Nicht nur die beiden Wölfe waren in der Dunkelheit des Waldes verschwunden, auch der Winter zog sich dorthin zurück. Er gewährte dem Sommer wieder seinen angestammten Platz, den er ihn für eine Nacht streitig gemacht hatte.
Faroma und Gwynthia schienen nicht zu bemerken, dass sie von keiner Kälte mehr gezwickt wurden, sondern sie jetzt eine laue Sommernacht umschmeichelte. Oder vielleicht doch? Denn sie ließen das Lagerfeuer herunterbrennen, dessen Wärme sie nicht mehr bedurften und das sie auch nicht mehr vor den Wölfen und anderen Nachträubern schützen musste. Der Friede, denen ihnen der Anführer der vierbeinigen Jäger versprochen hatte, galt für alle Geschöpfe des Waldes. Keines würde es wagen, ihn zu brechen.
Sie nutzten die Stunden, die ihnen bis zum Tagesanbruch blieben, um davon zu berichten, was ihnen in der Zeit von Gwynthias Verschwinden widerfahren war. Da sich Gwynthia in ihrem momentanen Gemütszustand jedoch kaum an die Abenteuer erinnern konnte, die sie im Körper der weißen Wölfin erlebt hatte, lauschte sie größtenteils Faromas Erzählung. Nur wenige Male ergriff sie selbst das Wort.
Die mächtigen Bäume des Waldes und das schützende Tuch der Nacht schirmten Faroma und Gwynthia von den Ereignissen ab, die rings um sie ihren Lauf nahmen und deren Teil sie waren, auch wenn sie gerade in dem ungewöhnlich glücklichen Ausgang ihrer Tragödie schwelgten.
Je mehr Details die schwindende Dunkelheit vom Dickicht des Waldes jedoch preisgab, je lichter der Himmel, den die Kronen der Bäume nicht völlig verbergen konnte, über Faroma und Gwynthia wurde, desto lauter drangen auch die Geräusche des erwachenden Tages in ihre Ohren. Es war nicht das Gezwitscher der Vögel, das sie vernahmen, ebenso wenig das Knacken von trockenen Ästen, die unter den Hufen des durstig zum See strebenden Wildes brachen. Diese Stimmen der Wildnis hatten kaum eine Chance, dem Lärm Paroli zu bieten, den zwei munter gewordene Heere machten, die sich auf eine Schlacht vorbereiteten. Beide Armeen wussten, dass sie heute aufeinandertreffen würden. Sich voreinander zu verbergen, hatte also keinen Sinn mehr.
„Wir müssen uns beeilen!“ Gwynthia trat ein letztes, noch glimmendes Holzscheit in der Feuerstelle aus. „Die Ragusa werden für jedes Schwert dankbar sein, das für ihre Sache ficht.“
Trotz der zurückliegenden mehr als aufregenden Ereignisse konnte sich Faroma eine kleine Spitze nicht verkneifen: „Unsere Pferde sind es auch wert, für sie vielleicht auf der Walstatt erschlagen zu werden.“ Damit spielte sie auf die Tatsache an, dass sie eigentlich nur deshalb auf die Ragusa-Insel gekommen waren, um Abbitte für den Pferdediebstahl zu leisten, mit dem sie sich in den Besitz ihrer außergewöhnlichen Rösser gebracht hatten. Unglücklicherweise überschlugen sich dann jedoch die Geschehnisse und so standen sie jetzt zwischen den Heeren bzw. war der Entschluss in ihnen gereift, sich den Ragusa anzuschließen, um ihre Schulden zu tilgen.
„Ich bin bereit, diesen Preis zu bezahlen“, schnaubte Gwynthia. „Wenn er dir zu hoch erscheint, musst du mich nicht begleiten!“
„Natürlich werde ich an deiner Seite stehen. Ich bin doch kein Feigling!“ Diese Worte lagen Faroma auf der Zunge. Sie behielt sie jedoch für sich. Für einen Streit war das nicht der richtige Moment. Stattdessen lächelte sie Gwynthia an, froh darüber, dass ihre Gefährtin langsam wiederbegann, ihr altes Ich zurückzugewinnen, das zwar nur so vor Ecken und Kanten strotzte, aber nun einmal zu ihr gehörte. Eine Gwynthia ohne spröden Charakter, wäre eine falsche Gwynthia gewesen.
Sie schulterten ihr Gepäck. Faroma hielt ihr Schwert kampfbereit in den Händen, während Gwynthia einen Pfeil auf die Sehne ihres Bogens legte und sich damit jederzeit für einen schnellen Schuss bereithielt.
Ihr Weg führte sie zum See. Als sie das Gewässer das letzte Mal überquert hatten, war es nicht mit Wasser gefüllt, sondern mit glühender Lava. Das flüssige Gestein ergoss sich aus dem Felsmassiv in den See, das die Ragusa-Magier als Barriere gegen das feindliche Heer erschaffen hatten, wohl wissend, dass sie damit nur Zeit gewannen, keinesfalls die Schlacht. Tatsächlich benötigten die Magier der Angreifer keine Ewigkeit, um das Bollwerk wegzuschmelzen. Jetzt, da es verschwunden war, wiegte sich der See sanft im Morgenwind und die beiden Heere standen sich in Schlachtordnung vor der Ragusa-Burg gegenüber.
Faroma und Gwynthia rannten am Ufer entlang. Sie wollten bei den Ragusa sein, bevor einer der beiden Befehlshaber seine Streitmacht mit dem Angriffssignal den Befehl zum Losschlagen gab.
Plötzlich erfüllte die Luft ein in den Ohren schmerzendes Pfeifen. Über den See zog ein Gesteinsbrocken seine Bahn. Er war so gewaltig, dass er von keiner Wurfmaschine abgeschossen worden sein konnte. Nur übernatürlichen Kräfte ließ sich wohl die Macht zuschreiben, ein solches Geschoss durch die Lüfte zu schleudern. Abertausende Augenpaare folgten der ballistischen Kurve, die der Brocken bis zu seinem Ziel flog. Zwischen den Fronten schlug er auf.
Faroma, Gwynthia und alle Krieger pressten sich in Erwartung eines trommelfellzerreißenden Knalls die Hände auf die Ohren. och dieser Knall blieb aus. Fast lautlos vollzog sich die Landung. Genauso lautlos klappte der Brocken auseinander und offenbarte ein helles Leuchten in seinem Inneren. Keiner ahnte, was es mit dem Licht auf sich hatte.

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