Henry musste sich beeilen. Nur wenn er die Beine in die Hand nahm, würde er es schaffen, zuerst bei der Bank zu sein und sie für sich in Anspruch nehmen zu können. Seine beiden Konkurrenten, die dasselbe Ziel ansteuerten, hatten letztendlich das Nachsehen, denn Henry war schneller. Er ließ sich erschöpft, aber glücklich, nieder. Ihre Bitten sich neben ihn setzen zu dürfen, lehnte er mit dem erlogenen Verweis ab, dass gleich seine Frau mit den Kindern kommen würde, und er den Platz auf der Bank für sie bräuchte.
Alle anderen Bänke in dem kleinen Park waren besetzt. Von den Leuten, die dort saßen, bekamen die Wenigsten mit, dass um sie herum der Frühling Einzug hielt. Sie starrten permanent auf ihre Handys. Zwei blätterten in Zeitungen und einer las in einem Buch.
Henry traute diesem Frieden nicht. Er argwöhnte, dass ihre mentale Abwesenheit nur gespielt war und sie aus demselben Grund hier hockten wie er.
Keinem Zeitgenossen, der einen Fernseher oder ein Smartphone besaß oder hin und wieder zur Zeitung griff, konnte entgangen sein, was dort gerade wieder gehypt wurde. Alle Medien sowie die angesagtesten Blogger und Influencer trieben momentan DIE Sau durchs mediale Dorf. Dabei handelte es sich um kein gewöhnliches Borstenvieh, sondern um ein ganz großes Ding – wie sonst eigentlich auch.
Die neusten Erkenntnisse der Wissenschaft wurden publiziert und die besagten, dass 99 % der Experten zu dem Ergebnis gekommen waren, dass der Mensch auf wundersame Weise ab dem Tag X das Fliegen ohne Hilfsmittel beherrschen würde. Zwar zeigte sich 1 % der Fachleute skeptisch ob dieser Euphorie, die durften aber ignoriert werden, ja man drängte sie sogar ins Abseits.
Henry, und all die anderen auch, vermutete er zumindest, saßen also in dem kleinen Park, weil auf der Straßenseite gegenüber ein gewaltiges Bauwerk stand, das vor allen mit seiner Höhe punktete. Sobald der verbindliche Zeitpunkt des Fliegenkönnens auf den üblichen Kanälen Verbreitung gefunden hätte, würden die Massen losstürmen, das Dach des Gebäudes besetzen, um von dort aus ihren Jungfernflug antreten zu können.
Henry hippelte auf der Bank umher. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis der Startschuss gegeben wurde. Als sich der Bildschirm seines Handys erhellte, hielt er es nicht mehr aus. Ohne zu warten, was das Smartphon ihm melden wollte, sprang er auf und jagte über die Straße. Drei Eingangstüren des Gebäudes waren verschlossen, erst durch die Vierte gelangte er ins Innere. Er verschmähte den Aufzug und hastete die Treppen hinauf. Ganz oben angekommen, rang er um Atem.
Als jedoch von unten tumultartiger Lärm seine Ohren traktierte, gönnte er sich kein Verweilen. Wenn er der Flugpionier sein wollte, durfte er nicht zögern, seinen Vorsprung zu verteidigen. Nach einigem Suchen fand er den Weg hinaus auf das Dach. Ein böiger Wind zerrte an seinen Sachen. Seine langen Haare umwirbelten seinen Kopf wie ein Heiligenschein. Darauf konnte er keine Rücksicht nehmen. Er musste zur Dachkante. Dort empfing ihn ein Wahnsinns-Ausblick über das Häusermeer der Stadt bis hinüber zu den Bergen, deren Silhouetten den Horizont verstellten.
„Gleich werde ich emporsteigen und noch ganz andere Bilder genießen können“, jauchzte Henry.
Bevor er sprang, gönnte er sich einen Blick auf die Straße. Auf den Bänken saß keiner mehr. Die Massen hatten sich unten vor dem Haus versammelt. Sie schrien, gestikulierten wild mit ihren Armen.
„Ihr Neidhammel“, höhnte er von weit oben auf sie herab. „Diesen Erfolg vermögt ihr mir nicht streitig zu machen. Hättet ihr meine Wissenschaftsgläubigkeit, würden wir jetzt gemeinsam hier stehen. Es ist richtig, dass eure Zweifel euch in die zweite Reihe verbannt haben. Nur den Mutigen gehört die Welt!“
Die Euphorie übermannte ihn. Überschwänglich warf er sich den Lüften entgegen. Breitete die Arme aus, um sie wie Vogelschwingen für sein Abenteuer zu nutzen.
Als ihn die physikalischen Gesetzmäßigkeiten, trotz deren 99-prozentigen Leugnung durch die Wissenschaft, in die Tiefe rissen, verfluchte Henry seine Ignoranz: Hätte er vor wenigen Minuten auf sein Smartphone geschaut, wäre ihm das Sterben wohl erspart geblieben. Denn statt der Information über die Freigabe des Fliegens, hatte das Gerät wahrscheinlich nur den Anruf seiner Mutter verkündet.

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