In den letzten Augenblicken seines Lebens gönnte sich Wysoki keine Sentimentalitäten. Es hätte auch keinen Sinn gehabt, das Leben mit einer Lüge, genauer gesagt mit einer Selbstlüge auszuhauchen. Obwohl er sich eingestehen musste, dass er, von einer solchen getrieben, hierhergekommen war. Trotz, dass ihn alle vor diesem Schritt gewarnt hatten, beharrte er darauf, an das Gute in den Bewohner dieser Welt zu glauben. Außerdem empfand er Mitleid für sie.
Sie schienen sich in eine Sache verrannt zu haben, deren unheilvolle Dynamik sie jetzt umklammert hielt und zwar so fest, dass ein Entkommen aus eigener Kraft unmöglich war. Nur wenn sie Unterstützung von außen erhielten, bestand eine geringe Chance, dem großen Irrtum zu entkommen. Und Wysoki fühlte sich dazu berufen, diese äußere Hilfe zu verkörpern.
Allerdings musste er dafür aus der Sicherheit seines Daseins ausbrechen, sie hinter sich lassen, zu dem Wagnis bereit sein, zu scheitern, was gleichbedeutend mit seinem Ende war. Die Katastrophe, die gerade über ihn hereinbrach, kam also nicht ganz überraschend. Er hatte sie als verschwindend geringe Möglichkeit eingeplant.
Viel logischer und erfolgsversprechender erschien im vor seinem Aufbruch allerdings die Annahme, dass die Bewohner dieser Welt ihm zujubeln würden, sobald er ihnen die Augen dafür geöffnet hätte, dass ihre neue Lebensphilosophie falsch war. Es konnte ja auch nicht zu schwer sein, einzusehen, dass man in die völlig falsche Richtung lief, wenn man ein funktionierendes System einfach so über den Haufen warf. Wenn man alles Gewesene nur noch verdammte. Das unerforschte Neue anhimmelte, ohne ausgelotet zu haben, welche Auswirkungen es mit sich bringen würde.
Ganz falsch lag er mit seinen Argumenten nicht. Es gab genügend Zeitgenossen, die seine Sicht der Dinge teilten. Sie standen aber leider auf verlorenem Posten. Ihre Warnungen verhallten im Nichts, wie die Schreie der Rufer in der Wüste.
Dafür handelten die, an deren Thron er mit seinem unerwarteten Erscheinen sägte, umso heftiger. Sie hörten ihm kurz zu. Erkannten, dass er eine Gefahr für sie darstellte und reagierten entsprechend.
Jetzt bekam er ihre ganze Autorität zu spüren. Ein massives Polizeiaufgebot, bewaffnet bis an die Zähne, hatte ihn eingekesselt. Wahrscheinlich trug seine Körpergröße dazu bei, dass sie nicht versuchten, ihn mit erhobenem Zeigefinger in die Schranken zu weisen, sondern mit der kompletten Kavallerie anrückten. Sie schienen alles aus ihren Arsenalen aufgefahren zu haben, was dort eingebunkert war.
Wysoki begriff sofort, dass er dieser Feuerkraft nichts entgegenzusetzen hatte, deshalb schritt er mit geöffneten Händen auf die Polizeikräfte zu. Vielleicht ließen sie sich mit dieser Friedensgeste von ihrem Vorhaben abbringen? Anfangs sah es auch so aus, als könnte sich diese Hoffnung erfüllen. Ein Offizier löste sich aus der Phalanx. Er kam auf Wysoki zu, hatte vorher offensichtlich den Befehl erteilt, die Waffen schweigen zu lassen.
Als die Beiden nur noch eine Armlänge voneinander trennte, vernahm Wysoki plötzlich eine quäkende Stimme, die wohl aus dem Headset seines Gegenübers herausschallte. Sie klang aggressiv. Der Offizier machte ein ungläubiges Gesicht. Bellte ebenfalls ein paar Worte in sein Mikrofon. Als Antwort erhielt er offenbar denselben Befehl wie gerade eben, nur um einige Oktaven lauter. Daraufhin zuckte er mit den Schultern.
Wysoki konnte das Bedauern erkennen, das in der Geste lag. Noch mehr Symbolkraft steckte wohl in dem, was der Uniformierte dann tat. Er wusch seine Hände unter einem imaginären Wasserstrahl. Danach hastete er zurück.
Als der Offizier in der Masse seiner Untergebenen verschwunden war, brach das Inferno über Wysoki herein. Scheinbar tausend Rohre spuckten ihm Geschosse und Verderben entgegen. Der ersten Feuerwalze vermochte er noch standzuhalten. Bei der zweiten sackte er auf die Knie. Die dritte fegte ihn hinweg.
Erst nach einer geraumen Zeitspanne rückte die Truppe bis zu dem gefällten Körper vor. Wieder angeführt von dem Offizier, dem Tränen in den Augen standen. Er fasste nach Wysokis blutverschmierten Hand, die sich wie zum freundschaftlichen Gruß in die Höhe reckte. „So sind wir“, seufzte er. „Wir kreuzigen. Wir zünden Scheiterhaufen an. Wir werfen Bomben. Nur zuhören können wir nicht.“

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