Auf dem schmalen steinigen Grat der Felsformation, die einem Finger gleich Richtung Westen wies, standen zwei Kriegerinnen. Sie bewunderten in welchem Farbenspiel der Feuerball der Sonne hinter dem gegenüberliegenden Bergmassiv unterging. Der westliche Horizont flimmerte vom tiefsten Orange bis zum zartesten Gelb. Die beiden wie Hörner eines Stiers anmutenden Spitzen des Berges schienen die Sonne erst aufspießen zu wollen, bevor sie sie langsam zwischen sich hinabgleiten ließen, bis sie hinter dem mächtigen Felsen verschwand. Danach hüllte sich das Firmament in ein diffuses Dämmerlicht.
„Dort drüben, Faroma“, sagte die Kriegerin, deren Haar von einer grauen Kapuze verhüllt wurde „warten zwei feurige Rosse auf uns.“
„Ich habe ein Pferd, Gwynthia“, erwiderte die Angesprochene.
„Aber ich nicht. Deshalb werde ich mir heute Nacht ein Reittier holen. Und du wirst, wenn du die majestätischen Geschöpfe erst einmal gesehen hast, ebenfalls eines besitzen wollen.“
„Und was wollen wir dagegen eintauschen?“
„Eintauschen“, schnaubte Gwynthia. „Die Ragusa geben ihre Pferde für nichts auf der Welt her. Wir müssen sie uns nehmen . . .“
„. . . stehlen“, fiel ihr Faroma ins Wort.
„Nenne es, wie du es willst. Die Tiere sind es wert.“
Noch bevor die ersten Fledermäuse den dämmrigen Nachthimmel bevölkerten, hatten die beiden Kriegerinnen den Fuß des Pferde-Felsens erreicht.
„Unsere Rüstungen lassen wir bei deinem Pferd“, entschied Gwynthia. „Schwert und Bogen werden ausreichen, um unsere Beute zu holen. Die Herde wird meistens nur von ein paar Halbwüchsigen bewacht. Denen müssen wir mit unseren Waffen nur einen gehörigen Schrecken einjagen, dann stellen sie keine Gefahr dar.“
„Wenn die Pferde so wertvoll sind, werden uns statt der Knaben bestimmt kampferprobte Krieger dort oben erwarten“, gab Faroma zu bedenken.
„Die Ragusa rechnen nicht damit, dass jemals jemand so verrückt sein könnte, eines ihrer Pferde zu stehlen. Jedenfalls habe ich in meinem langen Leben nie von einer solchen Tollkühnheit gehört. Deshalb sind nur Pfleger auf dem Felsen und keine grimmigen Wächter.“
Faroma runzelte die Stirn. Scheinbar war sie gerade dabei, sich in ein Abenteuer locken zu lassen, das niemals gut ausgehen konnte. Trotzdem kletterte sie Gwynthia hinterher, die sich bereits auf dem Weg nach oben befand. Als sie das Plateau erreicht hatten, schaute sich Faroma erstaunt um. Statt des erwarteten felsigen Untergrunds bedeckte saftiges Gras die Fläche, die sie überschauen konnte. Im Dämmerlicht entdeckte sie mehrere Gruppen frei herumlaufender Pferde. Obwohl sie nur wenige Einzelheiten wahrnahm, erkannte sie, dass Gwynthia recht hatte: es waren außergewöhnlich erhabene Geschöpfe, von denen sie nun doch gerne eins ihr Eigen genannt hätte.
Gwynthia schien ihr die Bewunderung anzusehen. Feixend flüsterte sie ihr zu: „Und, habe ich dir zu viel versprochen?“
Zum Antworten kam Faroma nicht mehr. Zwischen den Pferdeleibern drängte plötzlich eine schlaksige Gestalt hervor. Das musste einer der Burschen, sein, den die Obhut über die Pferde anvertraut worden war, und scheinbar hatte er ihr Eindringen bemerkt. Faroma erstarrte. Doch Gwynthia reagierte blitzartig. Sie riss sich den Bogen von der Schulter, legte einen Pfeil ein und schoss. Knapp neben dem Jungen bohrte sich der Pfeil in den Boden. Er glaubte wohl, die Schützin hätte ihn verfehlt, aber das Geschoss wippte genau an der Stelle auf und ab, auf die Gwynthia gezielt hatte. Schreiend lief der Wächter davon. Die Pferde stampften aufgeschreckt hin und her.
„Jetzt müssen wir schnell sein“, rief Gwynthia Faroma zu. „Jeder schnappt sich ein Pferd. Es ist egal welches. Sie sind alle von edlem Geblüt und Gemüt. Und wenn wir es beide auf ihre Rücken geschafft haben, wirst du alles, was ich mache, ebenfalls machen, egal wie verrückt es dir vorkommt.“
Gwynthias durchdringender Blick zwang Faroma zu einem zustimmenden Nicken. Dann ging es los. Vorsichtig, um die Tiere nicht noch mehr zu beunruhigen, näherten sie sich der Herde. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis beide ihre Wahl getroffen hatten. Sie krallten sich an den Mähnen der Tiere fest und schwangen sich auf ihre Rücken. Gwynthia brach in ein triumphierenden Gehäul aus, das ihr Pferd sofort in den Galopp trieb. Faroma musste ihrem die Fersen in die Flanken drücken, damit es der Gefährtin nachjagte.
Fünf mit Spießen bewaffnete Burschen versuchten, sich ihnen in den Weg zu stellen, mussten aber tatenlos zur Seite springen, als die Pferde auf sie zurasten.
Gwynthia galoppierte zielstrebig auf eine Stelle des Plateaus zu. Von dort aus führte wahrscheinlich ein Weg nach unten, sinnierte Faroma. Also würden sie dort auch von den nächsten Wächtern erwartet werden. Sie nestelte an ihrem Schwert herum.
Mittlerweile hatte Gwynthia offensichtlich ihr Ziel erreicht. Sie verschwand, zum Glück unbehelligt, auf dem bergabführenden Weg. Als Faroma an der gleichen Stelle ankam, erkannte sie jedoch voller Entsetzen, dass es keinen Pfad gab, auf dem sie hinunterreiten konnte. Vor ihr fiel der Fels ins Bodenlose. Eine schwindelerregende Leere tat sich vor ihr auf, in die sich ihr Pferd mit einem beherzten Galoppsprung hineinstürzte.

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