Dass sich die Karawane so quälend langsam den Berg hinaufschob, konnte nicht nur an der Steigung liegen. Themur hatte diesen Pass schon mit mehreren Trecks überquert und nie waren sie wie die Schnecken darauf entlanggekrochen. Möglicherweise hielt weiter oben irgendetwas die Kolonne auf. Wenn sie vorn nicht schneller vorwärtskamen, würde sich hier hinten bald gar nichts mehr bewegen und alles in einem Stau feststecken.
Zum Umkehren war es zu spät. Entweder brachte er die Geduld auf, abzuwarten, bis sie die Hindernisse passiert hatten, oder er musste sich auf abgelegenen Pfaden an dem Tross vorbeischmuggeln. Ein bisschen kannte er sich in diesem Gebirge aus, wusste deshalb, wie gefährlich es für den Einzelnen werden konnte, abseits der Hauptstrecke über das Bergmassiv zu gelangen.
Nicht nur die Wege bargen unliebsame Überraschungen, es trieb sich auch allerhand Gesindel in den Schluchten herum. Wobei das menschliche fast noch zu den harmloseren zählte. Trolle, Zwerge und Dämonen beanspruchten dieses Gebiet ebenfalls für sich und mochten es überhaupt nicht, Abenteurern Durchlass durch ihre Reiche zu gewähren. Manchmal gaben sie sich mit einem Wegzoll zufrieden und ließen die Verrückten ziehen, die es wagten in ihren Machtbereich einzudringen. Viel öfters verschwanden diese Narren jedoch auf Nimmerwiedersehen.
Das alles ging Themur durch den Kopf, als er sich für ein Vorgehen entscheiden musste. Allerdings dachte er auch an die zwei gefüllten Geldkatzen, mit denen er dafür belohnt werden würde, wenn er die Ware rechtzeitig zu seinem Auftraggeber brachte. Schließlich gewann sein Geschäftssinn die Oberhand über seine Bedenken.
Er lenkte sein Reittier vom Weg herunter und zog das Packpferd hinterher. Alle Warnungen, die auf ihn einprasselten, ignorierte er. Als er die erste Biegung des Nebenpfades genommen hatte, verstummten die Rufe seiner Gefährten.
Themur kam zügig voran. Niemand behelligte ihn. Und er wollte sich schon zu seiner Entscheidung gratulieren, als er eine Schlucht erreichte, die von einem schmalen Felsbogen überspannt wurde. Was er dort erblickte, ließ ihm das Blut in den Adern erstarren.
Ein riesiger Knochenmann trieb in der Schlucht sein Unwesen. Er ragte weit über den natürlichen Felsübergang hinaus, bis hoch hinauf zu dem Bergkamm, über den sich der Hauptweg schlängelte. Jetzt wurden Themur zwei Dinge klar. Die Karawane war deshalb ins Stocken geraten, weil das Skelett sie angriff. Und die Trolle, Zwerge und Dämonen hatten ihn wahrscheinlich in Ruhe gelassen, weil es sie in diesem Gebiet nicht mehr gab. Hier herrschte allein der bleiche Unhold.
Nicht nur ihn selbst versetzte das Monster in Angst und Schrecken, auch seine Pferde gerieten in Panik. Sein Reittier konnte er zügeln, doch das Packpferd begann laut wiehernd zu steigen. Dadurch wurde der Knochenriese auf Themur aufmerksam. Er stieß ein lautes Gebrüll aus, unter dem die Berge noch mehr ins Beben gerieten. Mit einer beiläufigen Handbewegung fegte er die Felsbrücke in die Schlucht. Lediglich ein Stummel blieb stehen, auf dem Themur geradeso Platz fand.
Jetzt ließ sich das Packpferd gar nicht mehr bändigen. Es keilte aus, stieg mit den Vorderhufen in die Luft und stürzte schließlich von dem schmalen Felsgrat. Themur vermochte im letzten Moment den Strick zu zerschneiden, mit dem es am Sattel des Reitpferdes angebunden war, sonst es hätte es auch ihn mit in die Tiefe gerissen. Entsetzt und wutentbrannt sah er seine wertvolle Ware in der Schlucht verschwinden. Für einen Moment vergaß er die Gefahr, in der er sich befand. Erst als ein unnatürliches Rauschen erklang, dem ein schmerzlicher Aufschrei folgte, nahm er sie wieder wahr.
Was gerade geschehen war, konnte sich Themur nicht erklären. Den Knochenmann hatte ein riesiger Pfeil, der aus seiner Augenhöhle ragte, an eine der Bergflanken genagelt. Er zuckte noch einmal, dann erschlafften seine Glieder. Themur wartete darauf, dass der Bezwinger des Skeletts sich zeigen würde. Doch niemand erschien. Da wendete er sein Pferd und galoppierte zurück zur Karawane.
Wenn er seinen Gefährten weismachen könnte, dass er den Knochenriesen erschlagen hatte, wäre das denen wahrscheinlich mehr als zwei prall gefüllte Geldkatzen wert …

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