Tamira hatte es fast geschafft. Trotz schärfster Bewachung war ihr die Flucht aus dem Kerker gelungen. Trotz einer Meute von Bluthunden, die ihr seitdem beständig an den Fersen hingen, bewegte sie sich noch immer in Freiheit. Jetzt lag die letzte Bewährung vor ihr, die es für sie noch zu meistern galt, um endlich diesem Reich des Bösen zu entkommen, in das sie von einem launigen Schicksal hineingelockt worden war.
Der Tromadis, den die finsteren Magier des Königs wie einen Burggraben um das Reich gelegt hatten, damit es niemand betreten oder verlassen konnte, es sei denn der König gestattete es, verweigerte Tamira den Sprung in ein besseres Leben. Obwohl die Fluten des Grenzstromes unter einer dicken Eisschicht erstarrt waren, wusste sie, dass das keinesfalls bedeutete, einfach darüber hinwegspazieren zu können.
Grausige Geschöpfe, einzig dazu erschaffen, eine Überquerung der Barriere zu verhindern, hausten in dem Gewässer. Auch bei solchen unwirtlichen Bedingungen, wie sie gerade herrschten, versahen sie ihren Dienst als willige Gehilfen ihrer Herren. Keiner konnte Tamira genau sagen, welche Kreaturen ihre Flucht verhindern würden, doch alle berichteten davon, dass es furchtbare Wesen sein mussten, die dort auf sie lauerten.
Auf der Eisfläche entdeckte sie keine Wächter. Nur zu bizarren Gebilden gefrorene Wasserfontänen ragten empor. Allerdings waren deren Ausmaße mächtig genug, um einem Feind dahinter ein Versteck zu geben.
Tamira betrat vorsichtig die glatte Fläche, immer damit rechnend, plötzlich angegriffen zu werden. Ihr Schwert umfasste sie mit beiden Händen, hielt es aufrecht vor sich. Sie mochte sich zehn Schritte vom Ufer entfernt haben, als ein Inferno losbrach. Unter ohrenbetäubende Getöse riss der Untergrund auf. Tischplattengroße Schollen wurden empor geworfen, wirbelten durch die Luft, wie die Herbstblätter einer Eiche im Wind.
Tamira vollführte grazile Pirouetten, um ihnen auszuweichen. Gleichzeitig versuchte sie zu erspähen, was dieses Tohuwabohu ausgelöst hatte. Schnell erkannte sie die Ursache. Aus einem Spalt vor ihr züngelte ein mannsdicker Tentakel hervor, haschte nach ihren Beinen. Ein Schwertstreich, dem ein gellender Schmerzschrei folgte, beendete den Angriff. Dafür brachen an anderen Stellen immer mehr gierige Fangarme durch die Oberfläche und grabschten nach ihr.
Mit der Eleganz einer Tänzerin tippelte sie zwischen ihnen her, ließ ihr Schwert durch die Luft kreisen, federte zur Seite, stieß zu. Ein Sprung, der der Choreographie eines klassischen Balletes entlehnt sein konnte, brachte sie schließlich ins Zentrum des Angriffs. Dort lauerte ein kugelförmiges Geschöpf, dem die scheinbar tausend Gliedmaßen für die Jagd auf Tamira aus dem Leib wucherten.
Zwei cyan funkelnde Augen starrten sie an. In ihnen spiegelten sich Mordlust und Schmerz. Letzterer wahrscheinlich zum ersten Mal während seines blutgierigen Daseins, denn ein kämpfendes Opfer hatte es wohl noch nie bezwingen müssen.
Tamira hielt dem Blick stand, erwiderte ihn mit einer triumphierenden Mine und rammte dem Untier das Schwert zwischen die Augen. Noch einmal ertönte das jämmerliche Gejaule, gefolgt vom Klatschen der ins Wasser zurückstürzenden Tentakel. Dann herrschte Stille.
Tamira zog ihre Klinge aus der besiegten Bestie. Blaues Blut sprudelte aus der Wunde, rann auch an ihrem Schwert herab.
Nachdem sie ihre Waffe gereinigt hatte, umfasste sie sie anmutig, wie sie es vielleicht sonst mit einem Partner beim Ball getan hätte, und tanzte schwungvoll in die Freiheit.

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