Der Palast des Ragusa-Herrschers befand sich hoch über der Stadt. Die Spitze des Turmes, hinter dessen mächtigen Mauern er sich verbarg, stieß bis in die Wolken. Und ganz dort oben, fast schon im Firmament, residierte der König.
Gut, dass Faroma und Gwynthia durchtrainierte Kriegerinnen waren, denn sie mussten unzählige Stufen bewältigen, bis sie ihr Ziel erreichten.
Für den König selbst hatten seine Magier eine Vorrichtung erdacht, mit der er mühelos hinauf und auch wieder hinuntergelangte. Auch die Auserwählten unter seinen Gästen durften dieses Gerät nutzen. Allen anderen blieben die Strapazen des Aufstiegs zu Fuß jedoch nicht erspart.
Das führte stets dazu, dass die Letzteren, wer immer sie waren und was immer sie in die Ragusa-Stadt getrieben haben mochte, im Palast angekommen, die Hälfte ihrer Forderungen mit dem Schweiß ausgeschwitzt hatten, der ihnen bei der Wanderung nach oben aus den Poren tropfte.
Faroma, die nichts von der angenehmeren Art des Aufstiegs ahnte, ertrug die Kletterei stoisch.
Gwynthia dagegen, die das Privileg für die Gleicheren unter den Gleichen kannte, runzelte die Stirn. Wenn der Ragusa-Fürst, wie von dessen Bote erwähnt, wusste, welchen Dienst sie ihm und seinem Volk mit ihrem Kampf gegen den gehörnten Wolf geleistet hatten, dann wäre wohl zu erwarten gewesen, dass man ihnen diese Kraxelei nicht auferlegt hätte.
Bevor der Ragusa-Herrscher ein Wort an sie richtete, ließ er sich von den Beiden erst die Ehrerbietungen erweisen, die ihm seinen Rang entsprechend zustanden. „Seid willkommen ihr tapferen Kriegerinnen“, begrüßte er sie nach diesem Zeremoniell. „Du, Faroma, müsstest zum ersten Mal Gast in unseren Mauern sein. Doch du …“; ihm schien ein Name auf der Zunge zu liegen, den er jedoch nicht aussprach, „… Gwynthia warst schon hier. An dich erinnere mich. Obwohl unsere Begegnung sehr lange zurückliegt. Könnte es 2000 Jahre her sein?“
„So ist es, weiser Herrscher“, bestätigte Gwynthia die Zahl der Jahre.
„Nun, ich habe gehört, dass du nicht ganz freiwillig dem Ragusa-Lande so lange ferngeblieben bist“, tat der König kund, dass die Anrede „weise“ wohl berechtigt war. „Und mir ist ebenso bewusst, dass dich oder besser gesagt euch auch nicht die Sehnsucht nach uns hierhergetrieben hat.“
„Auch das entspricht der Wahrheit“, stimmte Gwynthia ihm zu. „Aber dann wirst du auch wissen, welch Dienst wir dir und deinem Volk erwiesen haben?“
„So ist es“, bediente er sich jetzt ihrer Worte als Antwort. „Und das wird euch auch vergolten werden. Deshalb soll es die Strafe für den Raub unserer Pferde gewesen sein, dass ihr zu Fuß zu mir aufsteigen musstet. Und als Dank für eure Tapferkeit beim Kampf gegen den gehörnten Wolf gestatte ich euch, die Pferde weiterhin zu reiten. Mögen sie euch dorthin tragen, wo immer es euch hintreibt.“
„Danke, weiser Herrscher“, antworteten Faroma und Gwynthia fast gleichzeitig.
Huldvoll hob der Ragusa-Herrscher seine Hand und winkte jemanden zu sich. Der Magier, der die beiden Kriegerinnen hierhergeführt hatte, sprang von den Knien auf und eilte zum Thron. Der Fürst fasste ihn an der Kutte und zog ihn dicht zu sich heran, dann flüsterte er ihm etwas zu. Als er ihn wieder von sich stieß, wandte er sich von den Dreien ab. Die Audienz war beendet.
Obwohl sie für den König nicht mehr zu existieren schienen, verbeugten sich Faroma, Gwynthia und der Magier dreimal tief, bevor sie den Thronsaal verließen.
Die beiden Kriegerinnen schlugen wieder die Richtung zur Treppe ein, als sich die Pforte zum Königssaal hinter ihnen schloss. Doch der Magier stellte sich ihnen in den Weg. „Nicht dort entlang! Folgt mir!“ Er führte sie zu der wundersamen Vorrichtung, die seine Magierbrüder für den König ersonnen hatten, damit diesem das Treppensteigen erspart blieb. Sie betraten einen Korb, der mit ihnen in die Tiefe rauschte.
Faroma beschlich das Gefühl, dass plötzlich zwei Finger ihre Gehörgänge verschlossen und sich dahinter ein unangenehmer Druck aufbaute. Als sie einen Blick zu Gwynthia warf, erkannte sie, dass diese beständig schluckte. Der Mageninhalt schien der Gefährtin zurück in den Mund kehren zu wollen. Nur der Magier bewahrte eine stoische Haltung.
Irgendwann endete ihre Reise nach unten. Wieder forderte der Druide sie auf, ihm zu folgen. Doch während sie erwarteten, den Turm zu verlassen, geleitete er sie in einen Gewölbegang. Offensichtlich befanden sie sich jetzt unter dem Bauwerk, wo sich nur das Verließ befinden konnte. Faroma griff zum Schwert.
„Lass es stecken!“, befahl der Magier. „Ihr sollt hier unten nicht für alle Ewigkeit vermodern. Unser Herrscher hat mir lediglich befohlen, euch jemanden zu zeigen. Er meinte, dessen Anblick könnte dich erfreuen, Gwynthia.“
Er blieb vor einer mit Spinnennetzten zugewobenen Kerkertür stehen. Ein kurzer Zauberspruch genügte, um sie quietschend aufspringen zu lassen. Hinter der Tür klaffte ein schwarzes Loch. Es bedurfte eines weiteren Befehles, dass ein Lichtstrahl hineinfiel. Er riss ein bizarres Bild aus der Finsternis. Von Baumwurzeln umgittert und von Baumwurzeln durchbohrt stand dort regungslos eine Gestalt. Eine Kutte verhüllte ihren Leib. Faroma und Gwynthia glaubten, dass das ein von den Wurzeln aufrecht gehaltener Leichnam sein müsste. Dann erkannten sie jedoch, dass die Gestalt sich bewegte. Zwei Arme, die dem Holz der vermeintlichen Gitterstäbe glichen, ragten aus der Kutte. An ihren Enden umfassten zwei Hände eine metallene Kelle, mit der sie Näpfe befüllten, an denen sich schwarze Katzen labten.
Die Kreatur schien nicht bemerkt zu haben, dass sie von der geöffneten Tür aus beobachtet wurde. Auch das Licht ignorierte sie. Erst als der Magier ihr zurief: „Zeige dein Gesicht!“ hielt sie in ihrer monotonen Bewegung inne. Sie warf den Kopf in den Nacken und befreite damit ihr Antlitz von der Kapuze der Kutte.
Jetzt fasste Gwynthia nach ihrem Schwert, denn sie erkannte in dem Gefangenen des Ragusa-Königs den Hexer, der sie für zweitausend Jahren mit einem Fluch in Ketten geschmiedet hatte. Der Magier verhinderte, dass sie ihre Klinge ziehen konnte. „Krümme ihm kein Haar! Er kam, gleich nachdem du von seiner Hexerei in der Höhle angekettet worden warst, zu uns, wohl hoffend, dass ihm für seine Tat eine Belohnung zuteilwerden würde. Doch statt ihn mit Gold zu überschütten, ließ ihn der Fürst in den Kerker stecken. Dort sollte er bleiben, bis er den Zauberspruch preisgeben würde, mit dem du die Freiheit zurückerlangen könntest. Er hat ihn nie verraten.“
„Möge er weitere zweitausend Jahre hier vor sich hin modern“, schnaubte Gwynthia und eilte davon.

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