Am Firmament zeigte ein leuchtend-gelber Mond sein Antlitz. Kreisrund erstrahlte die Himmelsscheibe, riss jedes Detail der Umgebung aus der Dunkelheit. Doria wusste, was das zu bedeuten hatte. Die Zeit war gekommen, in der das große Mysterium sein Tribut einforderte.
Stimmen in ihrem Kopf verkündeten ihr, dass sie in diesem Herbst zu den Auserkoren gehörte, die auf den Weg geschickt wurden, um Teil des uralten Rituals zu werden. Vielleicht sogar diejenige zu sein, der es oblag, dem fallenden Laub Einhalt zu gebieten. Denn nur wenn es gelang, den Blätterregen zu stoppen, konnte sich der Zyklus des Lebensbaumes fortsetzen. Sollte er jemals all seine Pracht abwerfen und nur noch kahle Äste in die Höhe strecken, wäre das Schicksal des Planeten besiegelt.
Mit dem Erscheinen der vollen Mondscheibe begann die Frist abzulaufen, in deren Zeitkorsett es gelingen musste, das zu verhindern. Noch wusste Doria nicht, was sie dazu befähigen würde, den Fortbestand ihres Planeten zu ermöglichen. Doch sie war sich sicher, dieser Herausforderung gewachsen zu sein.
Forsch stieß sie ihren Wanderstab auf den Boden und folgte dem Weg, der sich deutlich vor ihr abzeichnete. Es gehörte wohl zur Vorsehung des Mysteriums, dass ihr Schritte durch das Leuchten des Mondes dorthin gelenkt wurden, wo der Lebensbaum zu finden war. Denn obwohl unzählige Legenden von ihm berichteten, beschrieb keine den Platz, an dem er wurzelte und es blieb unerwähnt, welche Pfade zu ihm führten. Trotzdem hatten ihn die Auserwählten stets erreicht und auch Doria beseelte der Wille, seinen Standort zu erkunden.
Sie vermochte nicht zu sagen, wie lange sie bereits unterwegs war, als der Verdacht in ihr aufkeimte, verfolgt zu werden. Gelegentliche Geräusche hinter hier und das Auftauchen flüchtiger Schatten bestärkten ihren Argwohn. Mit einer Finte verschaffte sie sich Klarheit, ob ihr jemand nachschlich.
An einer unübersichtlichen Biegung setzte sie ihren Weg nicht fort, sondern huschte hinter einen Felsen, der ihr ausreichend Deckung bot, um unbemerkt einen Blick auf mögliche Verfolger werfen zu können. Und tatsächlich tauchten bald darauf zwei Gestalten auf, die sich allerdings keine große Mühe gaben, unentdeckt zu bleiben. Eher erweckten sie den Eindruck, zufällig in die gleiche Richtung unterwegs zu sein, wie Doria.
Wären es ihresgleichen gewesen, hätte sie sich vielleicht zu erkennen gegeben. Aber da es zwei Echsen waren, die ihr folgten, blieb sie erst einmal auf der Hut. Zwar gehörten sie zu einer meist friedlichen Gattung, jedoch konnte ein gewisses Misstrauen ihnen gegenüber nicht schaden. Also drehte Doria den Spieß herum und heftete sich an ihre Fersen.
Doch schon bald mutmaßte sie, dass von denen keine Gefahr ausging und sie sich ihnen zeigen konnte. Beim Näherkommen erkannte sie sogar an den abgewetzten Rückenschuppen der beiden, dass sie sich ihren Lebensunterhalt offensichtlich als Lastenträger verdienten und eventuell auch zum Reiten taugten. So konnte sie nach kurzem Preisgefeilsche und einer ungefähren Richtungsangabe auf den Rücken der einen Echse klettern und sie vorwärtstreiben. Willig folgte ihr die andere.
Irgendwann musste Doria allerdings ihr wahres Ziel preisgeben und brachte die beiden damit gegen sich auf. Die Echsen weigerten sich, ihr weiter zu Diensten zu sein. Da sie keine Auserwählten waren, hätte für sie der Anblick des Lebensbaumes zum Tode geführt. Der Streit eskalierte und endete damit, dass sie Doria in eine Schlucht warfen. Damit konnte niemand mehr den vollständigen Blätterfall aufhalten. Ein endloser Herbst legte sich über den Planeten, was das große Mysterium so verärgerte, dass es einen Kometen auf den Lebensbaum herabstürzen ließ, der nicht nur den mächtigen Stamm zertrümmerte, sondern auch sämtlichen Echsen und Sauriern den Garaus machte. • Wie die Geschichte weitergeht, dürfte bekannt sein.

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