Was gerade geschah, widersprach Smoks lebenslangen Erfahrungen. Bei seinem Planspiel hatte er nicht einkalkuliert, dass die Gegenseite so gravierend von seinen Vorstellungen abweichen könnte.
Kein menschliches Heer der Welt wäre in der Lage gewesen, die Festung zu erstürmen. Mit dieser Annahme lag er erst einmal richtig. Dass der Feind allerdings nicht nur mit Leitern, Rammböcken und Belagerungstürmen die Mauern berannte, sondern über eine Geheimwaffe verfügte, die so gut wie unzerstörbar war, wäre Smok, und auch keinem anderen Strategen aus seinem Stab, jemals in den Sinn gekommen.
Ein Angreifer wie der, gegen den sie sich gerade zur Wehr setzen mussten, gehörte in das Reich der alten Legenden. Dort wimmelte es von solchen Gestalten. Dort gab es aber auch immer einen Recken oder eine beherzte Maid, die mit Tapferkeit oder List oder beidem in letzter Minute über die scheinbar unbezwingbaren Kreaturen triumphierten.
Smok musterte seinen Mannen. Unter ihnen konnte er keinen entdecken, dem er es zutraute, eine Heldentat zu vollbringen, von der in späteren Zeiten die Barden an den Lagerfeuern singen würden. Und er selbst war viel zu alt, um in dieser sich plötzlich gegen ihn gewendeten Schlacht etwas Außergewöhnliches zustande bringen zu können. Es blieb ihm wohl nichts Anderes übrig, als sich damit abzufinden, dass er sich nach verlorenem Kampf entweder in sein Schwert stürzen musste oder bis ans Ende seiner Tage in den tiefsten Verließen seiner Feinde verrotten würde.
Ein Schatten verdunkelte den Burghof. Smok wusste kaum noch zu sagen, wie oft das an diesem Tag bereits geschehen war. Dem Schatten folgte sein Verursacher. Ein riesiger Lindwurm tauchte über der Mauer auf. Der Feuerstoß, den er in die Festung spie, trieb die Krieger in Deckung. Wer das nicht rechtzeitig schaffte, verglühte in der Hitze. Unzählige verkohlte Bündel unterhalb der Mauer zeugten davon, dass der Drache sein Handwerk beherrschte.
Die Pfeile und Speere, die Smoks Kämpfer nach oben schickten, verfehlten allesamt ihr Ziel. Das Untier flog viel zu hoch, um von ihnen getroffen zu werden. Außerdem schütze es ein Schuppenpanzer, den wohl nur ein wuchtig geführter Stoß mit Schwert oder Spieß zu durchdringen vermochte. Somit entschied ein fast unbezwingbarer Gegner das Schicksal von Smok und seinen Getreuen.
Nach der letzten Flugattacke änderte der Drachen seine Taktik. Er drehte eine Runde über der Festung und senkte sich dann auf dem freien Felde vor der Burg herab. Die feindlichen Krieger jubelten ihm zu und trieben ihn mit ihrem Geschrei voran. Zielstrebig näherte er sich dem Burgtor.
Die Recken, die dort unermüdlich, aber noch erfolglos, mit einem Rammbock gegen die Befestigung hämmerten, wichen zurück. Der Drache setzte ihr Werk fort. Schon nach wenigen Schlägen mit seinem dornenbesetzten Schwanz brachen die Gitterstäbe des Einlasses und die mächtigen Bohlen des Tores zersplitterten wie dünne Ästchen, die zum Anzünden für ein Feuer gebrochen wurden.
Der Drache wechselte die Position, so dass er eine Feuergarbe durch die zertrümmerte Wehr schicken konnte. Im Burginneren wichen die Soldaten vor den Flammen zurück. Im nächsten Moment krachte ein Flügel des Tores auf das Pflaster des Hofes. Mindestens zehn Verteidiger fanden unter den Trümmern den Tod.
Der Lindwurm drängte seinen Kopf durch die Öffnung. Diesem Anblick hielten auch die Tapfersten nicht stand. In wilder Flucht suchten die Letzten das Weite.
Für einen kurzen Moment senkte sich eine unnatürlich Stille über die Walstatt. Bevor der Kampflärm wieder aufbrodelte, erklang Hufgetrappel. Ein Schlachtross galoppierte auf den Burghof. Zwei Reiter saßen auf ihm. Vor dem Drachen stieg das Pferd auf die Hinterhand und trommelte mit den Vorderhufen kampfeslustig in die Luft. Der hintere Reiter rutschte vom Rücken des Pferdes herunter.
Smok sah, dass es ein Mädchen war. Dann verspürte er einen stechenden Schmerz in der Brust. Es war nicht nur ein Mädchen, das dem Drachen so todesmutig fast in den Rachen sprang, er erkannte seine Tochter Burghild in der Maid.
Statt einer erneuten Feuerwalze, mit der der Drachen die Feinde in ihren Verstecken hätte ausräuchern können, entwich seinem Rachen nur heiße Luft, so überrascht schien auch er von dem plötzlichen Auftauchen des Mädchens zu sein.
Das blonden Haar Burghilds und ihr Umhang wehten im Brodem des Untiers. „Halt ein!“, befahl sie und der Drache gehorchte ihren Worten. „Halt ein! Verschone diese Feste und ich will dir gehören.“ Die sonst leise Stimme des Mädchens erscholl nicht nur in der Burg, sondern wurde auch von dem vor der Mauer lauernden Feinden vernommen.
Der Drachen senkte sein Haupt und reckte seinen Hals nach vorn. Aus seinem Nüstern züngelten kleine Flammen. Burghild schritt tapfer auf ihn zu. Sie suchte in den Schuppen des Drachens Halt und kletterte auf seinen Rücken. Dort saß sie ebenso sicher, wie vorher auf dem Schlachtross. „Einen Wunsch mögest du mir noch erfüllen, bevor du mich in deine Höhle entführst. Vernichte die Feinde meines Vaters!“
Das Gebrüll, das der Drachen daraufhin ausstieß, klang in den Ohren der Burgverteidiger wie lieblicher Gesang, während es den Angreifern den Angstschweiß aus den Poren trieb und sie in Scharen flüchten ließ.
Das Untier erfüllte seiner Braut diese Bitte und als das Werk vollbracht war, stieg es mit ihr hinauf, der Sonne entgegen.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann …

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