José dachte wehmütig an die alten Zeiten zurück. Sie waren unzertrennlich wie ein vierblättriges Kleeblatt, hielten zusammen wie Pech und Schwefel. Eher hätte man die vier Musketiere auseinanderbringen können, als ihn und seine Kumpels auch nur einen Millimeter voneinander zu trennen. So schätzten sie jedenfalls selber ihre Freundschaft ein. Und jeder, der sie nur ein bisschen kannte, schloss sich dieser Meinung an.
Trotzdem hatten all ihre Treueschwüre nicht ausgereicht, um sie vor dem Verderben zu bewahren. Also, José empfand es zumindest als Verderben, dass sie plötzlich anfingen, eigene Wege zu gehen. Beziehungsweise, dass einer nach dem anderen dem Charme dieses Mädchens erlag.
Zuerst erwischte es Oliver. Er war eigentlich der Fels in der Brandung. Wenn es einmal in der Clique kriselte, schmiedete er sie wieder zusammen. Doch dann kam Viola. Als sie ihn mit ihren azurblauen Augen fixierte, war es um ihn geschehen. Fortan konnte sie ihn um ihren Finger wickeln, wie sie es auch gern und verführerisch mit ihren blonden, schulterlangen Löckchen tat. Sie hatte es geschafft, ihn sich mit Haut und Haaren hörig zu machen. Eine Weile lief diese Beziehung auch gut für Oliver. Doch irgendwann verbreitete sich das Gerücht, sie wäre seiner überdrüssig geworden. Ob das stimmte, sollte nie jemand erfahren, denn Viola schwieg darüber und Oliver blieb seitdem verschwunden.
Peter, der unbedingt herausfinden wollte, was mit ihrem Kumpel passiert war, verfing sich als Nächster in Violas Netz. Zwar gab er vor, ihr lediglich auf den Zahn fühlen zu wollen, aber letztendlich verlor auch er das Spiel gegen die blauen Augen und die blonden Löckchen. Wie ein Schoßhündchen tippelte er neben, oder eher hinter ihr, her, bevor auch er sich in Luft auflöste und nicht mehr gesehen wurde.
Nun fühlte sich Josua verpflichtet, dem Rätsel des spurlosen Verschwindens ihrer Freunde auf die Spur zu kommen. Dazu musste er sich natürlich an Viola heranmachen. Das schien auch ganz gut zu klappen, obwohl José hierbei argwöhnte, dass Josua sehenden Auges in eine Falle tappte, die der blonde Engel für ihn aufgestellt hatte. Statt der große Herzensbrecher zu sein, schlüpfte er lediglich in die Rolle, die ihm zugedacht worden war und die damit endete, dass auch ihn wohl der Liebeskummer aus der Stadt trieb.
Dass Viola jetzt in Josés Armen lag, sich an ihn schmiegte und mit tränenerstickter Stimme darüber klagte, wie schäbig sie seine Freunde behandelt hatten, um sie nach erreichtem Ziel wie eine heiße Kartoffel fallen zu lassen, überraschte José nicht wirklich. Doch statt vor Mitleid über das ihr angetane Unrecht dahin zu schmelzen, rief er sich die guten Zeiten mit seinen Kumpels in Erinnerung und widerstand so ihrem Versuch, ihn ebenfalls in ihren Bann zu ziehen. Obwohl, das musste er anerkennen, nicht viel gefehlt hätte, dass er ihrer Verführungskunst erlegen wäre.
Sie schien sein Sträuben zu spüren. „Lass uns von hier verschwinden!“ Mit den Ärmeln ihres Shirts wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht. „Du wirst meine Gefühle vielleicht besser verstehen, wenn ich dir den Platz zeige, an dem … an dem …“ Ohne ihren Satz zu beenden, zog sie José aus dem Club hinaus ins Freie.
Gleich hinter der Baracke, die das einstige Kleeblatt als Club eingerichtet hattet, begann der Wald. Ein fahler Mond beschien die kahlen Kronen der Bäume. Irgendwo krächzte ein Käuzchen. Hätte jetzt noch ein Wolf den bleichen Trabanten am Firmament angeheult, wäre José nicht darüber verwundert gewesen.
Viola schien diese Kulisse nicht zu beeindrucken. Sie schlang ihren Arm um seine Schulter und kuschelte ihren Kopf an den seinen. „Wir müssen diesen Weg entlang!“ Eine Fahrspur ließ sich geradeso im Mondlicht erkennen. Ihr folgten sie vielleicht fünf Minuten. Dann gabelte sich der Pfad. Der linke Abzweig wurde vom Stamm eines umgestürzten Baumes versperrt. Durch die Lücke, die durch den fehlenden Baum über den Köpfen von José und Viola entstanden war, fiel das Mondlicht auf den Waldboden. Dort schälte es drei fußballgroße, bleiche Objekte aus der Dunkelheit. Drei Schritte weiter erkannte José, dass drei Totenschädel im Mondlicht glänzten. Er kniff die Augen zu. Als er sie wieder öffnete, trugen die Köpfe die Gesichter seiner Freunde. Ihm stockte das Herz.
Im selben Moment riss sich Viola von ihm los. Sie stieß ihn von sich. Ihre Züge verzerrten sich zu einer Fratze. In ihren jetzt weit aufgerissenem Mund blitzten vier Eckzähne, die jeden Säbelzahntiger vor Neid erblassen lassen hätten. José schrie, bedeckte seine Augen mit den Händen. Trotzdem drang grelles Licht durch seine Finger. Er hörte das Knacken von Zweigen. Jemand oder etwas brach durch das Unterholz. Er musste sehen, was da um ihn herum geschah.
Als er wieder klare Bilder empfing, erkannte er drei Gestalten, deren Handys auf ihn gerichtet waren. Die Blitzlichter flammten auf. Videos wurden gedreht.
José begriff gar nichts. Erst als eine Stimme lachend verkündete: „Willkommen im Klub!“ und er Josua als den Sprecher identifizieren konnte, begriff er, dass seine Kumpels und Viola ihn mit einer fiesen Inszenierung hereingelegt hatten.

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