Faroma und Gwynthia schauten den davoneilenden Kreaturen nach, die ihren brutalen Peiniger in der Holzhütte, seinem Gefängnis, davonschleppten. Ob sie ihm das gleiche Schicksal zugedacht hatten, das ihm für die beiden Kriegerinnen vorschwebte, nämlich Versenken im See, stand in den Sternen. Dem Gezeter nach, das aus der Hütte erscholl, schien der Gefangene jedoch mit dem Schlimmsten zu rechnen.
Als die illustre Gesellschaft hinter den Bäumen verschwunden war, wandte sich Faroma an Gwynthia: „Wo werden wir unser Pferde finden?“
„Lass uns dem Pfad folgen, den die Spießgesellen entlanggekommen sind“, schlug Gwynthia vor. „Möglicherweise sind sie dort auf unsere Rösser gestoßen und von ihrem Anblick dazu inspiriert worden, uns aus dem Weg zu schaffen, um sich die herrlichen Tiere danach aneignen zu können.“
„Ich stimme dir zu“, war Faroma mit dem Vorschlag einverstanden. „Vielleicht hat uns der Ragusa-Fürst die Spitzbuben auch auf den Hals gehetzt, um uns damit einen Hinweis zu geben, wohin wir unsere Schritte lenken sollen.“
Eine kurze Strecke verlief der Pfad geradeaus, dann bog er scharf nach rechts ab. Hinter dieser Biegung erwartete die beiden Kriegerinnen eine weitere Überraschung, denn plötzlich umgab sie eine völlig andere Kulisse. Die Bäume und jegliche andere Vegetation waren verschwunden. Stattdessen türmten sich karge Felsen in die Höhe. Faroma und Gwynthia musterten die Umgebung, anschließend sahen sie sich an. Für einen Moment schwiegen sie, dann begann Faroma zu flüstern: „Der Ort kommt mir bekannt vor. Ich muss schon einmal hier gewesen sein. Aber ich weiß nicht wann und auch nicht, was mich hierhergeführt hat.“
Gwynthia nickte. „Deine Ahnung trügt dich nicht. Du warst schon einmal hier. Genauer gesagt waren wir beide gemeinsam hier. Damals, als du mich von den zweitausendjährigen Ketten befreit hast, haben wir auf diesem Pfad die Höhle verlassen und dich hat ein Pfeil niedergestreckt, der von dem niederträchtigen Halunken kam, dem es vorher offensichtlich gefiel, mich zusammen mit seinem Kumpan zu quälen. Wäre wir an diesem Ort nicht auf Helfer gestoßen, hätte dich der Pfeil getötet.“
Mehr musste Gwynthia nicht berichten. Faroma kannte diese Geschichte. Trotzdem fröstelte es ihr bei dem Gedanken, zwischen diesen Felsen beinah ihr Leben verloren zu haben. „Ob die Steinwächter noch hier verweilen?“
„Das denke ich schon“, vermutete Gwynthia. „Das ist ihr Reich, aus dem sie sich wohl niemals vertreiben lassen werden und einen Grund, es freiwillig zu verlassen, wird es für sie nicht geben.“
Als ihr letztes Wort verklungen war zog plötzlich Nebel auf und über ihnen ertönte ein bedrohlich klingendes Grummeln. Faroma wollte davonlaufen, doch Gwynthia hinderte sie daran.
„Wer stört unsere Ruhe?“, wollte eine tiefe Stimme wissen, die eine Steinlawine von den Hängen herabstützen ließ. Gleichzeitig tauchten hinter den Nebelschwaden die riesigen Silhouetten mehrerer Steinwächter auf.
Die beiden mussten beiseite springen, um nicht von den herunterpolternden Brocken getroffen zu werden. „Begrüßt man so eine alte Bekannte, in deren Schuld man noch immer steht?“, rief Gwynthia nach oben.
„Oh, die Gefangene der Höhle ist zurückgekehrt“, antwortete die Stimme. „Und sie ist mit dem Guten, das sie durch uns empfangen hat, noch immer nicht zufrieden. Was begehrst du dieses Mal? Trägst du wieder eine von einem Pfeil niedergestreckte Kriegerin auf deinen Armen, deren Leben wir retten sollen, obwohl es längst verwirkt ist?“
„Nein!“ Gwynthia trat auf den Steinwächter zu, der mit ihnen sprach. „Dafür habe ich euch Faroma mitgebracht, die eben dieser eurer Hilfe ihr Leben verdankt.“
„Seid gegrüßt ihr steinernen Recken“, mischte sich Faroma jetzt in das Gespräch ein. „Und nehmt meinen Dank für eure ehrenvolle Tat entgegen. Ich schulde euch mein Leben.“
„Uns schuldest du es nicht, sondern der Gefangenen der Höhle“, stellte der Steinwächter klar. „Und es sei dir gesagt, dass sie irgendwann einmal einen Preis dafür verlangen wird. Es ist nicht ihre Art, großzügig zu sein …“
„So ist es“, bestätigte Gwynthia diese Beschreibung ihres Charakters. „Deshalb sind wir auch hier. Ihr besitzt die Macht uns zu helfen. Und deshalb fordere ich euch auf, das zu tun! Der Fürst der Ragusa hat sich einen kleinen Scherz mit uns erlaubt und in euren Gefilden unsere Pferde verborgen. Ihr werdet wissen, wo dieser Ort ist. So bringt uns denn dorthin!“
In der Gruppe der Steinwächter kam Unruhe auf. Mehrere überraschte Schreie entwichen den Gestalten, deren Schall Faroma und Gwynthia fast das Gehör geraubt hätte, so laut donnerten sie zwischen den Felshängen.
„Meine Gefährten und ich sind erstaunt darüber, dass es jemand gewagt hat, Ragusa-Pferde zu rauben“, erklärte ihnen die Stimme. „Noch erstaunter sind wir, dass diejenigen, die diesen Frevel begingen, noch am Leben sind. Wenn ihr das tatsächlich gewesen seid, müsst ihr den Ragusa einen großen Dienst erwiesen haben, sonst wären eure Seelen längst auf den Weg ins Schattenreich.“
„Auch der Ragusa-Fürst schuldet uns seinen Dank“, trumpfte Gwynthia auf. „Wollt ihr ihm darin nachstehen? Oder können wir mit eurer Hilfe rechnen?“
Plötzlich wurde es still, doch Faroma und Gwynthia erkannten an den Schwingungen, die durch die Luft wirbelten, dass die Steinwächter telepathisch miteinander in Kontakt waren. Wahrscheinlich beratschlagten sie, was sie tun sollten. Schließlich verkündete ihnen die Stimme: „Nun denn. Wir werden euch zu euren Rössern geleiten!“

NÄCHSTES KAPITEL >>>
Ihnen hat die Geschichte gefallen und Sie möchten gerne weitere Faroma-Stories lesen?

Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.

Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.

Vielen Dank

Mehr Faroma-Abenteuer
gibt's im Archiv!