die halbe Nacht stromaufwärts am Ufer entlanggewandert. Wäre der Vollmond eher am Himmel erschienen, hätte er den Fluss bereits an einer ihm bekannten Furt überquert, doch als er diese Stelle erreicht hatte, umhüllte ihn noch eine solche Finsternis, dass er sich entschloss, bis zu der alten Steinbrücke weiterzulaufen, um dort trockenen Fußes auf die andere Seite des Gewässers zu gelangen.
An den Schaumkronen, die jetzt auf dem Wasser an ihm vorbeitrieben, erkannte er, dass die Stromschnellen, die derartig Gebilde aus dem Fluss formten, nicht mehr weit entfernt sein konnten. Gleich dahinter musste sich auch sein Ziel befinden.
Auf seine Ortskenntnisse war Verlass. Kaum hatte er die letzte Biegung hinter sich gebracht, tauchte die Steinbarriere auf, über die das Wasser mit lautem Getöse hinwegschoss. Und nur einen Speerwurf davon entfernt, zeigte sich das einbogige Viadukt im fahlen Mondlicht.
Um diese Zeit hatte Thorin eigentlich erwartet, der einzige Wanderer zu sein, der dorthin strebte. Hierin täuschte er sich jedoch. Auf der Brücke erkannte er mindestens sechs Gestalten – Männer wie er annahm – die ein Handgemenge auszutragen schienen. Beim längeren Beobachten der Szene glaubte er, zu verstehen, was sich dort tat. Offenbar versuchten fünf der Männer, den sechsten zu überwältigen. Der wehrte sich heftig. Wahrscheinlich ging es bei dem Streit auch laut her, aber durch das Grollen des Flusses wurden alle anderen Geräusche verschluckt, so dass Thorin einer für ihn stummen Vorführung beiwohnte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit widersetzte sich der Einzelne seinen Angreifern nicht mehr. Er verschwand aus Thorins Sichtfeld. Als er wieder auftauchte, wirbelte er in einem wilden Bogen durch die Luft Richtung Wasser.
Sein Sturz fand ein jähes Ende, als er drei Manneslängen unter dem Brückenbogen wieder ein Stück in die Höhe gerissen wurde. Ein Seil, das in einer Schlinge um seinen Hals geknüpft war, hatte seinen Fall gebremst. Die fünf Männer beugten sich über die Brückenbrüstung und verfolgten eine Zeit lang ihr hin und her pendelndes Opfer mit ihren Blicken. Dann eilten sie davon.
Thorin hielt es für kein gutes Omen, die Brücke unter diesen Umständen zu überqueren. Da er allerdings auch wenig Lust verspürte, die Nacht in der Nähe eines solch grauenvollen Ortes zu beenden, musste er es dennoch tun, um sein Reiseziel erreichen zu können.
Auf der Brücke konnte er der Versuchung nicht widerstehen, ebenfalls einen Blick auf den Gehenkten zu werfen. Überrascht stellte er fest, dass ihm der Mann, trotz oder gerade wegen des diffusen Mondlichts, bekannt vorkam.
Unter großem Kraftaufwand zerrte er ihn hoch und musterte ihn genauer. Und tatsächlich erwies sich seine Vermutung als richtig. Der vor ihm Liegende entpuppte sich nicht nur als Bekannter, er war auch Derjenige, den er in der Stadt aufsuchen wollte.
„Mein Freund“, flüsterte Thorin leise vor sich hin. „Ich weiß nicht, an welchem Tag deine Mutter dich zur Welt gebracht hat, aber heute Nacht wiederholt sich dein Geburtstag ein weiteres Mal.“
Damit berührte er den Leichnam mit seinem Wanderstab, dessen Spitze vom Kopf eines Fabelwesens gekrönt wurde, und begann einen mystischen Singsang, den er erst einstellte, nachdem der Tote die Augen aufschlug und sich benommen danach erkundigte, was denn geschehen sei.

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