Schon beim ersten Tageslicht brachen Faroma und Gwynthia ihr Nachtlager ab. Beide waren noch mit ihren nächtlichen Erlebnissen beschäftigt, so dass das Zusammenräumen und Verstauen ihres Gepäcks fast schweigend verlief. Auch auf ihren Weg durch den Wald fiel kaum ein Wort. Erst als sie feststellten, dass sich ihre Umgebung zu ändern begann, machten sie sich gegenseitig darauf aufmerksam.
„Es sind keine Tiere mehr unterwegs und die Vögel haben aufgehört zu zwitschern“, wunderte sich Faroma.
„Nur das Rauschen des Flusses ist noch zu vernehmen, ansonsten scheint es völlig still geworden zu sein“, fügte Gwynthia hinzu.
Tatsächlich regte sich nichts mehr. „Als ob jemand mit einem großen Besen beim Frühjahrsputz alles Lebendige ausgekehrt hätte.“ Gwynthia wiegte nachdenklich den Kopf hin und her. „Ohne die Bäume könnte man denken, wir seien in einer Wüste.“|
Trotz der ungewöhnlichen Veränderungen beschlossen sie, ihren Marsch fortzusetzen. Dabei schienen sie dem Fluss immer näher zu kommen, denn das Rauschen des Wassers wurde ständig lauter. Wahrscheinlich mündete der Strom, auf den sie sich zu bewegten, in den See, der sich vor der Ragusa-Burg ausbreitete.
Die Stelle, an der sie auf das Gewässer trafen, bildete den Uferbereich einer kleinen Bucht, die abseits vom Hauptstrom lag. Hier war von dem Tosen der Fluten nichts zu hören. Vorsichtig schlichen sie bis zu dem Dickicht, das an der Uferböschung wucherte, um von dort aus einen ersten Eindruck von dem Fluss gewinnen zu können, den sie wohl überqueren musste, um an ihr Ziel zu gelangen. Was sie dort zu sehen bekamen, ließ ihnen das Blut in den Adern gerinnen.
In der Mitte der Bucht thronte der riesige Kopf eines Flussdämons – oder was immer es war – über der Wasseroberfläche. Eine fahle Haarpracht fiel der Kreatur bis auf die Schultern, rahmte das von einer runzligen aufgedunsenen Haut überspannte Gesicht ein. Mit den lidlosen Augen, den bebenden Nasenflügeln und der gespaltenen Zunge, die zwischen den lilanen Lippen hin und her zuckte, schien sie Witterung aufzunehmen. Eine Bestie auf Jagd.
Plötzlich begann sich das Wasser vor ihrem Gesicht zu kräuseln. Wellen bildeten sich und klatschten gegen ihr Kinn. Aus den Fluten tauchte ein Krieger auf. Erst der Kopf, dann die Brust. Schließlich stand ein gut gewappneter Recke auf der Handfläche der Kreatur, die sie über dem Wasser hielt. Eigenartigerweise rann kein Tropfen an ihm herab. Er schien den Fluten vollkommen trocken entstiegen zu sein. Das bewies auch das Schwert, das er mit beiden Händen umklammert hielt, und das von Flammen umlodert wurde.
„Lebende sind in mein Reich eingedrungen.“ Die Worte des Dämonen klangen wie ein Grunzen. „Ich kann sie wittern. Und ich will, dass du sie schlachtest, mein Sohn!“
Der Krieger reckte das Schwert in die Höhe. „Das werde ich tun, Mutter. Lass mich an Land. Die Frevler sollen bereuen, jemals einen Fuß auf dein Gebiet gesetzt zu haben.“
Die Kreatur streckte die Hand Richtung Ufer und der Krieger sprang an Land. Ohne zu zögern, stürmte er auf das Versteck zu, von dem aus Faroma und Gwynthia das Geschehen beobachteten. Ihnen blieb gerade noch so viel Zeit, ihre Schwerter zu ziehen, bevor der Angreifer seine Flammenklinge gegen sie richten konnte.
Doch noch ehe der Stahl der Waffen aufeinander traf, zerrissen zwei überraschend klingende Schreie fast zeitgleich die unnatürliche Stille der Bucht. Den einen stieß Gwynthia aus, der andere entwich der Kehle des Recken.
„Ramdur?!“
„Gwynthia?!“

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