Michelmango betrat den Innenraum der Kathedrale. Dort bot sich ihm ein faszinierender Anblick. Riesige, stuckverzierte Säulen strebten links und rechts neben ihm in die Höhe. Sie waren errichtet worden, um die Dachkonstruktion zu stützen. Wenn er deren oberen Gewölbe erkennen wollte, musste er den Kopf in den Nacken legen. Sonst gab es keine andere Möglichkeit, sie mit den Augen zu erfassen.
Er hatte eine ungefähre Vorstellung von der Last, die auf den Säulen ruhte. Deshalb beeindruckte ihn die filigrane Bauweise, in der sie errichtet worden waren. Bei einem unbedarften Betrachter konnte so leicht der Eindruck entstehen, dass die Pfeiler lediglich der Zierde dienten und keine statische Funktionen erfüllten.
Der Boden wurde von einem farbenprächtigen Mosaik bedeckt, das aus gefühlten Millionen kleinsten Splittern zusammengesetzt zu sein schien. Auch hier hatten wahre Künstler ihr Können bewiesen. Die Bilder und Szenen, die den Besuchern quasi zu Füßen lagen, beeindruckten durch ihre Farbwahl und die Detailtreue ihrer Darstellung. Der kleine See, vor dem Michelmango jetzt stand, lockte ihn fast zu einem Bad, so realistisch wirkte er auf ihn.
Die Kunstfertigkeiten beschränkten sich nicht auf Dach und Boden des Bauwerks. Die Gestaltung der Wände stand dem Oben und Unten in nichts nach. Besonders die gewaltigen Bleiglasfenster, bogenförmige Gebilde, deren Scheiben Momente des sakralen Lebens zeigten, entfachten Michelmangos Staunen und Bewunderung.
In all dieser Pracht wirkte der vielleicht viermannshohe Marmorquader, der in der Mitte des Kathedralenschiffes aufragte, wie ein Fremdkörper. Seine glattgehauenen Seiten präsentierten sich bar jeder Ästhetik. Das verdross Michelmango jedoch nicht. Schließlich war er hier, um diesen Block in eine Skulptur zu verwandeln, die nach ihrer Fertigstellung, weder der Decke, noch dem Boden, noch den Seitenwänden in ihrer Schönheit nachstehen sollte.
Michelmango umrundete den Quader. Seine Blicke schätzen ab, welche Stellen sich für den Beginn seiner Arbeit eigneten. Doch er sah noch mehr. Die vollendete Figur geisterte bereits vor seinen inneren Augen umher und das, obwohl er noch keinen Splitter aus dem Material geschlagen hatte. So erging es ihm immer, wenn er Beginn eines Auftrages vor ihm lag. Und aus Erfahrung wusste er, dass ihm sein Tun gelingen würde, schon deshalb, weil er die Zukunft, das vollendete Werk, so glasklar an seinem geistigen Horizont zu erkennen vermochte.
Solchermaßen motiviert, verließ er die Kathedrale und brachte sein Werkzeug hinein. Dazu Bretter und Stangen, die er für das Gerüst brauchte, das demnächst den Marmorquader wie eine zweite Haut umhüllen würde.
Michelmango begann seine Arbeit. Er setzte den Meißel an und holte mit dem Hammer zum Schlag aus. Viele, viele Lebensjahre später, als der weiße Marmor fast die Gestalt angenommen hatte, die ihn von Michelmango zugedacht worden war, als sein eigenes, einst schwarzes Haar immer mehr grauen Strähnen durchzogen, genauso wie seinen Bart, als sein Gesicht aussah, als hätte auch hier ein Bildhauer tiefe Furchen mit seinem Werkzeug hneingemeißelt, lag der Moment vor Michelmango, den letzten Splitter aus dem Marmor zu schlagen.
Er hatte es geschafft. Das geschlossene Lid des linken Auges war vollendet. Damit das gesamt Kunstwerk. Michelmango atmete tief durch. Bevor ihn das zwiespältige Gefühl, das Stolz und Wehmut angesichts der vollendeten Schaffens in einem vereinte, überwältigen konnte, geschah etwas Unmögliches. Die Skulptur schlug die Augen auf. Hinter den Lidern hätte eigentlich glatter Marmor zu Vorschein kommen müssten, doch stattdessen funkelten dort zwei Pupillen im Zorn.
Auch die Lippen öffneten sich. „Was hast du getan?“, fragte eine Stimme in vorwurfsvollem Ton, der dem Grollen eines Wolfes glich. „Habe ich euch nicht untersagt, ein Abbild von mir zu erschaffen. Weder als Bildnis auf Leinwand. Weder als Figur aus Stein geschlagen oder aus Holz geschnitzt, solltet ihr meine Gestalt nachbilden. Dass ihr dieses Gebot missachtet habt, soll euch teuer zu stehen kommen. Ich werde …“
Michelmango konnte den Worten nicht mehr folgen. Vor Schreck waren ihm Hammer und Meißel aus den Händen geglitten. Sie polterten nach unten und schlugen mitten in dem Mosaiksee ein. Durch das Loch, das sie verursachten, rauschte das „Wasser“ davon. Grauer Untergrund blieb, wo eben noch liebliche Wellen zu plätschern schienen.
Doch damit nicht genug. Das Loch im Boden weitete sich zu einem Riss aus. Wie ein Blitz am Firmament zackte er durch die Kathedrale. Verbreiterte sich zusehends, rüttelte an Pfeilern und Wänden, ließ sie zusammenbrechen, sodass selbst das Dach herabstürzte.
Auch die Statue erbebte. Sie bäumte sich auf, schüttelte das Gerüst ab, als wollte sie sich eines lästigen Umhangs entledigen. Dass dort Michelmango noch Halt suchte, ignorierte sie. Ja es sah so aus, als wollte sie ihm seinen Frevel persönlich vergelten, denn ihr Kopf, der von den marmornen Schultern brach, kippte genau vor dem Bildhauer in die Tiefe, stieß ihn von den Laufstegen und begrub ihn zu ihren Füßen unter sich.
Das zornige Beben dauerte nur Augenblicke, hinterließ die Kathedrale jedoch als Ruine. Spätere Versuche, sie wieder in gewesener Schönheit herzurichten, scheiterten stets kläglich. Der Fluch, der auf ihr lag, währte wohl ewiglich.
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Er hatte eine ungefähre Vorstellung von der Last, die auf den Säulen ruhte. Deshalb beeindruckte ihn die filigrane Bauweise, in der sie errichtet worden waren. Bei einem unbedarften Betrachter konnte so leicht der Eindruck entstehen, dass die Pfeiler lediglich der Zierde dienten und keine statische Funktionen erfüllten.
Der Boden wurde von einem farbenprächtigen Mosaik bedeckt, das aus gefühlten Millionen kleinsten Splittern zusammengesetzt zu sein schien. Auch hier hatten wahre Künstler ihr Können bewiesen. Die Bilder und Szenen, die den Besuchern quasi zu Füßen lagen, beeindruckten durch ihre Farbwahl und die Detailtreue ihrer Darstellung. Der kleine See, vor dem Michelmango jetzt stand, lockte ihn fast zu einem Bad, so realistisch wirkte er auf ihn.
Die Kunstfertigkeiten beschränkten sich nicht auf Dach und Boden des Bauwerks. Die Gestaltung der Wände stand dem Oben und Unten in nichts nach. Besonders die gewaltigen Bleiglasfenster, bogenförmige Gebilde, deren Scheiben Momente des sakralen Lebens zeigten, entfachten Michelmangos Staunen und Bewunderung.
In all dieser Pracht wirkte der vielleicht viermannshohe Marmorquader, der in der Mitte des Kathedralenschiffes aufragte, wie ein Fremdkörper. Seine glattgehauenen Seiten präsentierten sich bar jeder Ästhetik. Das verdross Michelmango jedoch nicht. Schließlich war er hier, um diesen Block in eine Skulptur zu verwandeln, die nach ihrer Fertigstellung, weder der Decke, noch dem Boden, noch den Seitenwänden in ihrer Schönheit nachstehen sollte.
Michelmango umrundete den Quader. Seine Blicke schätzen ab, welche Stellen sich für den Beginn seiner Arbeit eigneten. Doch er sah noch mehr. Die vollendete Figur geisterte bereits vor seinen inneren Augen umher und das, obwohl er noch keinen Splitter aus dem Material geschlagen hatte. So erging es ihm immer, wenn er Beginn eines Auftrages vor ihm lag. Und aus Erfahrung wusste er, dass ihm sein Tun gelingen würde, schon deshalb, weil er die Zukunft, das vollendete Werk, so glasklar an seinem geistigen Horizont zu erkennen vermochte.
Solchermaßen motiviert, verließ er die Kathedrale und brachte sein Werkzeug hinein. Dazu Bretter und Stangen, die er für das Gerüst brauchte, das demnächst den Marmorquader wie eine zweite Haut umhüllen würde.
Michelmango begann seine Arbeit. Er setzte den Meißel an und holte mit dem Hammer zum Schlag aus. Viele, viele Lebensjahre später, als der weiße Marmor fast die Gestalt angenommen hatte, die ihn von Michelmango zugedacht worden war, als sein eigenes, einst schwarzes Haar immer mehr grauen Strähnen durchzogen, genauso wie seinen Bart, als sein Gesicht aussah, als hätte auch hier ein Bildhauer tiefe Furchen mit seinem Werkzeug hneingemeißelt, lag der Moment vor Michelmango, den letzten Splitter aus dem Marmor zu schlagen.
Er hatte es geschafft. Das geschlossene Lid des linken Auges war vollendet. Damit das gesamt Kunstwerk. Michelmango atmete tief durch. Bevor ihn das zwiespältige Gefühl, das Stolz und Wehmut angesichts der vollendeten Schaffens in einem vereinte, überwältigen konnte, geschah etwas Unmögliches. Die Skulptur schlug die Augen auf. Hinter den Lidern hätte eigentlich glatter Marmor zu Vorschein kommen müssten, doch stattdessen funkelten dort zwei Pupillen im Zorn.
Auch die Lippen öffneten sich. „Was hast du getan?“, fragte eine Stimme in vorwurfsvollem Ton, der dem Grollen eines Wolfes glich. „Habe ich euch nicht untersagt, ein Abbild von mir zu erschaffen. Weder als Bildnis auf Leinwand. Weder als Figur aus Stein geschlagen oder aus Holz geschnitzt, solltet ihr meine Gestalt nachbilden. Dass ihr dieses Gebot missachtet habt, soll euch teuer zu stehen kommen. Ich werde …“
Michelmango konnte den Worten nicht mehr folgen. Vor Schreck waren ihm Hammer und Meißel aus den Händen geglitten. Sie polterten nach unten und schlugen mitten in dem Mosaiksee ein. Durch das Loch, das sie verursachten, rauschte das „Wasser“ davon. Grauer Untergrund blieb, wo eben noch liebliche Wellen zu plätschern schienen.
Doch damit nicht genug. Das Loch im Boden weitete sich zu einem Riss aus. Wie ein Blitz am Firmament zackte er durch die Kathedrale. Verbreiterte sich zusehends, rüttelte an Pfeilern und Wänden, ließ sie zusammenbrechen, sodass selbst das Dach herabstürzte.
Auch die Statue erbebte. Sie bäumte sich auf, schüttelte das Gerüst ab, als wollte sie sich eines lästigen Umhangs entledigen. Dass dort Michelmango noch Halt suchte, ignorierte sie. Ja es sah so aus, als wollte sie ihm seinen Frevel persönlich vergelten, denn ihr Kopf, der von den marmornen Schultern brach, kippte genau vor dem Bildhauer in die Tiefe, stieß ihn von den Laufstegen und begrub ihn zu ihren Füßen unter sich.
Das zornige Beben dauerte nur Augenblicke, hinterließ die Kathedrale jedoch als Ruine. Spätere Versuche, sie wieder in gewesener Schönheit herzurichten, scheiterten stets kläglich. Der Fluch, der auf ihr lag, währte wohl ewiglich.
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