Solange sich Martin zurückerinnern konnte, hatte er in der Nacht zur Wintersonnenwende diese Vision. Er sah sich als kleinen Jungen in einem großen Vogelnest hocken, das sich hoch oben an die steinerne Plattform eines Berggipfels krallte. Neben ihm streckten drei schwarze Federknäuels ihre weit aufgerissenen Schnäbel über den Rand des Horstes und warteten darauf, dass sie endlich gefüttert wurden.
Sobald sie auf ihren Beutezügen erfolgreich waren, kehrten die Elternvögel zu ihrer Brut zurück, um deren Hunger zu stillen. Auch Martin erhielt die ihm zustehende Ration. Obwohl er sich so völlig von den übrigen Nestbewohnern unterschied, wurde er niemals benachteiligt.
„Es ist die gleiche Geschichte wie all die Jahre vorher“, stellte Martins Vater fest, der neben ihm an dem klobigen Tisch saß.
Martins Mutter, die Pfannen und Töpfe auf dem wuchtigen Herd hin und her schob, nickte nur und wiederholte mit einem erleichterten Unterton in der Stimme: „Immer die gleiche Geschichte.“
Gerne hätte Martin beiden zugestimmt. Doch in dieser Nacht hatte die Vision einen anderen Verlauf genommen als sonst. „Beinah wäre alles so geblieben wie bisher. Aber dann tauchte dieser seltsame Besucher auf. Ein Rabe mit zerrupftem Gefieder. Seinen Schnabel und die Augen verhüllte eine weiße Maske. Auf dem Kopf trug er einen zerknüllten Zylinder …“
An dieser Stelle fand Martins Beschreibung des Gastes ein jähes Ende. Der Vater fasste nach seinem Unterarm und umklammerte ihn schmerzhaft. Der Mutter rutschte die Pfanne mit den gebratenen Eiern aus den Händen. Scheppernd fiel sie zu Boden. Fast gleichzeitig schrien sie ihm ihre Frage zu: „Was hat er dir erzählt?“
„Ihr kennt die Antwort!“ Ganz leise tropften Martins Worte von seinen Lippen. Der harte Griff des Vaters, die fallengelassene Pfanne der Mutter zeigten ihm, dass seine Vision mehr als nur ein wiederkehrender Traum war. Sie offenbarte ihm einen Teil der Wahrheit über seine Herkunft.
Die Hand des Vaters glitt kraftlos von seinem Unterarm. Die Mutter ließ sich auf den freien Stuhl fallen, der am Tisch stand. Pfanne und Eier blieben vor dem Ofen liegen.
„Erklär du es ihm!“, forderte der Vater die Mutter auf.
Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und beichtete dem Sohn das Geschehen. Sie hatten ihn als Säugling im Wald gefunden. Eingehüllt in einen kostbaren Mantel und beschützt von einem Schwert, das neben ihm im Boden steckte und sowohl Menschen als auch Tiere von ihm fernhielten. Hätte er nicht so erbarmungswürdig gejammert, wären sie wahrscheinlich ebenfalls vor ihm davongelaufen. Aber schließlich besiegte in ihren Herzen das Mitleid die Furcht und sie nahmen ihn zu sich. Sie zogen ihn auf wie ihr leibliches Kind. Gemeinsam mit ihren anderen Söhnen und Töchtern wuchs er heran. Niemand kannte sein Geheimnis. Und ohne seine Sonnenwende-Visionen hätte es auch nie jemand erfahren.
Lange Zeit haderte Martin mit sich, ob er sein gewohntes Dasein fortführen sollte, oder ob es besser wäre, seinem neuen bzw. ganz alten Leben auf die Spur zu kommen. Schließlich entschied er sich dafür, einen Schlussstrich unter das Bisherige zu ziehen und in das Unbekannte aufzubrechen.

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