Es war wieder soweit. Decken und Wände des Studierzimmers überzogen sich mit einer Unzahl blauer, wissender Augen. Das Buch, das auf dem Pult vor Professorus ruhte, sprang auf, seine Seiten rauschten, als sie wie von Geisterhand umgeblättert wurden. Als die letzte beschriebene Seite aufgeschlagen war, schwebte die Feder, die gerade noch im Tintenfass neben dem Buch steckte, über den Bogen Pergament und begann in einigem Abstand unter der letzten Zeile ein neues Kapitel Wissen hinzuzufügen. Die Worte wurden ihr von den Augen diktiert, die die Welt bereist hatten und der Feder ihre bei dieser Reise erblickten Dinge erklärten.
Seit Professorus sieben Jahre alt war, kannte er dieses Procedere. Mit sechs Jahren hatte ihm sein Meister das Lesen beigebracht. Im darauffolgenden Jahr ließ er ihn im Buch studieren, das das Wissen der damaligen Zeit enthielt. Als Professorus glaubte, am Ende der Aufzeichnungen angekommen zu sein, erlag er dem Irrtum, mit dem Lernen und Studieren fertig zu sein. Sein Meister zog ihm diesen Zahn mit der Ankündigung, dass alle hundert Jahre neue Kapitel in das Buch eingefügt werden würden und ihm hundert Jahre Zeit blieben, um auch diese zu lesen.
Wie oft er diesem Rhythmus Folge geleistet hatte, vermochte er nicht mehr zu sagen, er spürte jedoch, dass ihm jetzt, im hohen Alter, die Kraft fehlte, eine weitere Wissensperiode zu verinnerlichen. Deshalb seufzte er und schüttelte den Kopf als Augen und Feder, das Buch mit neuen Erkenntnissen bereicherten.
Er würde nicht mehr derjenige sein, der den Menschen dieses Wissen weitervermittelte. Einerseits stimmte ihn das traurig, denn die Fähigkeiten, die das Buch auflistete, kamen ja allen zugute. Andererseits hatte er längst erkannt, dass mittlerweile eine Generation herangewachsen war, die sich über jegliche Erfahrungen erhob, die aus alten Zeiten herübergetragen worden waren. Statt sich dieses Pools zu bedienen und darauf aufbauend, Neues zu erschaffen, wie es seit undenklichen Zeiten zu den Traditionen gehörte, verwarf sie sämtliche alten Werte, disqualifizierte sie als in Büchern verstaubten Unsinn und schuf ihre eigenen Realitäten.
Professorus zweifelte daran, dass diese Realitäten jemals in seinem Buch niedergeschrieben werden könnten, denn schließlich würden sie jeden Buchstaben, den die Feder auf die vorangegangenen Seiten notiert hatte, als ad absurdum führen. Solche Widersprüche konnten unmöglich zwischen ein und dieselben Buchdeckel passen.
Obwohl Wissen aus ganz frühen Zeiten stets durch spätere Erkenntnisse korrigiert wurde, versuchte man es dennoch zu akzeptieren, weil es sich im Kontext der damaligen Umstände herausgebildet hatte und nicht so getan werden konnte, als hätte es jemand jetzt, trotz des aktuellen Wissenstandes, propagiert. Professorus gehörte zweifellos der aussterbenden Spezies an, die noch der Achtung vor dem Gewesenen frönte. Nach ihm würde diese Tugend wohl der Vergessenheit anheimfallen.
Die Quintessenz seiner Überlegungen teilte er den Augen, der Feder und dem Buch mit. „Eure Anstrengungen waren umsonst“, eröffnete er ihnen in resignierendem Tonfall. „Es gibt niemanden mehr, der Nutzen aus euren Mühen ziehen kann oder will. Heute werden sie verlacht. Die Menschen meinen klüger zu sein, als alle Generationen vor ihnen. Doch ich befürchte, dieser Hochmut wird ihnen auf die Füße fallen. Wenn sie später einmal begreifen sollten, dass sie sich geirrt haben, wird ihnen die Möglichkeit fehlen, sich zu korrigieren. Kein Hüter des Buches kann ihnen zur Hilfe eilen, denn einen solchen wird es nicht mehr geben. Genauso wenig wie das Buch selbst.“
Die Feder hielt mitten im Schreiben inne und die Augen starrten weit aufgerissen auf Professorus. Trotz ihrer Reisen, die sie in alle Welt geführt hatten, waren ihnen die gravierenden Änderungen, die er ihnen offenbarte, nicht aufgefallen. Es musste ihnen auch unvorstellbar vorkommen, dass es Menschen geben sollte, die freiwillig auf die Weisheit des Buches verzichten könnten. Eine solche Absurdität widersprach ihrem Erfahrungsschatz vollkommen.
Professorus gelang es mühelos, ihre Gedanken zu erahnen, obwohl er weder eines der Worte, mit denen sie die Feder zum Schreiben trieben, jemals zu Ohr bekommen hatte, noch in der Lage war, ihr Denken zu erraten. Die besonderen Umstände, die jetzt vorlagen, warfen wahrscheinlich alles bisher Dagewesene über den Haufen.
„Nun denn“, räusperte sich die Feder schließlich. „Trotz deiner Befürchtungen wollen wir dieses Mal unser Tun noch vollenden. Ein weiteres Mal wird es allerdings nicht geben. Wenn ich das letzte Wort geschrieben habe, werde ich das Buch siebenfach versiegeln. Und das Wissen möge für alle Zeit verborgen bleiben. Dir wird es obliegen, unser gemeinsames Werk für alle Ewigkeit zu behüten.“
Den Worten folgten sogleich Taten. Die Feder kleckste den Abschlusspunkt auf das Pergament. Das Buch klappte zu und die Siegel verschlossen es. Alsdann verschwand das Studierzimmer nebst allen Akteuren auf Nimmerwiedersehen.
Geblieben ist nur die Hoffnung, dass das Werk dermaleinst auftauchen möge, wenn es wieder kluge Leute geben sollte, die das versiegelte Wissen nutzbringend anzuwenden verstehen …

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