Zum wiederholten Mal brachte Faroma ihren Waffenmeister mit einem exzellenten Schuss zur Weißglut. Erneut traf ihr Pfeil den bereits mitten im Ziel steckenden des alten Kempen am gekerbten Ende des Schaftes und spaltete ihn bis zur Spitze.
„In Zukunft schießt du zuerst“, grollte der ergraute Waffenmeister. „Dann kannst du mir wenigstens nicht meine Pfeile ruinieren. Wenn wir die jetzige Reihenfolge beibehalten, werde ich die mir verbleibenden Tage ausschließlich damit verbringen müssen, neue Geschosse zu schnitzen.“
Faroma wusste, dass dieses Gemecker nicht ernst gemeint war, sondern ihr der Alte damit auf seine verschrobene Art sagen wollte, was für eine gute Bogenschützin sie sei. Genauso wie sein Gezeter, dass seine Klinge unter ihren Schwerthieben langsam so zackig wie ein Sägeblatt zu werden drohe, ein verstecktes Lob für ihre Fechtkunst war. Und jedes Mal, wenn sie ihn beim Lanzenreiten aus dem Sattel stieß, bemitleidete er sich und seine maladen Knochen, meinte damit aber, dass sie es mittlerweile besser verstand, auf diese Art zu kämpfen als er selbst.
Ohne seine Beharrlichkeit bei der Ausbildung wäre sie niemals zu einer solchen Kriegerin geworden, deshalb war es nun an der Zeit, ihm dafür Dank zu sagen.
Doch noch bevor sie den Mund öffnen konnte, wurde sie von einem heraneilenden Boten daran gehindert. Keuchend blieb er vor den Beiden stehen. Erst als der Waffenmeister ihn zum Sprechen aufforderte, richtete er seine Botschaft aus. Faroma sollte sofort zum Magier, der sie wie eine Tochter aufgezogen hatte, eilen. Dort warteten die höchsten Repräsentanten der Aumma auf ihr Erscheinen.
Die Kriegerin warf ihrem Ausbilder einen fragenden Blick zu, den er jedoch nur mit einem Schulterzucken erwiderten konnte. Offensichtlich hatte auch er keine Ahnung, was der Rat von ihr wollte.
„Du weißt, dass unser Volk vor vielen Jahren von einem Drachen aus seiner angestammten Heimat vertrieben worden ist, der ihm eine Rückkehr dorthin seither verwehrt“, sagte der Magier, als sie endlich vor ihm stand, und wiederholte damit nur, was ihr und jedem Aumma von Kindesbeinen an gelehrt wurde. Neu hingegen war, was sie nun erfuhr. „Doch jetzt ist die Zeit angebrochen, in der wir unser Land zurückholen werden. Endlich gibt es in unserem Volk einen Krieger, der dem Drachen ebenbürtig ist. Ihm gebührt es, das Untier zu erschlagen.“
Faroma fiel niemand ein, der das sein könnte. Zur Aumma-Streitmacht zählten zwar tapfere Kriegerinnen und Krieger, doch dass jemand von ihnen die Fähigkeiten besitzen sollte, einem Drachen allein besiegen zu können, hielt sie für eine gewagte Aussage. Vielleicht war ein fahrender Recke aus der Fremde zurückgekehrt, der dort gelernt hatte, Lindwürmer zu erschlagen? Oder einer der Zaubersprüche des Mannes, den sie Vater nannte, entfaltete jetzt die Macht, solches zu vollbringen? Sie wartete darauf, dass er den Namen des Hoffnungsträgers nennen würde. Doch statt das zu tun, hüllte er sich plötzlich in Schweigen.
Dafür ergriff einer der beiden Würdenträgerinnen, die dem Rat angehörte, das Wort. Bevor sie zu sprechen anhob, legte sie Faroma die Hände auf die Schultern. „Aumma-Tochter“, begann sie salbungsvoll. „Der große Tag ist gekommen, an dem uns offenbart wurde, wer in die Schlacht gegen das Untier ziehen wird und zurückholt, was es uns gestohlen hat.“ Eine kurze Pause folgte dieser Ankündigung, dann fuhr sie fort. „Du bist diese Auserkorene! Das Heilige Omen hat deinen Namen offenbart. Nur dir allein gebührt die Ehre, Gerechtigkeit für die Aumma einzufordern!“
Eine ungeheuerlichere Nachricht hätte die Würdenträgerin nicht verkünden können. Faroma sollte die Beste der Besten sein, in deren Macht es lag, die Schmach ihres Volkes zu tilgen. Warum sie? Natürlich war sie eine ausgezeichnete Kriegerin, aber es gab genügend Streiter in den Reihen der Aumma, die es mit ihr aufnehmen konnte, weil sie über die gleichen Fähigkeiten wie sie verfügten, vielleicht sogar über bessere. Lag es daran, dass der mächtigen Stammes-Magier sie als Ziehtochter angenommen hatte?
Faromas Schultern sackten herab, sodass die Hände der Würdenträgerin nach unten rutschten. Sie verspürte das Bedürfnis, den Mund aufzureißen, um ihre Lungen mit frischer reiner Luft zu füllen. Gleichzeitig drängte sie es, die Gedanken, die ihr in diesem Moment durch den Kopf schossen, über die Lippen huschen zu lassen. Beides misslang.
Stattdessen schaffte sie es gerade, so viel zu atmen, dass ihr nicht schwarz vor Augen wurde. Und von dem Wortschwall brach lediglich ein unverständliches Gebrabbel aus ihr heraus.
Ein kräftiger Schlag des Magiers zwischen ihre Schulterblätter brachte sie zurück in die Wirklichkeit. Als er erkannte, dass sie wieder bei sich war, nahm er ihr Gesicht in die Hände. „Faroma! Tochter! So besinne dich doch! Sei dir der Würde bewusst, dass das Heilige Omen dich erwählt hat.“
Dieser Würde war sie sich wohl bewusst. Doch ebenso hatte ihr ihr Verstand offenbart, was das für sie bedeutete: Sie sollte dem Drachen zum Fraß vorgeworfen werden. Denn auf nichts Anderes lief das heraus, was der Rat ausgekungelt hatte.
Einen Drachen besiegen! Welch Unsinn! Selbst in den Legenden, die die Barden an den Lagerfeuern vortrugen, wurde nur ganz selten von einer solchen Tat berichtet. Wenn auch die weit umhergekommenen Geschichtenerzähler kaum davon sangen, mussten diese Heldentaten lange zurückliegen und deshalb in Vergessenheit geraten sein. Und jetzt sollte ausgerechnet ihr, dem Aumma-Mädchen, diese Ungeheuerlichkeit gelingen? Das konnte doch niemand für möglich halten.
Sie sank auf die Knie. Reckte den Kopf empor. Erneut öffnete sich ihr Mund. Diesmal gelang ihr das Sprechen. Aber ihr entschlüpfte keiner der sie peinigenden Zweifel. Dafür verkündete sie feierlich: „Ich bin stolz darauf, diejenige sein zu dürfen, die uns Aumma das zurückholt, was uns solange vorenthalten wurde: unsere Ehre!“
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„In Zukunft schießt du zuerst“, grollte der ergraute Waffenmeister. „Dann kannst du mir wenigstens nicht meine Pfeile ruinieren. Wenn wir die jetzige Reihenfolge beibehalten, werde ich die mir verbleibenden Tage ausschließlich damit verbringen müssen, neue Geschosse zu schnitzen.“
Faroma wusste, dass dieses Gemecker nicht ernst gemeint war, sondern ihr der Alte damit auf seine verschrobene Art sagen wollte, was für eine gute Bogenschützin sie sei. Genauso wie sein Gezeter, dass seine Klinge unter ihren Schwerthieben langsam so zackig wie ein Sägeblatt zu werden drohe, ein verstecktes Lob für ihre Fechtkunst war. Und jedes Mal, wenn sie ihn beim Lanzenreiten aus dem Sattel stieß, bemitleidete er sich und seine maladen Knochen, meinte damit aber, dass sie es mittlerweile besser verstand, auf diese Art zu kämpfen als er selbst.
Ohne seine Beharrlichkeit bei der Ausbildung wäre sie niemals zu einer solchen Kriegerin geworden, deshalb war es nun an der Zeit, ihm dafür Dank zu sagen.
Doch noch bevor sie den Mund öffnen konnte, wurde sie von einem heraneilenden Boten daran gehindert. Keuchend blieb er vor den Beiden stehen. Erst als der Waffenmeister ihn zum Sprechen aufforderte, richtete er seine Botschaft aus. Faroma sollte sofort zum Magier, der sie wie eine Tochter aufgezogen hatte, eilen. Dort warteten die höchsten Repräsentanten der Aumma auf ihr Erscheinen.
Die Kriegerin warf ihrem Ausbilder einen fragenden Blick zu, den er jedoch nur mit einem Schulterzucken erwiderten konnte. Offensichtlich hatte auch er keine Ahnung, was der Rat von ihr wollte.
„Du weißt, dass unser Volk vor vielen Jahren von einem Drachen aus seiner angestammten Heimat vertrieben worden ist, der ihm eine Rückkehr dorthin seither verwehrt“, sagte der Magier, als sie endlich vor ihm stand, und wiederholte damit nur, was ihr und jedem Aumma von Kindesbeinen an gelehrt wurde. Neu hingegen war, was sie nun erfuhr. „Doch jetzt ist die Zeit angebrochen, in der wir unser Land zurückholen werden. Endlich gibt es in unserem Volk einen Krieger, der dem Drachen ebenbürtig ist. Ihm gebührt es, das Untier zu erschlagen.“
Faroma fiel niemand ein, der das sein könnte. Zur Aumma-Streitmacht zählten zwar tapfere Kriegerinnen und Krieger, doch dass jemand von ihnen die Fähigkeiten besitzen sollte, einem Drachen allein besiegen zu können, hielt sie für eine gewagte Aussage. Vielleicht war ein fahrender Recke aus der Fremde zurückgekehrt, der dort gelernt hatte, Lindwürmer zu erschlagen? Oder einer der Zaubersprüche des Mannes, den sie Vater nannte, entfaltete jetzt die Macht, solches zu vollbringen? Sie wartete darauf, dass er den Namen des Hoffnungsträgers nennen würde. Doch statt das zu tun, hüllte er sich plötzlich in Schweigen.
Dafür ergriff einer der beiden Würdenträgerinnen, die dem Rat angehörte, das Wort. Bevor sie zu sprechen anhob, legte sie Faroma die Hände auf die Schultern. „Aumma-Tochter“, begann sie salbungsvoll. „Der große Tag ist gekommen, an dem uns offenbart wurde, wer in die Schlacht gegen das Untier ziehen wird und zurückholt, was es uns gestohlen hat.“ Eine kurze Pause folgte dieser Ankündigung, dann fuhr sie fort. „Du bist diese Auserkorene! Das Heilige Omen hat deinen Namen offenbart. Nur dir allein gebührt die Ehre, Gerechtigkeit für die Aumma einzufordern!“
Eine ungeheuerlichere Nachricht hätte die Würdenträgerin nicht verkünden können. Faroma sollte die Beste der Besten sein, in deren Macht es lag, die Schmach ihres Volkes zu tilgen. Warum sie? Natürlich war sie eine ausgezeichnete Kriegerin, aber es gab genügend Streiter in den Reihen der Aumma, die es mit ihr aufnehmen konnte, weil sie über die gleichen Fähigkeiten wie sie verfügten, vielleicht sogar über bessere. Lag es daran, dass der mächtigen Stammes-Magier sie als Ziehtochter angenommen hatte?
Faromas Schultern sackten herab, sodass die Hände der Würdenträgerin nach unten rutschten. Sie verspürte das Bedürfnis, den Mund aufzureißen, um ihre Lungen mit frischer reiner Luft zu füllen. Gleichzeitig drängte sie es, die Gedanken, die ihr in diesem Moment durch den Kopf schossen, über die Lippen huschen zu lassen. Beides misslang.
Stattdessen schaffte sie es gerade, so viel zu atmen, dass ihr nicht schwarz vor Augen wurde. Und von dem Wortschwall brach lediglich ein unverständliches Gebrabbel aus ihr heraus.
Ein kräftiger Schlag des Magiers zwischen ihre Schulterblätter brachte sie zurück in die Wirklichkeit. Als er erkannte, dass sie wieder bei sich war, nahm er ihr Gesicht in die Hände. „Faroma! Tochter! So besinne dich doch! Sei dir der Würde bewusst, dass das Heilige Omen dich erwählt hat.“
Dieser Würde war sie sich wohl bewusst. Doch ebenso hatte ihr ihr Verstand offenbart, was das für sie bedeutete: Sie sollte dem Drachen zum Fraß vorgeworfen werden. Denn auf nichts Anderes lief das heraus, was der Rat ausgekungelt hatte.
Einen Drachen besiegen! Welch Unsinn! Selbst in den Legenden, die die Barden an den Lagerfeuern vortrugen, wurde nur ganz selten von einer solchen Tat berichtet. Wenn auch die weit umhergekommenen Geschichtenerzähler kaum davon sangen, mussten diese Heldentaten lange zurückliegen und deshalb in Vergessenheit geraten sein. Und jetzt sollte ausgerechnet ihr, dem Aumma-Mädchen, diese Ungeheuerlichkeit gelingen? Das konnte doch niemand für möglich halten.
Sie sank auf die Knie. Reckte den Kopf empor. Erneut öffnete sich ihr Mund. Diesmal gelang ihr das Sprechen. Aber ihr entschlüpfte keiner der sie peinigenden Zweifel. Dafür verkündete sie feierlich: „Ich bin stolz darauf, diejenige sein zu dürfen, die uns Aumma das zurückholt, was uns solange vorenthalten wurde: unsere Ehre!“
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