Nachdem Faroma und Gwynthia dem Ragusa-Fürsten ihre Schuld, den Pferdediebstahl, gebeichtet hatte und er ihnen ihr Vergehen mit seiner Absolution vergab, konnten sie die Ragusa-Insel wieder verlassen. Da ihnen auf dem Rückweg die beschwerlichen Abenteuer des Herkommens eigentlich erspart bleiben sollten, müsste das ein einfaches Unterfangen werden, redeten sie sich ein.
Den Magier, der sie immer noch begleitete, zauberte ihr Gedankenaustausch ein verschmitztes Lächeln auf das Gesicht. „Wie ihr wisst, ist unser König ein weiser und gerechter Herrscher“, mischte er sich in ihr Gespräch ein. „Doch nicht nur das. Er besitzt auch sehr viel Humor und Witz. Und ihr werdet euch gleich davon überzeugen können, dass dem so ist.“
Da der Fürst ihnen bereits mit seinem Befehl, den Kerker zu besichtigen, seine makabre Gemütsader bewiesen hatte, zweifelten sie nicht daran, dass es noch einige andere Überraschungen seinerseits gab, die ihnen blühen könnten. Das war ein weiterer Grund, schnell von der Insel zu verschwinden.
„Nun, dann zeige uns, welch Scherz uns erwartet!“, forderte Gwynthia den Magier auf.
„Hoffentlich gelingt es uns, den Herrscher zu belustigen“, fügte Faroma bissig hinzu.
Der Druide hielt sein Lächeln bei, sodass es den beiden Kriegerinnen nicht gelang, in Erfahrung zu bringen, welche Emotionen ihre Auslassungen bei ihm hervorriefen.
„So folgt mir!“ Nicht nur tief unter der mächtigen Ragusa-Feste befand sich ein Gängelabyrinth, dem Fremde ohne Hilfe niemals entkommen vermochten, auch einige Stockwerke weiter oben setzte sich das Wirrwarr von Fluren, Kammern und Sälen fort. Doch dem Magier schien es keine Mühe zu bereiteten, sich hier zurecht zu finden. Wie von einem unsichtbaren Kompass geleitet, bog er nach links und rechts ab, oder eilte lange Gänge entlang, ohne auch nur einen Seitenblick in die dort ebenfalls abzweigenden Flure zu werfen.
„Wenn er sich jetzt dazu entschließt, unsichtbar zu werden“, raunte Faroma Gwynthia zu, „finden wir nie zum Licht der Sonne zurück.“
„Doch das würdet ihr“, antwortete ihr der offenbar sehr hellhörige Führer. „Allerdings nur unter Mühen …“
„… und solche wird uns der weise Fürst ja sicherlich nicht auferlegen, nach dem, was wir für euer Volk getan haben“, fühlte ihn Gwynthia auf den Zahn.
„Lasst euch überraschen“, kicherte der Druide als Erwiderung.
Und eine Überraschung hatte er ihnen tatsächlich zu bieten, als sie endlich an ihrem Ziel angekommen waren. Sie betraten einen gewaltigen Saal, dessen Ausmaße einer Höhle in einem Bergmassiv in nichts nachzustehen schienen. In dessen Mitte erhob sich ein architektonisches Kleinod. Kunstvoll gefertigte Portale, Stufen und Treppen verschmolzen zu einer Symbiose, deren Einzigartigkeit Faroma und Gwynthia den Atem stocken ließen. Wessen Fantasie dieses Ensemble auch immer entsprungen sein mochte, bei ihm musste es sich zweifellos um ein Genie handeln.
Faroma und Gwynthia fragten sich jedoch, an welcher Stelle des erhabenen Bauwerkes sich der Humor oder Witz des Ragusa-Fürsten verstecken mochte. Für sie war beides nicht zu erkennen. Wieder erwies sich der Magier als Gedankenleser. „Gleich werdet ihr erfahren, über welch feinsinnigen, aber gleichzeitig auch großzügigen Humor, unser geliebter Herrscher verfügt.“
Er führte sie weiter auf das Bauwerk zu. Erst aus der Nähe ließ sich genau betrachten, wie viele Portale sich dort befanden.
„Wohin mögen die Türen diejenigen bringen, die es wagen, sie zu durchschreiten?“, wandte sich Faroma an den Magier.
„Die Ziele dahinter legt unser Herrscher fest“, erklärte er. „Da auch ihr eines der Portale durchqueren müsst, werde ich euch kundtun, was der König dahinter für euch vorgesehen hat. Wählt ihr das Richtige aus und verlasst durch es unsere Welt, erwarten euch auf der anderen Seite eure Rösser behangen mit Schmuck und Kleinoden. Ebenso werdet ihr dort Schwerter, Bögen und andere Waffen vorfinden, die unsere besten Waffenhandwerker angefertigt haben. Wenn ihr mit ihnen in die Schlacht zieht, seid ihr euren Feinden stets überlegen. Niemanden wird es gelingen, euch zu bezwingen …“
Bevor der Magier weitere Superlativen aufzählen konnte, stellte Gwynthia ihm eine Frage: „Jetzt verrate uns aber auch, welche Überraschungen die anderen Portale für uns bereithalten? Werden wir dort ähnliche Wunderdinge vorfinden oder wählen wir mit ihnen Wege in die Verdammnis und das Elend?“
„Nun.“ Dem Magier war anzusehen, dass er gerne seine Lobpreisungen fortgesetzt hätte und es ihn ärgerte, plötzlich von anderen Dingen berichten zu müssen. „Verfehlt ihr das richtige Portal, trefft ihr dennoch auf eure Rösser, allerdings so, wie ihr sie zurückgelassen habt, also ohne die wunderbaren Güter, die ich euch gerade beschrieb. Zudem lauern auf diesen Wegstrecken ungeahnte Abenteuer auf euch, die ihr jedoch, davon bin ich überzeugt und unser gnädiger Herrscher natürlich auch, bestehen werdet. Obwohl mir dünkt, dass euer Bedarf an Abenteuer nach denen, die hinter euch liegen, erst einmal gedeckt sein müsste …“
„… so ist es“, bestätigte Faroma die letzte Annahme. „Drum wäre es wohl mehr als angebracht, wenn du uns einen kleinen Hinweis geben könntest, welches Portal wir wählen sollen.“
Der Magier schrak zusammen. „Wie kannst du so etwas von mir verlangen? Soll ich meinen Fürsten derartig hintergehen?“ Er schüttelte sich als wollte er eine schreckliche Last loswerden. „Niemals werde ich einen solchen Verrat begehen!“ Für eine Weile ging er in sich. „Aber ich merke schon, es wird Zeit, euch zu verlassen. Gehabt euch wohl und trefft eure Wahl!“
Mit dem letzten Wort löste er sich vor ihnen in Luft auf. Und für Faroma und Gwynthia begann das große Rätselraten.

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