Vor fünf Stunden war Alicia aus dem Camp aufgebrochen. Allein. Obwohl ihr mehr als ein Expeditionsteilnehmer angeboten hatte, sie zu begleiten, und obwohl sie durchaus erkannte, welcher Gefahr sie sich damit aussetzte, wollte sie niemanden bei dieser Unternehmung dabeihaben. Die Strapazen der Expedition mochten ja ruhig auf viele Schultern verteilt werden, aber der Ruhm der Entdeckerin sollte nur Platz auf ihren eigenen finden.
Welchen Sinn hätte es auch gemacht, jetzt damit anzugeben, im Besitz eines geheimnisvollen Dokumentes zu sein, das brisante Informationen enthielt, und das ihre Familie seit Generationen vor der Öffentlichkeit verborgen hatte? Seit Jahrhunderten waren ihre Ahnen die Hüter dieses Wissens gewesen und nun oblag es ihr, damit an die Öffentlichkeit zu treten, um die Lorbeeren für das lange Schweigen zu ernten.
Die Ausrüstung hatte sie in Rucksäcken verstaut, die am Tragegestell auf ihrem Rücken hingen. Nach dem stundenlangen Marsch durch den Dschungel begannen die Riemen des Tragegestells auf ihren Schultern zu scheuern. Sie musste eine Rast einlegen. Eigentlich wollte sie sich erst an ihrem Ziel von den Anstrengungen erholen, aber die wundgeriebenen Hautstellen zwangen Alicia zu dieser vorzeitigen Unterbrechung.
Um die Pause nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, nestelte sie das Dokument aus dem oberen Rucksack hervor. Ein Blick auf die detailreiche Karte, mit der das Schriftstück illustriert worden war, bestätigte ihr, dass sie sich auf der richtigen Route befand. Selbst in ihrem erschöpften Zustand sollte sie weniger als dreißig Minuten benötigen, um ihr Ziel zu erreichen. Beim Zusammenrollen des Pergaments fiel ihr Blick auf die letzte Zeile.
Scheinbar war sie nachträglich hinzugefügt worden, denn die Optik unterschied sie vom übrigen Text. Zudem hatte der Zahn der Zeit die Buchstaben so verblasst, dass sich nur noch ein Wort entziffern ließ: ein in Versalien geschriebenes „NICHT“.
Genau sechsundzwanzig Minuten nachdem sie ihr Gepäck mit schmerzverzerrter Mine wieder geschultert hatte, öffnete sich die dichte Vegetation vor ihr zu einer Lichtung. Als sie aus dem Dschungel heraustrat, überkam sie das Gefühl, sich plötzlich am Rande einer Baustelle zu befinden. Die halbfertigen Mauern eines gewaltigen Bauwerkes überragten die sie umgebenden Urwaldriesen. Teilweise wurden die Steinwälle schon von einem Dach überspannt. Der Unterschied zu einer Baustelle bestand lediglich darin, dass sich das Monument nicht in der Entstehungsphase befand, sondern langsam zu einer Ruine verfiel.
Alicia näherte sich einer Lücke in der ihr zugewandten Mauer und zwängte sich hindurch. Im Halbdunkel des Inneren dauerte es einen Moment, bis ihre Augen Einzelheiten zu erkennen vermochten. Zuerst fiel ihr eine Glocke auf, die dicht über einem Wasserbassin von der Decke herabhing. Das Ende des Seiles, das am Klöppel befestigt war, lag vor ihren Füßen am Rand des Beckens. Im Hintergrund gähnte ein weiteres Loch im Gemäuer, das wie eine Einladung zum weiteren Vordringen in die Geheimnisse des Bauwerkes lockte. Doch der Mut dafür fehlte Alicia. Jetzt wäre es ihr am liebsten gewesen, die anderen Expeditionsteilnehmer in der Nähe zu wissen. Vielleicht konnte sie sie mit dröhnendem Glockengeläut herbeirufen? Sie fasste nach dem Seil. Aber genau das hätte sie NICHT tun sollen!
Die Kraft in Alicias Armen reichte nicht aus, um den gewaltigen Klöppel in der Glocke zu bewegen. Erst als sie mit ihrem ganzes Körpergewicht an dem Seil zerrte, begann er hin und her zu schwingen. Ein zaghafter Ton erklang. Beim zweiten Kontakt des Klöppels mit der Glockenwand war das Dröhnen schon lauter. Und als er in regelmäßigen Abständen gegen das Glockenmetall schlug, schwoll der Lärm zu einem unerträglichen Gedröhn an.
Alicia musste sich die Hände auf die Ohren pressen, sonst wären ihre Trommelfelle geplatzt. Dass der Krach ohne Zweifel bis ins Lager ihrer Gefährten zu hören war und diese aus den Zelten und Wohnwagen treiben würde, um hierher zu eilen, empfand sie jetzt nur als schwachen Trost. Viel lieber wäre es ihr gewesen, dass die Glocke endlich verstummen würde.
Doch mittlerweile hatte das gewaltige Klanggewölbe sich verselbständigt. Dazu bedurfte es Alicias Hände nicht mehr. Der Strick peitschte im Rhythmus der Glockenschwingungen über die Wasseroberfläche des Bassins. Die Wellen, die er dort schlug, standen denen eines von einem Tornado durchfurchten Ozeans in nichts nach.
Alicia begriff nicht, wie so etwas möglich sein konnte. Bei ihrer Ankunft schien das Becken noch einem etwas protzigen Swimmingpool geglichen zu haben, und jetzt entpuppte es sich als wahrer Höllenschlund, aus dem beständig Wassermassen gegen die Restmauern der Ruine geschleudert wurden. Die Steinwälle ächzten unter dem zweifachen Ansturm der akustischen Schwingungen und des feuchten Elements.
Als würde diese doppelte Attacke nicht genügen, kam jetzt auch noch ein Wind auf. Anfangs strömte er lau aus dem Loch in der Wand, das am hinteren Rand des Bassins klaffte. Kurz danach frischte er auf. Verstärkte sich zögerlich zu einem Sturm und schwoll letztlich zu einem Orkan an, dessen Gewalt sich ebenfalls gegen die Mauern der Ruine richtete.
Alicia war plötzlich klar, dass sich hier drei Elemente vereint hatten, um ein Bauwerk zu Fall zu bringen, das inmitten dieser grünen Oase wie ein Fremdkörper wirkte. Und ihr schien die Aufgabe zugekommen zu sein, diese Elemente zu entfesseln. Als über ihr das Dach der Kathedrale herunterbrach und die Trümmer sie unter sich begruben, wurde ihr ebenfalls klar, dass das Schicksal als Preis für ihre Mitwirkung ihren Tod vorgesehen hatte.
Durch den Lärm waren die Expeditionsteilnehmer natürlich augenblicklich in Alarmbereitschaft versetzt worden. Selbst der Leiter des Unternehmens, der sich am Vorabend einige Whisky zu viel gegönnt hatte, schob schon bei Beginn der Glockenschläge den Kopf aus der Tür seines Wohnwagens und ordnete den sofortigen Aufbruch an.
Das eingespielte Team benötigte nicht viel Zeit, um sich abmarschbereit zu versammeln. Eilig erfolgte der Aufbruch. Das Gedröhn diente ihnen als Kompass. Trotz ihres forcierten Tempos erreichten sie den Unglücksort erst bei Sonnenuntergang.
Die Mauern, die bei Alicias Ankunft noch mit den Urwaldriesen um Höhe gewetteifert hatten, zeigten sich ihnen nur noch als Geröllberge. Aus einem dieser Schutthügel ragte die Kuppel der Glocke. Daneben entdeckte einer der Expeditionsteilnehmer einen Rucksack. Obwohl sie sofort an dieser Stelle zu graben begannen, fehlte von Alicia jede Spur. Resigniert widmeten sie ihre Aufmerksamkeit anschließend dem Rucksack. Ganz oben lag in dem Gepäckstück ein Pergament.
Als der Expeditionsleiter das Schriftstück aufrollte, sprang allen, die einen Blick auf den Inhalt erhaschen konnte, eine Zeile ins Auge, die sich wie ein Menetekel selbst visualisierte: „NICHT die Glocke läuten!“ und anschließend wieder verblasste.

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