Jaskulka kannte den Spruch, wusste aber nicht, wer ihn in die Welt gesetzt hatte. Auf alle Fälle stimmte sie der Aussage: „Nur Fliegen ist schöner!“ 100-prozentig zu. Seitdem sie die Kunst des Fliegens beherrschte, war alles, was sie bisher erlebt und getan hatte nichts gegenüber den Empfindungen, die sie erfassten, sobald sie in die Lüfte aufstieg. Und das ohne Hilfsmittel. Sie musste nur die Arme ausbreiten, ihren Kopf und ihre Seele von allem Ballast befreien und schon hob sie ab. Das Schwierigste dabei war das Sichbefreienkönnen von allen menschlichen Sorgen. Nur wenn ihr das gelang, klappte es auch mit dem Abheben.
Es gab Tage, ja Wochen und Monate, an denen sie gern auf die Welt herabgeschaut hätte, es aber nicht fertigbrachte, ihre innere Leichtigkeit zu finden und deshalb darauf verzichten musste, es den Vögeln gleichtun zu können, um das blaue Firmament zu erobern.
Darauf folgten dann meistens Zeitabschnitte, die sie völlig unbeschwert erlebte, während derer Probleme und Sorgen einfach an ihr abprallten, weil sie ihr Äußeres zu einer hermetischen Hülle umfunktionierte, die nichts durchließ.
In einer solchen Phase befand sie sich gerade. Nichts konnte sie am Boden festnageln. Das Losfliegen, in den Lüften schweben, zurück zur Erde kehren und diesen Rhythmus von vorn beginnen, wurden plötzlich zur Selbstverständlichkeit, als wäre sie ein Vogel. Noch nie hatte ihre besondere Fähigkeit solange angedauert. Schon frohlockte sie damit, dass das vielleicht für immer so bleiben würde. Diesem Umstand war es auch geschuldet, dass sie den Entschluss gefasst hatte, endlich einmal eine längere Reise zu wagen.
Den Zugvögeln gleich, machte sie sich auf den Weg Richtung Süden, obwohl auf der Nordhalbkugel längst noch nicht der Herbst angebrochen war, geschweige denn der Winter, dieser garstige Gesell, dessen Gefährten Kälte, Schnee und Eis fast alles zum Äquator und darüber hinaustrieb, was Flügel hatte. Ihre für einen solchen Trip ungewöhnliche Terminwahl konnte wohl daran die Schuld tragen, dass die Flugrouten, die sie wählte, kaum frequentiert wurden. Nur vereinzelt traf Jaskulka Gleichgesinnte, wie sie die Vögel für sich nannte, weil sie ihnen unterstellte, denselben Ambitionen zu folgen, die auch sie gen Süden lockten.
Jede dieser Begegnungen folgte einem erwartbaren Muster. Die Vögel rissen ihr Kulleraugen weit auf, manche vergaßen sogar das Fliegen und sackten in gefährlichem Sturzflug nach unten, wenn sie Jaskulka sahen. Ein fliegendes Mädchen war eben immer eine Attraktion. Obwohl die gefiederte Schar auf ihren ausgedehnten Reisen über Kontinente hinweg eigentlich schon alles hätte zu Gesicht bekommen müssen, hatten sie einen so seltsamen „Vogel“ dann doch noch nicht gesehen.
Jaskulka nahm ihnen ihre Reaktionen nicht übel. Sie fühlte sich auch nicht stigmatisiert oder irgendwie anders ausgegrenzt. Eher hätte sie es gewundert, wenn ihr Erscheinen hier oben als das Normalste auf der Welt eingestuft worden wäre. Als „achtes Weltwunder“ erregte sie Aufmerksamkeit und das war okay!
Seit einigen Tagen zog eine ausgedehnte Wüstenlandschaft unter ihr entlang. Hin und wieder waren grüne Einsprengsel in dieses Sandmeer eingetupft. Oasen mit einer Wasserstelle, die ergiebig genug war, dass dort Menschen und Tiere ihren Durst löschen konnten und dazu auch eine Vegetation erwuchs, die der Sandödnis Paroli zu bieten vermochte.
Die Karawanen, die den Aberwitz besaßen, die Wüste zu durchqueren, strebten alle mit einer schlafwandlerischen Sicherheit zu den Wasserlöchern. Denn nur dort konnten sie lagern und sich gleichzeitig am feuchten Nass laben. Ohne solche Orte, wäre jede Wüstendurchquerung von vornherein dazu verdammt gewesen, eine Reise ohne Wiederkehr zu sein. Trotzdem blieb es ein gefährliches Wagnis, sich auf eine solche Route zu begeben. Wie angenehm und unbeschwert fühlte es sich dagegen an, die Distanzen zwischen A und B hoch oben in der Luft zurückzulegen, frohlockte Jaskulka vor sich hin.
Für jemanden, der sich mitten in der Wüste befand, musste sie den Eindruck von Unendlichkeit erwecken. Und doch gab es Grenzen, die ihr Einhalt geboten. Jaskulka zeigte sich eine solche Grenze, als der Sand abrupt vom Meer gestoppt wurde. Die sandfarbene Unendlichkeit wurde von einer azurblauen Unendlichkeit abgelöst. Zumindest schien es Jaskulka so. Ein ihr entgegenkommender Vogelschwarm empfand den Wechsel von blau zu beige wohl andersherum.
Das Meer schien außer Wasser nichts zu dulden. Inseln kamen nicht in Jaskulka Sichtfeld. Drei Tage lang war das so und sie hatte sich an den Anblick gewöhnt. Dann erspähte sie jedoch etwas, das sie völlig aus dem Gleichgewicht geraten ließ. Am Horizont tauchten skurrile Silhouetten auf. Beim Näherheranfliegen erkannte sie, um was es sich handelte. Menschen hatten mitten im Meer ein künstliches Gebilde erschaffen. Für Jaskulka glich das einem Sakrileg. Wie konnte es jemand wagen, die Jungfräulichkeit des Ozeans zu rauben? Welchen Nutzen brachte es, bizarre Türme ins Wasser zu stampfen?
Jaskulka merkte, wie ihre bis jetzt undurchdringbare äußere Hülle riss. Schmerz und Wut drangen in sie ein, bemächtigten sich ihrer Seele, verdrängten alle Leichtigkeit, die die Voraussetzung für ihre Fähigkeit zum Fliegen war. Sie hatte das Gefühl, sich in einen Stein zu verwandeln, in ein festes schweres Objekt, das hier oben nur ein Fremdkörper sein konnte.
Als diese Metamorphose vollzogen war, stürzte sie ab. Immer schneller trudelte sie nach unten. Ihr Fall endete auf der Spitze eines der Türme, der sie mit einem makaberen Willkommensgruß pfählte.
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Es gab Tage, ja Wochen und Monate, an denen sie gern auf die Welt herabgeschaut hätte, es aber nicht fertigbrachte, ihre innere Leichtigkeit zu finden und deshalb darauf verzichten musste, es den Vögeln gleichtun zu können, um das blaue Firmament zu erobern.
Darauf folgten dann meistens Zeitabschnitte, die sie völlig unbeschwert erlebte, während derer Probleme und Sorgen einfach an ihr abprallten, weil sie ihr Äußeres zu einer hermetischen Hülle umfunktionierte, die nichts durchließ.
In einer solchen Phase befand sie sich gerade. Nichts konnte sie am Boden festnageln. Das Losfliegen, in den Lüften schweben, zurück zur Erde kehren und diesen Rhythmus von vorn beginnen, wurden plötzlich zur Selbstverständlichkeit, als wäre sie ein Vogel. Noch nie hatte ihre besondere Fähigkeit solange angedauert. Schon frohlockte sie damit, dass das vielleicht für immer so bleiben würde. Diesem Umstand war es auch geschuldet, dass sie den Entschluss gefasst hatte, endlich einmal eine längere Reise zu wagen.
Den Zugvögeln gleich, machte sie sich auf den Weg Richtung Süden, obwohl auf der Nordhalbkugel längst noch nicht der Herbst angebrochen war, geschweige denn der Winter, dieser garstige Gesell, dessen Gefährten Kälte, Schnee und Eis fast alles zum Äquator und darüber hinaustrieb, was Flügel hatte. Ihre für einen solchen Trip ungewöhnliche Terminwahl konnte wohl daran die Schuld tragen, dass die Flugrouten, die sie wählte, kaum frequentiert wurden. Nur vereinzelt traf Jaskulka Gleichgesinnte, wie sie die Vögel für sich nannte, weil sie ihnen unterstellte, denselben Ambitionen zu folgen, die auch sie gen Süden lockten.
Jede dieser Begegnungen folgte einem erwartbaren Muster. Die Vögel rissen ihr Kulleraugen weit auf, manche vergaßen sogar das Fliegen und sackten in gefährlichem Sturzflug nach unten, wenn sie Jaskulka sahen. Ein fliegendes Mädchen war eben immer eine Attraktion. Obwohl die gefiederte Schar auf ihren ausgedehnten Reisen über Kontinente hinweg eigentlich schon alles hätte zu Gesicht bekommen müssen, hatten sie einen so seltsamen „Vogel“ dann doch noch nicht gesehen.
Jaskulka nahm ihnen ihre Reaktionen nicht übel. Sie fühlte sich auch nicht stigmatisiert oder irgendwie anders ausgegrenzt. Eher hätte sie es gewundert, wenn ihr Erscheinen hier oben als das Normalste auf der Welt eingestuft worden wäre. Als „achtes Weltwunder“ erregte sie Aufmerksamkeit und das war okay!
Seit einigen Tagen zog eine ausgedehnte Wüstenlandschaft unter ihr entlang. Hin und wieder waren grüne Einsprengsel in dieses Sandmeer eingetupft. Oasen mit einer Wasserstelle, die ergiebig genug war, dass dort Menschen und Tiere ihren Durst löschen konnten und dazu auch eine Vegetation erwuchs, die der Sandödnis Paroli zu bieten vermochte.
Die Karawanen, die den Aberwitz besaßen, die Wüste zu durchqueren, strebten alle mit einer schlafwandlerischen Sicherheit zu den Wasserlöchern. Denn nur dort konnten sie lagern und sich gleichzeitig am feuchten Nass laben. Ohne solche Orte, wäre jede Wüstendurchquerung von vornherein dazu verdammt gewesen, eine Reise ohne Wiederkehr zu sein. Trotzdem blieb es ein gefährliches Wagnis, sich auf eine solche Route zu begeben. Wie angenehm und unbeschwert fühlte es sich dagegen an, die Distanzen zwischen A und B hoch oben in der Luft zurückzulegen, frohlockte Jaskulka vor sich hin.
Für jemanden, der sich mitten in der Wüste befand, musste sie den Eindruck von Unendlichkeit erwecken. Und doch gab es Grenzen, die ihr Einhalt geboten. Jaskulka zeigte sich eine solche Grenze, als der Sand abrupt vom Meer gestoppt wurde. Die sandfarbene Unendlichkeit wurde von einer azurblauen Unendlichkeit abgelöst. Zumindest schien es Jaskulka so. Ein ihr entgegenkommender Vogelschwarm empfand den Wechsel von blau zu beige wohl andersherum.
Das Meer schien außer Wasser nichts zu dulden. Inseln kamen nicht in Jaskulka Sichtfeld. Drei Tage lang war das so und sie hatte sich an den Anblick gewöhnt. Dann erspähte sie jedoch etwas, das sie völlig aus dem Gleichgewicht geraten ließ. Am Horizont tauchten skurrile Silhouetten auf. Beim Näherheranfliegen erkannte sie, um was es sich handelte. Menschen hatten mitten im Meer ein künstliches Gebilde erschaffen. Für Jaskulka glich das einem Sakrileg. Wie konnte es jemand wagen, die Jungfräulichkeit des Ozeans zu rauben? Welchen Nutzen brachte es, bizarre Türme ins Wasser zu stampfen?
Jaskulka merkte, wie ihre bis jetzt undurchdringbare äußere Hülle riss. Schmerz und Wut drangen in sie ein, bemächtigten sich ihrer Seele, verdrängten alle Leichtigkeit, die die Voraussetzung für ihre Fähigkeit zum Fliegen war. Sie hatte das Gefühl, sich in einen Stein zu verwandeln, in ein festes schweres Objekt, das hier oben nur ein Fremdkörper sein konnte.
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