Gwynthia hoffte, dass der Steinwächter mit „geleiten“ nicht meinte, dass er und seine Gefährten vor Faroma und ihr herlaufen würden und sie deren Fußstapfen folgen sollten, um zum Versteck ihrer Ragusa-Rösser zu gelangen. Einen solchen beschwerlichen Ortswechsel hätte sie sich gerne erspart, auch wenn er zu einem lohnenden Ziel zu führen versprach. Zum Glück für die beiden Kriegerinnen hatte sich der steinerne Riese tatsächlich nur etwas undeutlich ausgedrückt, denn mit „geleiten“ meinte er keinen Fußmarsch für sie, sondern dass sie von den kräftigen Gesellen dorthin getragen werden würden.
Mit einer Behutsamkeit, die dem ziemlich grobschlächtig wirkenden Anführer der Steinwächter auf dem ersten Blick gar nicht zuzutrauen war, umfasste er Gwynthia und setzte sie sich auf die Schultern. Ein weiterer Steinwächter verfuhr so mit Faroma. Dann begann die Reise. Den Schritten, mit denen ihre Träger voraneilten, hätten die beiden Kriegerinnen niemals folgen können. Umgekehrt wäre es wohl eine Zumutung für die beiden Riesen gewesen, wenn sie sich dem aus ihrer Sicht gemächlichem Tempo Faromas und Gwynthias hätten anpassen müssen.
Der Weg zu den Pferden schien durch das ganze Ragusa-Reich zu führen. Sie kamen an allen Schauplätzen ihrer vorher hier erlebten Abenteuer vorbei. Da die Steinwächter sich auf dieser Route fortbewegten, konnte es nur folgerichtig sein, dass sie Faroma und Gwynthia zu dem Ort brachten, an dem sie vor einer scheinbar ewig zurückliegenden Zeitspanne die Insel betreten hatten.
„Wir haben unser Ziel erreicht!“, verkündete der Anführer der Steinwächter, als er sich Gwynthia vorsichtig von der Schulter angelte und sie am Ufer eines Eissees absetzte.
„Aber wo sind die Pferde?“, wollte Faroma wissen, die jetzt ebenfalls wieder auf ihren eignen Füssen stand.
„Das ist der Ort, den uns der Ragusa-Fürst genannt hat“, erklärte der Steinwächter. „Hierher sollten wir euch bringen. Ab jetzt seid ihr wieder auf euch allein gestellt.“
Bevor sich Faroma und Gwynthia für die Hilfe bedanken konnten, waren die beiden Steinwächter verschwunden.
Sie schauten sich suchend um. Nichts an ihrer Umgebung kam ihnen bekannt vor. Sie argwöhnten schon, dass die Steinwächter sie an eine falsche Stelle gebracht hatten, doch dann entdeckte Gwynthia etwas Vertrautes. „Dort!“ Sie zeigte über das Wasser. „Erkennst du ihn wieder? Das ist der Fels, hinter dem wir die Pferde zurückließen.“ Zwischen dem Felsen, von dem sie sprach, und ihrem Standort erstreckte sich eine kalt schimmernde Wasserfläche.
Faroma kniff die Augen zusammen. „Das könnte er sein! Doch wo sind die Wächter geblieben, die wir mit deiner List übertölpelt haben, um auf die Insel zu kommen? Müssten sie nicht hier oder wenigstens irgendwo in Sichtweite auf Posten stehen?“
Auch auf diese Frage fand sich schnell eine Antwort. Gwynthia deutete mit einem leichten Nicken auf die Wellen, die nur einige Schritte entfernt von ihnen ans Ufer rollten. Bevor sie den Strand erreichten, umspielten sie allerdings, etwa einen steinwurfweit vom Land entfernt, einige bizarr anmutende Gebilde. Beim genauen Hinschauen erkannte Faroma, dass es sich dabei um die Spitzen zweier Dreizacke handelte, die aus dem Wasser emporragten. Die Waffen ruhten in den Händen zweier zu Skulpturen erstarrter Wächter, die dicht unter der Oberfläche des Sees zu erkennen waren.
„Scheinbar konnten die Beiden die Angreifer nicht aufhalten“, mutmaßte Gwynthia.
„Aber sie haben es wohl versucht“, ergänzte Faroma. „Und das hat ihnen ihr Leben gekostet. Obwohl sie bei unserer Ankunft auf unseren Schwindel hereingefallen sind, müssen es tapfere Männer gewesen sein, die sich, statt sich der Übermacht der Invasoren zu ergeben, ihnen mit den Waffen in der Hand entgegengestellt haben.“
Sie senkten ehrerbietig die Häupter und gedachten der Wächter mit einem kurzen Schweigen. Danach widmeten sie sich wieder ihrem Problem, irgendwie zu dem Felsen am gegenüberliegenden Ufere zu gelangen. Eine Eisscholle, auf der sie die Überfahrt wie bei ihrem Kommen bewerkstelligen konnten, stand dieses Mal nicht zur Verfügung. Auf andere Transportmittel konnten sie ebenfalls nicht zurückgreifen.
Schließlich räusperte sich Gwynthia: „Es wird uns nichts Anderes übrigbleiben“, schlussfolgerte sie, als hätte sie mit Faroma gerade einen Plan besprochen. Dabei existierte dieser Plan nur in ihren Kopf.
„Was meinst du?“, zeigte sich Faroma dann auch überrascht.
„Ich muss auf meine magischen Fähigkeiten zurückgreifen“, wurde Gwynthia deutlicher. „Wenn mich das Pfeilgift ihrer nicht beraubt hat, werde ich wieder die Gestalt eines Eisbären annehmen und dich auf meinem Rücken auf die andere Seite bringen.“
Faroma legte die Stirn in Falten. Sie hatte schon einige Male miterlebt, dass Gwynthias Gestaltenwechsel nicht so ausgegangen war, wie die sich das erhofft hatte. „Gibt’s es keine andere Möglichkeit?“
„Ich befürchte, nein!“ Gwynthia ließ sich auf keine Diskussion ein. Sie konzentrierte sich ganz auf ihre Magie. Vier Mal versuchte sie, in den Körper eines Eisbären zu schlüpfen. Immer misslangen ihre Bemühungen. Sie wurde zum Pinguin. Verwandelte sich in eine Schlange. Als Mammut hätte sie Faroma beinah niedergetrampelt. Als sie sich dann als Ragusa-Pferd präsentierte, befahl Faroma.: „Schluss jetzt!“
Doch sie stieß auf taube Ohren. Wieder murmelte Gwynthia ihre magischen Worte und erzielte damit endlich den herbeigesehnten Erfolg. Ein zottliger Eisbär bot Faroma seinen Rücken an, um ihr die Passage durch den eiskalten See zu ermöglichen.
Noch immer verärgert, kletterte Faroma schließlich doch auf das außergewöhnliche Reittier. Als Gwynthia in das Wasser glitt, erwachten die beiden Wächter plötzlich zum Leben.
NÄCHSTES KAPITEL >>>
Mit einer Behutsamkeit, die dem ziemlich grobschlächtig wirkenden Anführer der Steinwächter auf dem ersten Blick gar nicht zuzutrauen war, umfasste er Gwynthia und setzte sie sich auf die Schultern. Ein weiterer Steinwächter verfuhr so mit Faroma. Dann begann die Reise. Den Schritten, mit denen ihre Träger voraneilten, hätten die beiden Kriegerinnen niemals folgen können. Umgekehrt wäre es wohl eine Zumutung für die beiden Riesen gewesen, wenn sie sich dem aus ihrer Sicht gemächlichem Tempo Faromas und Gwynthias hätten anpassen müssen.
Der Weg zu den Pferden schien durch das ganze Ragusa-Reich zu führen. Sie kamen an allen Schauplätzen ihrer vorher hier erlebten Abenteuer vorbei. Da die Steinwächter sich auf dieser Route fortbewegten, konnte es nur folgerichtig sein, dass sie Faroma und Gwynthia zu dem Ort brachten, an dem sie vor einer scheinbar ewig zurückliegenden Zeitspanne die Insel betreten hatten.
„Wir haben unser Ziel erreicht!“, verkündete der Anführer der Steinwächter, als er sich Gwynthia vorsichtig von der Schulter angelte und sie am Ufer eines Eissees absetzte.
„Aber wo sind die Pferde?“, wollte Faroma wissen, die jetzt ebenfalls wieder auf ihren eignen Füssen stand.
„Das ist der Ort, den uns der Ragusa-Fürst genannt hat“, erklärte der Steinwächter. „Hierher sollten wir euch bringen. Ab jetzt seid ihr wieder auf euch allein gestellt.“
Bevor sich Faroma und Gwynthia für die Hilfe bedanken konnten, waren die beiden Steinwächter verschwunden.
Sie schauten sich suchend um. Nichts an ihrer Umgebung kam ihnen bekannt vor. Sie argwöhnten schon, dass die Steinwächter sie an eine falsche Stelle gebracht hatten, doch dann entdeckte Gwynthia etwas Vertrautes. „Dort!“ Sie zeigte über das Wasser. „Erkennst du ihn wieder? Das ist der Fels, hinter dem wir die Pferde zurückließen.“ Zwischen dem Felsen, von dem sie sprach, und ihrem Standort erstreckte sich eine kalt schimmernde Wasserfläche.
Faroma kniff die Augen zusammen. „Das könnte er sein! Doch wo sind die Wächter geblieben, die wir mit deiner List übertölpelt haben, um auf die Insel zu kommen? Müssten sie nicht hier oder wenigstens irgendwo in Sichtweite auf Posten stehen?“
Auch auf diese Frage fand sich schnell eine Antwort. Gwynthia deutete mit einem leichten Nicken auf die Wellen, die nur einige Schritte entfernt von ihnen ans Ufer rollten. Bevor sie den Strand erreichten, umspielten sie allerdings, etwa einen steinwurfweit vom Land entfernt, einige bizarr anmutende Gebilde. Beim genauen Hinschauen erkannte Faroma, dass es sich dabei um die Spitzen zweier Dreizacke handelte, die aus dem Wasser emporragten. Die Waffen ruhten in den Händen zweier zu Skulpturen erstarrter Wächter, die dicht unter der Oberfläche des Sees zu erkennen waren.
„Scheinbar konnten die Beiden die Angreifer nicht aufhalten“, mutmaßte Gwynthia.
„Aber sie haben es wohl versucht“, ergänzte Faroma. „Und das hat ihnen ihr Leben gekostet. Obwohl sie bei unserer Ankunft auf unseren Schwindel hereingefallen sind, müssen es tapfere Männer gewesen sein, die sich, statt sich der Übermacht der Invasoren zu ergeben, ihnen mit den Waffen in der Hand entgegengestellt haben.“
Sie senkten ehrerbietig die Häupter und gedachten der Wächter mit einem kurzen Schweigen. Danach widmeten sie sich wieder ihrem Problem, irgendwie zu dem Felsen am gegenüberliegenden Ufere zu gelangen. Eine Eisscholle, auf der sie die Überfahrt wie bei ihrem Kommen bewerkstelligen konnten, stand dieses Mal nicht zur Verfügung. Auf andere Transportmittel konnten sie ebenfalls nicht zurückgreifen.
Schließlich räusperte sich Gwynthia: „Es wird uns nichts Anderes übrigbleiben“, schlussfolgerte sie, als hätte sie mit Faroma gerade einen Plan besprochen. Dabei existierte dieser Plan nur in ihren Kopf.
„Was meinst du?“, zeigte sich Faroma dann auch überrascht.
„Ich muss auf meine magischen Fähigkeiten zurückgreifen“, wurde Gwynthia deutlicher. „Wenn mich das Pfeilgift ihrer nicht beraubt hat, werde ich wieder die Gestalt eines Eisbären annehmen und dich auf meinem Rücken auf die andere Seite bringen.“
Faroma legte die Stirn in Falten. Sie hatte schon einige Male miterlebt, dass Gwynthias Gestaltenwechsel nicht so ausgegangen war, wie die sich das erhofft hatte. „Gibt’s es keine andere Möglichkeit?“
„Ich befürchte, nein!“ Gwynthia ließ sich auf keine Diskussion ein. Sie konzentrierte sich ganz auf ihre Magie. Vier Mal versuchte sie, in den Körper eines Eisbären zu schlüpfen. Immer misslangen ihre Bemühungen. Sie wurde zum Pinguin. Verwandelte sich in eine Schlange. Als Mammut hätte sie Faroma beinah niedergetrampelt. Als sie sich dann als Ragusa-Pferd präsentierte, befahl Faroma.: „Schluss jetzt!“
Doch sie stieß auf taube Ohren. Wieder murmelte Gwynthia ihre magischen Worte und erzielte damit endlich den herbeigesehnten Erfolg. Ein zottliger Eisbär bot Faroma seinen Rücken an, um ihr die Passage durch den eiskalten See zu ermöglichen.
Noch immer verärgert, kletterte Faroma schließlich doch auf das außergewöhnliche Reittier. Als Gwynthia in das Wasser glitt, erwachten die beiden Wächter plötzlich zum Leben.
NÄCHSTES KAPITEL >>>
Ihnen hat die Geschichte gefallen und Sie möchten gerne weitere Faroma-Stories lesen?
Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.
Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.
Vielen Dank
Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.
Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.
Vielen Dank
