Faromas Abenteuer

Geschichten-Erzähler

Faroma unterstützte Gwynthias Vorschlag, dass die Kriegerin mit dem Flammenschwert von sich berichten sollte. Im selben Atemzug wandte sie aber auch mit einer Forderung an Gwynthia: „Wenn wir von ihr gehört haben, auf welch verschlungenen Wege sie das Schicksal geführt hat und welche Abenteuer sie dabei bestehen musste, solltest auch du von deiner Vergangenheit erzählen. Denn obwohl wir schon in so vielen Schlachten gemeinsam stritten, weiß ich nur wenig von dir.“
Gwynthia setzte eine verdrossene Miene auf und schnaubte: „Was soll man schon erlebt haben, wenn man für zweitausend Jahre an einen Felsen geschmiedet wurde.“
„Nun“, fiel ihr Faroma sofort ins Wort. „Du hattest doch schon ein Leben vor der Zeit, in der du in Ketten lagst. Das möchte ich kennenlernen. Und es interessiert mich auch, was dir in der Höhle alles widerfahren ist.“
„Auch ich bin der Meinung, dass dein Lebensweg keineswegs langweilig gewesen sein konnte“, schloss sich die Flammenkriegerin Faromas Drängen an. „Und ich werde nicht von hier verschwinden, bis du uns deine Geschichte erzählt hast.“
„Dann mag es so sein“, gab sich Gwynthia halbherzig geschlagen. „Nachdem du deine Erlebnisse offenbart hast, will ich auch von meinen berichten.“
Faroma knuffte Gwynthia in die Seite. „Siehst du, so schwer ist es doch gar nicht, über den eigenen Schatten zu springen.“
Darauf entschlüpfte Gwynthia eine schnelle Erwiderung. „Da wir zu dritt sind, wäre es doch nur fair, wenn es auch drei Geschichten gäbe. Das heißt, auch du wirst uns verraten müssen, wie es dir im Leben erging!“
„Oh!“ Mit einer solchen Wendung hatte Faroma offenbar nicht gerechnet. Sie überlegte kurz, ob sie diesem Ansinnen zustimmen sollte. Aber da es ihr töricht erschien, eine Ausnahme machen zu wollen, nickte sie. „Drei Kriegerinnen. Drei Geschichten.“
Jetzt, da sie einen Plan für die kommenden Nachtstunden hatten, bereiteten sie sich auf ihre Rollen vor. Faroma und Gwynthia, die vorerst in solche der gespannten Zuhörerinnen zu huschen gedachten, machten es sich am Feuer bequem. Sie schoben die Sättel der Pferde zurecht, so dass sie ihnen als Ruhekissen für ihre Köpfe dienlich waren. Und obwohl das Feuer eine wohlige Wärme ausstrahlte, wickelten sie sich in ihre Decken ein.
Die Flammenkriegerin blieb dagegen aufrecht sitzen. Es schien ihr unziemlich vorzukommen, als Erzählerin ebenso unbedarft dazuliegen wie ihre beiden Zuhörerinnen. Bevor sie endlich begann, über ihr Schicksal zu berichten, erhob sie sich sogar. Erst jetzt fühlte sie sich wohl in der Lage, das Wort zu ergreifen.
Doch noch ehe die erste Silbe über ihr Lippen huschen konnte, wurde sie zum Verstummen gebracht. Der ohnehin schon dämmrige Himmel über dem Lager verdunkelte sich urplötzlich. Die eben noch vorherrschende Ruhe, die nur vom gelegentlichen Knistern der Holzscheite im Feuer und dem zufriedenen Schnauben der Pferde, unterbrochen wurde, endete jäh. Ein Rauschen, das an das zornige Brüllen eines heraufziehenden Sturmes erinnerte, verschluckte fast alle anderen Geräusche. Selbst das laute, ängstliche Wiehern der jetzt in Panik geratenen Pferde und das Scharren ihrer Hufe auf dem trockenen Boden, drang kaum noch bis zum Ruheplatz der drei Kriegerinnen durch.
Noch ließ sich nicht erkennen, was über sie herein zu brechen drohte, aber Faroma, Gwynthia und die Flammenkriegerin reagierten wie ein eingespieltes Trio. Die Flammenkriegerin riss, da sie bereits stand, ihr Schwert aus der Scheide und sprang in eine Verteidigungsposition. Faroma und Gwynthia schälten sich blitzartig aus ihren Decken. Einen Atemzug später spiegelten sich auch auf ihren Klingen das Feuer und sie lehnten Rücken an Rücken mit ihrer Besucherin. Einem dreiblättrigen Kleeblatt ähnelnd lauerten sie auf das, was ihren friedlichen Abend dieses abrupte Ende bereitet hatte.
Das Rauschen ging in ein Flattern über, dessen Heftigkeit fast die Flammen des Lagerfeuers zum Erlöschen brachte. Zudem wirbelte es die Glut auf, sodass die Gefahr bestand, dass dadurch das trockene Gras der Wiese in Brand geriet.
Etwas polterte neben dem Lagerplatz zu Boden. Ein lauter Schrei begleitete die unsanfte Landung. Vor sich hin fluchend versuchte eine Gestalt auf die Beine zu kommen. An dem breitkrempigen Helm, in dessen Rand ein keilförmiges Stück fehlte, erkannten die drei Kriegerinnen, wer ihnen da von oben geschenkt worden war. Der einfältige Wächter des Landes, den Faroma mit ihrer Fechtkunst in die Flucht geschlagen hatte, besaß offensichtlich so viel Schneid, dass er sich eine Rückkehr erlaubte. Allerdings auf ungewöhnlichem Wege.
Bald stellte sich heraus, dass er keineswegs freiwillig zurückgekommen war. Ein riesiger schwarzer Rabe schien ihn in seinen Krallen hergeschleppt und einfach fallengelassen zu haben. Er kreiste jetzt über ihnen und machte Anstalten in ihrer unmittelbaren Nähe niederzugehen. Bevor er auf dem Boden aufsetzte, bemerkten die drei Kriegerinnen, dass auf seinem Rücken, zwischen den Schwingen, eine Reiterin saß. Im Gegensatz zu dem schwarzen Gefieder des Vogels umstrahlte sie ein güldener Glanz.
Als die Krallen des Vogels auf der Erde Halt gefunden hatte, hüpfte er zu Faroma, Gwynthia und der Flammenkriegerin. Dass er dabei den noch benommen zu scheinenden Wächter umstieß, schien ihn nicht zu stören. Kurz vor den Kriegerinnen hielt er an. Die goldene Reiterin rutschte anmutig von seinem Rücken.
„Wenn uns das Untier nicht in Stücke reißt“, flüsterte Gwynthia ihren Gefährtinnen zu, „könnte es sein, dass heute Nacht an diesem Feuer vier Geschichten zum Besten gegeben werden.“

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