Nach ihrem kleinen Abenteuer mit dem vogelscheuchenartigen Wächter der Wiesen banden Faroma und Gwynthia ihre Pferde an zwei Bäumen fest. Dabei gaben sie acht, dass die Tiere so viel Freiheit behielten, dass sie noch grasen konnten. Sie selbst kehrten zum Feuer zurück, dessen Flammen merklich zusammengesunken waren und die zu erlöschen drohten, sollten sie nicht bald mit neuem Holz gefüttert werden.
Gwynthia übernahm es, das Feuer mit neuer Nahrung am Leben zu erhalten, während Faroma sich wieder auf ihrer Ruhestätte ausstreckte. Zwar hatte sie ihre Schwertvorführung für den Wächter nicht wirklich ermüdet, aber ein bisschen Ruhe sollten ihr dafür schon gegönnt sein.
Doch das Plätzchen, das ihnen als der richtige Ort für eine Rast erschienen war, erwies sich als alles andere, nur nicht als richtiger Ort dafür. Denn es dauerte hundert Atemzüge, nachdem auch Gwynthia wieder am Feuer lag, als die nächste Überraschung ihnen die Ruhe raubte.
Ein Rascheln drang zu ihren Ohren. Es kam von der Wiese. Etwas näherte sich. Gleich darauf erklang ein lautes Händeklatschen. „Dem armen Trottel habt ihr es aber gezeigt!“, verkündete eine vor Sarkasmus triefende Frauenstimme. „Von diesem Schreck wird er sich so schnell nicht erholen. Da ist es doch ungerecht, dass ihr so entspannt am Feuer liegt und euren zweifelhaften Erfolg genießt. Gerechter wäre es wohl eher, wenn euch ein ebensolcher Schreck eingejagt werden würde!“
Faroma und Gwynthia richteten sich auf. Am Wiesenrain stand eine junge Frau. Das offene Haar fiel ihr bis auf die Schultern. Ihr Oberkörper wurde von einer Rüstung geschützt. Am Wehrgehänge prangte die Scheide eines gewaltigen Schwertes, das sie bereits in den Händen hielt.
Den beiden Kriegerinnen kam es so vor, als wollte diese Amazone schon im nächsten Augenblick über sie herfallen. Auch sie griffen nach ihren Waffen. Doch die Fremde verharrte weiter am Wiesenrand. Statt Faroma und Gwynthia zu attackieren, reckte sie das Schwert in die Höhe und zelebrierte eine mystische Beschwörung. Augenblicklich verwandelte sich die Schwertklinge in glühendes Eisen, so als hätte sie ein Schmied gerade aus dem Feuer gezogen. Sie wirbelte die Waffe durch die Luft, dabei bewies sie eine Geschicklichkeit, die der Faromas in nichts nachstand. Funken stoben umher und formierten sich zu Lichtgirlanden. Je länger sie ihre Kunst darbot, desto mehr Feuerschlangen umhüllten sie. Fast sah es so aus, als wolle sie sich damit selbst in Brand setzen.
Faroma und Gwynthia waren von dieser Magie beeindruckt. Als sie den Eindruck gewannen, dass die Fremde nicht beabsichtigte, sie von den von ihr erzeugten Flammen verschlingen zu lassen, sondern ihnen wahrscheinlich nur einen Schreck mit ihrer Darbietung einjagen wollte, steckten sie ihre Schwerter wieder in die Scheiden. Mit ihren freigewordenen Händen würdigten sie das Spektakel mit einem frenetischen Applaus.
Mit einer solchen Reaktion hatte die Amazone wohl nicht gerechnet. Eher schien sie davon ausgegangen zu sein, dass die beiden Eindringlinge angesichts des feurigen Zaubers, schleunigst die Flucht ergreifen würden. Da dem nicht so war, bremste sie den Schwung der Klinge ab. Sie ließ sie erkalten und verstaute sie wieder im Wehrgehänge.
Ihr ratloser Gesichtsausdruck verriet Faroma und Gwynthia, dass sie nicht wusste, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Um sie von ihren offensichtlichen Selbstzweifeln zu erlösen, sprach Faroma sie an: „So etwas habe ich noch nie gesehen. Du bist eine wahre Meisterin. Zwar hast du uns mit deiner Kunst nicht Angst und Schrecken versetzt, wie es womöglich dein Plan war, aber wir sind von dem, was wir gerade miterleben durften, schwer beeindruckt. Dürfen wir dich einladen, zu uns ans Feuer zu kommen? Wir würden gern wissen, wie man einen solchen Feuerzauber inszenieren kann.“
„Bevor ich in Ketten an eine Felswand geschmiedet wurde, hörte ich die Legende von drei Kriegerinnen, die diese Art des Kämpfens beherrschten“, meldete sich jetzt auch Gwynthia zu Wort. „Wenn du eine davon bist, müsst du viele tausend Jahre alt sein. Oder deine Ahninnen haben dir diese Fertigkeit vererbt?“
Ob es nun Faromas Einladung oder Gwynthias uraltes Wissen war, das die Fremde bewog, tatsächlich ans Feuer zu treten, blieb deren Geheimnis. Aber sie brachte den Mut auf, sich dort einen Platz zu suchen. Jetzt wirkte sie längst nicht mehr sarkastisch oder kriegerisch. Dafür offenbarte ihr Gesicht eine Bereitschaft, die verriet, dass sie ehrlich daran interessiert war, mehr von sich zu verraten und auch mehr von den beiden Kriegerinnen zu erfahren.
„Ich danke dir für dein freundliches Angebot, mich an eurem Feuer austuhen zu dürfen“, wandte sie sich an Faroma und für Gwynthia hatte sie die Botschaft: „Ich bin die letzte der Drei. Mich hat ein Fluch dazu verdammt, ohne zu altern, durch die Zeit vagabundieren zu müssen. Manchmal genieße ich das. Doch manchmal überkommt mich auch die Sehnsucht nach meinen beiden Gefährtinnen. Dann wäre ich gerne dort, wo sie sie schon seit Menschengedenken sind.“ Ihre Augen wurden feucht, doch dann leuchteten sie auf: „Von der Schamanin, die zur zweitausendjährigen Verbannung verurteilt wurde, habe ich vor langer Zeit gehört. Kannst du mir verraten, ob die Legende wahr ist, die davon berichtet, dass …“
Bevor sie weiterreden konnte, legte ihr Gwynthia die Hand auf die Schulter. „Berichte uns von deinem Schicksal, denn meine Geschichte ist langwierig und wohl auch ermüdend langweilig!“

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