Als die Kalesche auf den großen Platz einbog und anhielt, waren die Zeiger der Turmuhr fast bis zur Geisterstunde vorgerückt. Das Gesicht des Kutschers zeigte die ersten Anzeichen eines sich anbahnenden Entsetzens und das Pferd begann panisch mit den beschlagenen Hufen über das Pflaster zu kratzen.
Auch bei den beiden Fahrgästen des Gefährtes stellten sich die Nackenhaare auf. Doch während der eine den Bannkreis, der um den steinernen Turm zu liegen schien, gleich wieder mit der Kutsche verlassen durfte, sah sich der andere dazu gezwungen, hier auszusteigen, um ein aberwitziges Wagnis einzugehen.
Vor nicht einmal zwei Stunden hatte er in einer feucht-fröhlichen Runde junger Taugenichtse großspurig verkündet, zur Mitternacht den Stadtturm zu besteigen und dort die Glocken zu läuten. Ohne die fünf Schoppen Wein, die bei dieser Ankündigung bereits seine Kehle hinuntergeflossen waren, wäre er nie auf so eine aberwitzige Idee gekommen. Schließlich wusste jeder, dass es im Turm nicht mit rechten Dingen zuging und es zu Mitternacht selbst schon auf dem Turmplatz spukte.
Als er jetzt der davonjagenden Kutsche hinterher schaute, war er nicht nur fast wieder nüchtern, sondern auch wütend darüber, sich mit einem solch schwachsinnigen Vorhaben vor den anderen gebrüstet zu haben.
Wenn er in der Stadt bleiben wollte, konnte er keinen Rückzieher machen.
Wenn er bei dem Abenteuer keinen Schaden nehmen wollte, musste er einen Rückzieher machen.
Sollte er sich für die Pest oder die Cholera entscheiden?
Beim ersten Schlag der Turmuhr riss er das Portal, das in das Innere des ehrwürdigen Gemäuers führte, auf; sein Ehrgefühl hatte die Frage beantwortet.
Im Turm war es zwar dunkel, aber er konnte das Geländer der zum Glockenstuhl führenden Treppe ertasten. Schritt für Schritt schob er sich nach oben. Blieb immer wieder stehen, um in die Dunkelheit hinein zu lauschen.
Außer dem Knarzen des Holzes unter seinen Füßen und dem Pfeifen des Windes draußen blieb es ruhig. Unbehelligt erreichte er den Podest, auf dem er nach den Glockenseilen greifen konnte. Sie zeichneten sich deutlich im Mondlicht ab, das durch ein kleines Fenster einfiel. Er schwang sich an eines der Seile und brachte mit seinem Körpergewicht die hoch über ihn hängende Glocke ins Schwingen. Kurz darauf schlug der Klöppel gegen das Metall. Ein dröhnender Gong fraß sich in seine Ohren, dem bald weitere folgten.
Gefühlte fünfzig Mal ließ er die Glocke erklingen. Schlag für Schlag wurde er von seiner Angst befreit, bis ihn nur noch das euphorisches Glücksgefühl durchströmte, den Fluch zum Teufel gejagt zu haben und ab morgen der Held der Stadt oder wenigstens seiner Clique zu sein.
Viel schneller als er die Treppe heraufgekommen war, tapste er wieder hinunter. Mit einem kräftigen Schulterstoß stieß er die schwere Eichentür auf. Die frische Nachtluft, die ihn umfing, belebte seine Geister noch mehr. Er streckte die Arme in Siegerpose nach oben, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.
Hätte er sie offengelassen, hätte er den Ziegel kommen sehen, der ihm gleich darauf den Schädel zertrümmerte.

NÄCHSTE GESCHICHTE >>>
Ihnen hat die Geschichte gefallen und Sie möchten gerne weitere Fantasy-Stories lesen?

Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.

Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.

Vielen Dank!

Mehr Fantasy-Geschichten
gibt's im Archiv!