Die beiden Kinder hatten sich immer näher an das seltsame Haus herangeschlichen. Jetzt hockten sie, hinter einem Baum versteckt, fast davor und erkannten, was ihnen bisher verborgen geblieben war.
Der untere Teil des Gebäudes, dort, wo eigentlich ein solides Mauerwerk stehen sollte, bestand aus einem gewaltigen Schuh. Jemand, der in diese Fußbekleidung hineinpasste, musste höher und mächtiger sein als die höchsten Bäume, die in diesem Wald wuchsen. Allerdings war der Schuh wohl schon vor langer Zeit vom Fuß seines Besitzers gerutscht, denn über seine Öffnung hatte jemand ein Spitzdach genagelt, das mittlerweile auch nur noch windschief und notdürftig Schutz vor der Witterung bot.
Obwohl Hans und Greta mehr Misstrauen als Zuversicht beim Anblick der merkwürdigen Konstruktion empfanden, beschlossen sie nach einem kurzen Disput, die Nacht im Hauses zu verbringen, falls es ihnen gelingen sollte, hineinzukommen. Zum Glück für sie ließ sich die Tür, die sich oberhalb dreier wackliger Holzstufen befand, leicht öffnen.
Zuerst huschte der Junge ins Innere der Hütte, wenig später folgte ihm das Mädchen. Hier drinnen erlebten sie eine große Überraschung. Statt sich inmitten der eng beieinanderstehenden Wände einer Kate wiederzufinden, hatten sie einen riesigen Saal betreten. Der Raum war so gewaltig, dass sie die Wände, außer der hinter ihnen, überhaupt nicht zu Gesicht bekamen.
Hoch über ihnen wölbte sich auch keine Decke, sondern sie erblickten den Sternenhimmel. Die Wolken, die draußen dicht über den Wipfeln der Bäumen gehangen hatten, schienen wie weggeblasen zu sein. Bevor sie sich ihre Verwunderung zurufen konnten, erschütterte ein gewaltiges Beben den Boden, auf dem sie standen. Ringsum erzitterte alles.
Ängstlich klammerten sie sich aneinander. Sie wollten sich wenigstens in den Armen liegen, wenn die Trümmer des unheimlichen Hauses zu ihrem Grab werden sollten. Doch nichts stürzte ein. Eher schien es, als würde der Saal plötzlich auf- und abspringen, als würde der Schuh mit ihnen davonlaufen.
Greta schaute nach oben. Am Firmament rasten die Sterne davon. Ihr kam es so vor, als verschwänden sie aus ihrem rechten Blickfeld, um kurz darauf wieder im linken aufzutauchen. Zwar vermochte sie nicht mitzuzählen, wie oft sich der Wechsel vollzog, aber es musste öfters als hundert Mal geschehen sein.
So abrupt wie die Erschütterungen über sie hereingebrochen waren, so abrupt endeten sie auch. Von einem Atemzug zum anderen kehrte Ruhe ein. Greta löste sich aus Hans’ Armen. Benommen schob sie ihre Füße Richtung Tür. Sie wollte schnellstmöglich aus diesem Saal heraus.
Wieder konnte sie die Tür ohne Schwierigkeiten öffnen und die Schwelle überschreiten. Doch mit dem Schwall der Nachtluft, der sie beim Verlassen des verwunschenen Raumes umspielte, überfiel sie eine nie da gewesene Kraftlosigkeit. Sie konnte sich gerade noch an dem Geländer festklammern, das die Außenstufen begrenzte. Hätte sie das nicht geschafft, wäre sie die Treppe hinuntergefallen. Verwundert über ihren Schwächeanfall wartete sie darauf, dass Hans ihr folgen würde.
Als die Tür endlich aufschwang, riss Greta entsetzt die Augen auf: ein uralter Mann schleppte sich mühsam nach draußen.

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