Gernot rieb sich verwundert die Augen. „Was ist geschehen? Wo bin ich?“ Diese beiden Fragen schossen ihm fast gleichzeitig durch den Kopf, als er seinen Blick schweifen ließ, um festzustellen, wohin es ihn so plötzlich verschlagen hatte.
Über ihm klaffte ein Loch in einem überdimensionierten Schilfdach, durch das er wahrscheinlich hindurchgebrochen war, obwohl er sich nicht daran erinnern konnte, auf einem Schilfdach herumgeturnt zu sein. Er meinte sogar, ziemlich festen Boden unter den Füßen gehabt zu haben, bevor ihn diese Unterwelt verschluckt hatte. Und als ob das nicht schon absurd genug wäre, stand er auch noch auf der Spitze einer hochaufragenden Stele, einem Ort, auf den sich jemand mit Höhenangst niemals gewagt hätte. Und mit Höhenangst kannte er sich aus. Falls ihn gerade ein Alb durch einen Traum jagte, wurde es Zeit aufzuwachen! Doch nix da. Es ging weiter.
Er gönnte sich einen Blick nach unten. Um ihn herum reckten sich weitere Stelen in die Höhe. Beim genauen Betrachten erkannte er mit sich aufstellendem Nackenhaar, dass das keine Felsformationen waren, sondern die Rippenbögen eines riesigen Skeletts.
War er in eine Fallgrube geraten, in der Tausende Jahre vorher ein Mammut sein Ende gefunden hatte? Oder gehörte er jetzt selber zu den Jägern dieser zotteligen Fleischberge? Er fasste sich an den Kopf, um sich einmal kräftig durch die Haare zu wuscheln. Vielleicht brachte das alles wieder ins Lot? Dort ertastete er jedoch statt seiner Locken zwei Hörner. Er trug ein Geweih …
Zu allem Überfluss verspürte er nun auch noch einen stechenden Schmerz im Rücken. Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand einen Spieß zwischen die Schulterblätter gerammt.
Bevor er wie ein waidwundes Tier in die Tiefe zu stürzen drohte, versuchte er, sein Leben noch einmal Revue passieren zu lassen oder wenigstens dessen letzten Stunden.
Tatsächlich gelang es ihm, relativ klare Bilder vor seine inneren Augen zu projizieren. Es war Sonntagmorgen und als er mürrisch aus seinem Bett kroch, herrschte draußen tiefste Finsternis. Selbst die Vögel hockten noch schweigend in ihren Nestern. Aber an Ausschlafen war nicht zu denken. Wenn er auf dem Flohmarkt an die wirklich guten Stücke herankommen wollte, musste er einer der ersten dort sein, sonst würden die anderen Hyänen die Schnäppchen machen.
Es gelang ihm auch, zugleich mit den Händlern auf dem Gelände einzutreffen und an einem der sich im Aufbau befindlichen Stände entdeckte er das Kleinod, dem er schon Jahre hinter hechelte. Allerdings erwies sich die Verkäuferin als ein zäher Brocken. Von dem Preis, den sie verlangte, wich sie keinen Cent ab.
Alles Gefeilsche scheiterte an ihrer Beharrlichkeit. Als er ihr nach dreißig Minuten entnervt und wutentbrannt einige unschöne Schmeicheleien an den Kopf war, flippte auch sie aus und reagierte mit einer Verwünschung: „Du elender Geizkragen. Die Erde soll dich verschlucken!“
Und dieser Wunsch war offensichtlich in Erfüllung gegangen.
Einen Wimpernschlag vor dem Verschwinden in der Tiefe stieß Gernot einen Seufzer aus: „Na gut. Du sollst dein Geld haben!“
„Warum nicht gleich so“, säuselte die Händlerin, vor deren Verkaufstisch er plötzlich wieder stand, jetzt lammfromm, als sie seine Scheine in ihre Tasche verschwinden ließ. • Als sich beide beim Abschied noch einmal tief in die Augen schauten, glaubte Gernot, in ihren eine einsame Gestalt zu sehen, die von einer Felsnadel herunter in einen schwindelnden Abgrund gerissen wurde.

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