Damian ließ die Fackel in den Schnee fallen. Sie musste die Dunkelheit nicht mehr zurückdrängen, denn von nun an würde ihm ein Licht den Weg weisen, das heller als alle Flammen leuchtete und selbst den Schein der Sonne übertraf. Es besaß nicht nur die Macht, ihn zu seinem Ziel zu führen, es war sein Ziel. Das ewig leuchtende Portal.
Wem es sich zeigte, der gehörte zu den Auserwählten, die es auch zu durchschreiten vermochten, denen auf der anderen Seite ein Dasein vergönnt war, das von niemandem mit Worten beschrieben werden konnte, weil seine Unfassbarkeit sich jeglicher Schilderung entzog.
Nur wer ein Leben lang meditierte, die Vollkommenheit in jeglicher Hinsicht anstrebte, sich keinen Lüsten hingab, durfte damit rechnen, dass eines Tages der Kuron, der Bote des Portals, bei ihm erschien, um ihn auf seinen Rücken zum Ziel allen Strebens zu tragen.
Mit dem Körper eines Eisbären, dem Kopf eines Marders, der Unbezwingbarkeit eines Elefanten und der Schnelligkeit eines Pferdes, überwand der Kuron alle Hindernisse auf dem Weg, die einen Sterblichen zur Umkehr gezwungen hätten. Berge erklomm er, als wären es sanft geschwungene Hügel. Der Wüstensand schien seine Pranken zu umschmeicheln wie taufrisches Frühlingsgras die Fesseln eines Hirsches. Schnee und Eis durchwanderte er wie einen Park.
Doch das Faszinierendste für Damian waren die Überquerungen von Flüssen, Seen und Meeren. Dabei hatte er das Gefühl, nicht mehr auf dem Rücken eines Kuron zu sitzen, sondern sich in einem Boot zu befinden, das im leichten Wellengang vorwärts schaukelte. Sanft hob und senkte sich der mächtige Leib des Boten im Rhythmus des feuchten Elements.
Selbst wenn sich gewaltige Brecher auftürmten und sie von deren Gipfeln in die Wellentäler stürzten, verlor Damian niemals seine Zuversicht. Dieses Schiff konnte nichts zum Kentern bringen.
Jetzt, da er das Ziel seines entbehrungsreichen Daseins vor Augen hatte, war ihm der Kuron plötzlich zu langsam. Am liebsten hätte er ihm die Hacken in die Flanken geschlagen, um ihm auch noch die letzten Kraftreserven zu entlocken. Damian konnte es kaum erwarten, endlich das Licht zu durchschreiten. Vor ihm führte eine in Felsgestein geschlagenen Treppe hinab in einen Krater, aus dem sie sich wieder herausschlängelte und dem Portal entgegenstrebte. Einem weißen Teppich gleich, hüllten Schneekristalle die Stufen ein. Darunter konnten sich Krater und Schluchten verbergen, doch Damian wusste, dass der Kuron solchen Gefahren ausweichen würde. Und er täuschte sich nicht. Auch die letzte Wegstrecke überstand er unbeschadet.
Als er von dem Rücken des Boten heruntergeglitten war und sich ehrfürchtig der fluoreszierenden Lichtmembran näherte, ließ ihn ein grimmiges Fauchen erschaudern, das hinter ihm die Stille durchbrach. Er fuhr herum. Der Kuron hatte sich auf die Hinterbeine erhoben. An seinen Vordertatzen funkelten messerscharfe Krallen. Aus seinem weitaufgerissenem Maul, in dem die Zunge die Fangzähne umspielte, tropfte Geifer. Mit einem Hieb seiner furchtbaren Pranken brach er Damian das Rückgrat, dann verschlang er ihn. Als er sein blutiges Mahl beendet hatte, öffnete sich das Portal und ließ ihn ein.
Und wieder würde keine Legende davon berichten, dass den Auserwählten das Schicksal auferlegt war, nur im Inneren des Kuron die andere Seite zu erreichen.

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