Obwohl die Begegnung mit dem Drachen jetzt schon einen ganzen Sonnenweg hinter ihr lag, fühlte sich Faroma innerlich noch immer aufgewühlt. Als der Lindwurm urplötzlich neben ihren Boot aus den Fluten aufgetaucht war, schien für dessen Besatzung ein Kampf gegen ihn unumgänglich zu sein. Doch statt anzugreifen, reckte er sich nur empor, spie einen Feuerball aus seinem Nüstern in den Himmel und brach in ein fürchterliches Gebrüll aus. So vernahmen es zumindest Gwynthia und die Nordmänner.
Für Faroma klang sein Fauchen dagegen wie wohlgesetzte Worte. „Ich entbiete dir meinen Gruß, Drachenblütlerin“, rief er ihr zu. „Und sei gewiss, dass du dich auf dem richtigen Weg befindest.“ Nach dieser Botschaft fuhr sein Kopf hinab zum Deck des Schiffes. Seine dolchscharfen Zähne gruben sich in Faromas treues Pferd. Mit dieser Beute im Maul öffnete er seine gewaltigen Schwingen und erhob sich in die Lüfte. Die heftige Brise, die sein Flügel aufwirbelte, trieb das Boot zur Insel. Jetzt hatte Faroma zum zweiten Mal vernommen, dass Drachenblut durch ihre Adern strömte …
„Hörst du mir eigentlich zu?“, riss Gwynthias Frage sie aus ihren Gedanken.
„Der … der Drachen“, stammelte sie.
„Der Drachen war gestern“, erinnerte sie Gwynthia. „Heute werden uns die beiden Gestalten dort drüben Ärger bereiten.“
Sie saßen hinter einem Felsen verborgen am Ufer eines winterlichen Bergsees auf ihren Ragusa-Pferden. Eisschollen trieben im Wasser. Vor ihnen schaukelte das abgebrochene Stück eines Gletschers in den Wellen. Am gegenüberliegenden Ufer schob sich eine Landzunge weit in das Wasser. Der Zugang zu dieser Halbinsel wurde von einem mächtigen Portal versperrt, das zwei riesige Wächter flankierten. Aus der Ferne konnten Faroma nicht erkennen, ob die Wächter aus Stein gemeißelt oder Eisskulpturen waren. Lebendige Wesen schienen es nicht zu sein, denn sie harrten unbeweglich auf ihrem Posten.
„Der Weg zu unserem Ziel führt durch das Tor“, erklärte Gwynthia. „Und nur, wenn die Beiden es für uns öffnen, gelangen wir hindurch.“
„Dann sollten wir sie darum bitten.“
„Darauf werden sie nicht eingehen“, zeigte sich Gwynthia skeptisch. „Als ich vor zweitausend Wintern hier war, musste ich mir schon etwas einfallen lassen, um an ihnen vorbeizukommen. Aber ich habe eine Idee …“ Sie beugte sich zu Faroma hinüber und flüsterte ihr lange etwas zu. Dann saßen sie ab.
Gwynthia umrundete die Pferde mit einem monotonen Singsang auf den Lippen, der die Tiere in eine Trance fallen ließ. „So“, beendete sie ihre Zeremoniell. „Sie werden hier auf uns warten, selbst wenn wir eine Ewigkeit wegbleiben. Doch die nächste Aufgabe wird etwas anspruchsvoller.“
Faroma erinnerte sich sehr genau daran, wie es das letzte Mal ausgegangen war, als Gwynthia das versucht hatte, was sie jetzt gleich zu wiederholen gedachte. Auch für eine Magierin schien es nicht ganz so einfach zu sein, ihre Gestalt zu wechseln. Beim ersten Versuch schrumpfte Gwynthia zu einem Polarfuchs zusammen. Damit passte sie zwar in diese eisige Landschaft, wirkte aber wenig beeindruckend. Als Walross kam sie sich zu unbeholfen vor. Erst als sie in den Körper eines Eisbären schlüpfte, schien sie mit sich zufrieden zu sein und erntete dafür auch einen anerkennenden Blick ihrer Gefährtin.
Sie traten hinter dem Felsblock hervor und wurden dadurch für die Wächter des Tores sichtbar. Sofort erwachten die beiden zum Leben. „Was treibt dich hierher?“, hallte die Stimme des einen über den See.
„Ich bin eine Gauklerin und möchte euren König mit meinen Darbietungen erfreuen“, rief Faroma zurück. Bevor der Wächter sich danach erkundigen konnte, wozu ihr ein Eisbär folgte, erhob sich Gwynthia auf ihre Hintertatzen, um ein Tänzchen vorzuführen. „Mein zotteliger Freund beherrscht noch ganze andere Kunststückchen. Die werden euren Herrscher gefallen. Nur verratet mir, wie wir über den See gelangen können. Ich habe keine Lust, ihn am Ufer entlang zu umrunden.“
Die beiden Wächter berieten sich kurz miteinander. „Klettert auf die große Scholle! Wir werden euch herüberziehen.“
Faroma und Gwynthia folgten der Anweisung. Kaum hatten sie die rutschige Fähre betreten, setzte sich diese in Richtung Halbinsel in Bewegung.
„Das ging ja leichter als befürchtet“, brummte Gwynthia Faroma zu.

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