Die Kutsche holperte über die mir groben Steinen ausgelegte Straße. Das Stakkato der auf das Pflaster trommelnde Hufeisen der Pferde hallte durch die Nacht. Aus dem Dunkel schälte sich die Silhouette der ehrwürdigen Kathedrale. Am Fenster der Kalesche wurde der Vorhang zurückgeschoben. Ein bärtiges Männergesicht drängte an die Scheibe.
Lord Magnifa, der einzige Insasse des Gefährts, spähte nach oben zum Ziffernblatt der Turmuhr. Die Zeit, die die Zeiger verkündeten, veranlassten ihn, mit dem Knauf seines Gehstocks heftig gegen das Kutschendach zu trommeln.
„Schneller!“, rief er laut und hoffte, dass der Kutscher ihn hören würde. Als sich das Tempo nicht erhöhte, bearbeitete er das Kutschendach noch energischer. „Treib die verdammten Gäule doch endlich an!“, brüllte er jetzt. Diesmal hatte sein Ansinnen Erfolg. Eine Peitsche knallte. Die Pferde sprangen in den Galopp und der Kutscher stieß einen Fluch aus, der wahrscheinlich mehr seinem Fahrgast galt, als den Zugtieren, denen nach einem langen Tag wohl nicht viel daran lag, auf der letzten Tour noch so gehetzt zu werden und den Galopp eher gemächlich angingen.
Trotz, dass die Kutsche nicht einmal schnellst möglichst voranschoss, wurde Lord Magnifa dennoch nach hinten in die Polster gedrückt. Er stimmte in das Fluchen des Kutschers ein, wenn auch sein Grund ein anderer war. Eigentlich äußerte er seinen Unmut sogar aus zwei Gründe. Nicht nur sein gerade durch das Innere der Kalesche segelnder Dreispitz erregte ihn, auch die Erkenntnis, dass ihn selbst eine doppelte so schnell dahinrasende Kutsche nicht rechtzeitig zu seinem Ziel zu bringen vermochte, ließ die Wut in ihm hochkochen.
Jede Minute, die er später dort ankam, verringerte seine Chancen, das Unglück noch aufhalten zu können, das, selbst wenn er überpünktlich am Ort des Verderbens eingetroffen wäre, eine große Herausforderung für seine korrigierenden Fähigkeiten darstellte.
Unter diesen Umständen wurde die nächtliche Hetzjagd gegen die Zeit zum Horrortrip für ihn. In Gedanken malte er sich aus, was er jetzt bereits alles tun könnte, befände er sich schon im Schloss. Ihm stünden alle Mittel zur Verfügung, die Dinge in seinem Sinne zu beeinflussen und zu regeln. Keine Macht der Welt wäre imstande, gegen ihn zu bestehen. Niemand besäße die Fähigkeiten, einem Lord Magnifa erfolgreich die Stirn zu bieten.
Das alles wurde jetzt durch die unsinnig kurze Zeitspanne vereitelt, die ihn an der pünktlichen Ankunft hinderte. Diese Erkenntnis ließ sein Gedanken nun in die andere Richtung schweifen, in die, die das Szenario skizzierte, das ihm und der Welt aufgrund seines Scheiterns bevorstand. Wo sollte er anfangen? Welche Folgen waren die schlimmsten? Machte es überhaupt Sinn, sich in Details zu verlieren, wenn als finales Ergebnis ohnehin das absolute Ende für Alles und Jegliches feststand?
Die letzte Frage kreiselte noch in seinem Kopf, als er eine Veränderung verspürte. Wieder wurde er in die Sitzpolster gedrückt, was nur bedeuten konnte, dass die Kutsche ihr Tempo erhöhte. Und das nicht nur ein wenig, sondern erheblich. Wäre er schon einmal geflogen, so würde er jetzt wahrscheinlich behaupten dürfen, er sause plötzlich durch die Lüfte. Auf einem irdenen Weg, selbst wenn er steil nach unten führte, war eine solche Geschwindigkeit nicht machbar. Hier musste das Schicksal, das gütige Schicksal, die Hände im Spiel haben, dem wohl auch etwas daran lag, den Dingen seinen alltäglichen Lauf zu lassen und nicht alles auf den Kopf zu stellen.
Erneut hämmerte er mit dem Knauf seines Stocks gegen das Kutschendach. Diesmal jedoch nicht, um den Mann auf dem Bock anzutreiben, sondern aus purer Begeisterung über das zügige Vorankommen. Lord Magnifa zog den Vorhang zur Seite. Draußen huschten die Häuserfassaden vorüber als wären sie mit schnellem Pinselstrich auf eine Leinwand getuscht. Weder Fenster noch Verzierungen noch Farben konnte er unterscheiden. Wäre ihm jetzt auch noch ein Blick auf die Uhr am Turm er Kathedrale vergönnt, so würden deren Zeiger sicherlich nach hinten springen, zurück ins Vergangenen. Davon war er fest überzeugt.
Der abrupte Stopp der Kutsche riss ihn nach vorn. Wieder segelte ihm der Dreispitz vom Kopf. Hastig drückte er ihn zurück aufs Haar. Im nächsten Moment sprang er schon aus der Kalesche. Bevor der Kutscher ihm den Fahrpreis zurufen konnte, warf Lord Magnifa bereits eine prallgefüllte Geldkatz in die Hände des Mannes, deren Inhalt ausreichte, um den fortan frei von allen finanziellen Sorgen leben zu lassen.
Lord Magnifa eilte auf das schmiedeeiserne Tor zu, das in den Zaun eingelassen worden war, der den Schlossgarten vor Gesindel und ähnlich niederem Volk abschirmte. Mit einer herrischen Geste stieß er es auf. Er erregte sich nicht einmal wie üblich darüber, dass das Personal es versäumt hatte, die Pforte abzuschließen. Heute war ihm diese Schlamperei sogar von Nutzen. Trotz seiner Eile zog er es jedoch hinter sich zu.
Als es zuschnappte, brach ein Inferno los. Die bisher im Dunkeln liegenden Fenster des Schlosses wurden plötzlich von einem Feuerschein erleuchtet. Kurze Zeit später zerbarsten die Scheiben. Glassplitter spritzen umher. Aus dem Dach schoss eine Flamme empor, zertrümmerte den Dachstuhl als wütete dort oben der Hammer eines wilden Dämons. Ziegel und Balken schwirrten umher, stürzten nach unten und schlugen kleine Krater in den Boden.
Eines dieser Geschosse visierte Lord Magnifa an. Bevor es ihn unter sich begrub, schaffte er es noch ein „Zu spät!“ herauszuschreien.

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