Euphelia gab sich längst nicht mehr der Illusion hin, dass es für sie auf der Karriereleiter noch weiter nach oben gehen könnte. Die Position, auf die man sie abgeschoben hatte, war gleichzusetzen mit einer Endstation. Zwar klang der Titel „Hüterin des Portals“ so, als läge die Sicherheit ihrer Welt in ihren Händen, aber in Wirklichkeit hockte sie tagein tagaus vor einer verschlossenen Pforte, von der niemand zu sagen wusste, ob sie überhaupt jemals als Durchlass gedient hatte.
Sie selber argwöhnte eher, dass ein gewitzter Architekt hier lediglich den Eindruck erwecken wollte, hinter der Mauer läge ein fremdes, unheimliches Universum, dessen Bewohnern unbedingt der Zutritt zu ihrer Welt verwehrt werden müsse. In Wirklichkeit befand sich dahinter bestenfalls eine Kammer, schlimmstenfalls vielleicht gar nichts. Der Posten, auf den man sie beordert hatte, war also im wahrsten Sinne des Wortes ein verlorener.
Nur um die Zeit totzuschlagen, klopfte sie, wie vorgeschrieben, die Ziegel der Wand ab. Strich über die Fugen, um festzustellen, ob sie eventuell bröckelten. Sie hielt auch das fast schwerelose Tuch vor die verschlossene Öffnung, das sofort schwingen würde, wenn das Gemäuer den geringsten Luftzug von der Gegenseite durchließe.
Natürlich erwartete sie keine Veränderung gegenüber den vielen tausenden Überprüfungen, die sie alle die Jahre hier vollzogen hatte. Es gab eben Dinge, die änderten sich nie. Sie dennoch zu kontrollieren, grenzte wohl an Wahnsinn. Und eine Wahnsinnige schien sie ja auch zu sein.
Die Steine hielten Euphelias Klopfen stand. Aus den Fugen rieselte kein Körnchen Mörtel. Und das Tuch hing bewegungslos vor der Mauer, als wäre es aus Fels gewebt.
Dass dahinter ein diffuses Licht nach oben sickerte, tat Euphelia als Sinnestäuschung ab. Sie blinzelte zweimal schnell mit den Augen und war sich sicher, gleich wieder in die gewohnte Finsternis zu starren. Aber damit täuschte sie sich. Das fahle Licht erstrahlte immer heller. Sie ließ das Tuch fallen. Langsam glitt es zu Boden. Dort, wo die Steine bisher das Ende Euphelias Welt besiegelten, bot sich ihr, nachdem ihre Pupillen die Helligkeit akzeptiert hatten, plötzlich ein Blick in die Ferne. Ihr offenbarten sich die Gestade der Gegenseite. An deren Endlosigkeit konnte sie sich anfangs gar nicht satt sehen. Sie vereinnahmte sie so intensiv, dass sie gar nicht wahrnahm, was in unmittelbarer Nähe auf der anderen Seite vorging.
Erst zwei gellende Schreie, die Euphelia als Angstschreie interpretierte, lenkten ihre Aufmerksamkeit dorthin. Sie erkannte zwei gekrümmte Gestalten, denen wahrscheinlich das plötzlich aufgerissene Loch den Schrecken in die Glieder hatte fahren lassen. Diese demütige Haltung signalisierte keine Gefahr. Für Euphelia glich sie eher einer Einladung, die fremde Welt zu betreten, zumal sie in den beiden Frauen Leidensgenossinnen sah, die offensichtlich wie sie selbst die undankbare Aufgabe hatten, etwas zu bewachen, was eigentlich keiner Bewachung bedurfte, zumindest bis zu diesem denkwürdigen Augenblick, in dem die Trennwand in sich zusammenbrach, aus welchem Grund auch immer.
Plötzlich steckte Euphelia in einer Gewissenszwickmühle. Sollte sie sich als „Gleiche unter Gleichen“ outen, die sie ja schließlich war, oder sich zur Auserwählten hochstilisieren. Nach kurzer Überlegung entschied sie sich für Letzteres. Sie rechtfertigte sich für diese Anmaßung vor sich selbst mit der Argumentation, dass ihr nach der langen Zeit in der Bedeutungslosigkeit endlich eine Aufwertung zu stand. Außerdem schien es der Wille einer höheren Macht zu ein, der ihr diese Beförderung zukommen ließ. Denn wenn die beiden fremden Wächterinnen geistesgegenwärtig genug gewesen wären, die Situation zu ihren Gunsten zu nutzen, dann würde Euphelia vielleicht jetzt in devoter Haltung vor ihnen knien.
Also durchschritt sie das Portal. Der Wechsel in das andere Universum verwandelte sie für Augenblicke in eine glühende Furie. Den beiden zusammengekrümmten Figuren musste es vorkommen, als hätte eine mächtige Herrscherin aus finsteren Welten den Weg zu ihnen gefunden.
„Erhebt euch und dienet mir!“, orakelte Euphelia mit verstellter Stimme. Sie hoffte, dass ihre Worte auch verstanden wurden. Zum Glück war dem so. Ihre neuen Dienerinnen standen auf, wagten aber nicht, die Köpfe zu heben und sie anzuschauen. Das gefiel Euphelia.
Sofort sprudelte sie eine Litanei an Wünschen und Befehlen hervor, mit denen sie unterstrich, dass sie fortan die Herrschaft über das Nachbarreich zu übernehmen gedachte. Widerspruch schlug ihr nicht entgegen. Sie konnte den Bogen also noch etwas weiter spannen. Neue Forderungen fielen ihr ein.
Mittlerweile erlaubten sich die Frauen, ihre Köpfe zu heben. In ihren Gesichtern zeichneten sich Ängste und Befürchtungen ab. Zu abstrus schienen ihnen Euphelias Befehle vorzukommen, doch sie formulierten keine Einwände.
„Gut!“, befand Euphelia. „Dann lasst uns gehen. Ich will mein neues Herrschaftsgebiet inspizieren!“
Die Wächterinnen schickten sich bereits an, vor ihr her zu dienern, da geiferte eine Stimme aus dem Gang, den Euphelia bisher bewachte, hervor: „Euphelia, scher dich zurück! Ich habe dir befohlen, mich sofort zu informieren, sobald sich das Portal öffnet. Für deine Eigenmächtigkeit sollst du büßen.“
„Wie gewonnen, so zerronnen!“, schoss es Euphelia durch den Kopf, als sie unterwürfig Richtung Stimme kroch.

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