Faromas Abenteuer

Garstiges Auftreten

Gwynthias Hoffnung von der güldenen Rabenreiterin ebenfalls eine Geschichte zu hören, schwand sehr schnell dahin. Die Fremde war wohl nicht gekommen, um gemütlich am Lagerfeuer zu lümmeln und Geschichten zum Besten zu geben, sondern eher dazu, die drei Kriegerinnen und den tölpelhaften Wächter eine Geschichte erleben zu lassen, die diese für immer in Erinnerung behalten würden. Zumindest dann, wenn sie sie überleben sollten.
Die letztere Option schien für den Wächter nicht vorgesehen zu sein. Mit einer beiläufigen Handbewegung schnappte die güldene Rabenreiterin den armen Kerl am Schlafittchen und warf ihn dem schwarzen Vogel in den Schnabel. „Lass dir dein Nachtmahl munden!“ Als die Schreie des Opfers verklungen waren, wandte sie sich den Dreien zu. „Ich brauchte ihn nur, um euch schneller zu finden. Dass er mir zweimal von Nutzen sein könnte, hätte er wohl nie für möglich gehalten.“
Faroma löste sich als Erste aus der Schockstarre. „Wieviel solcher Happen schafft dein gefiederter Rappe denn?“
„Du bist sehr unhöflich!“ Anstatt zu antworten, blaffte die Fremde Faroma an. „Bevor du irgendwelche Fragen stellst, solltest du mir vielleicht deinen Namen verraten und den der anderen Beiden gleich mit!“
„Mir wurde noch beigebracht, dass sich derjenige zuerst vorstellt, der neu hinzukommt“, mischte sich jetzt auch Gwynthia in das Gespräch ein.
„In meiner Kinderstube wurde das ebenso gehandhabt.“ Die Flammenkriegerin schien ebenfalls nicht vor zu haben, ihren Namen preiszugeben.
„Ihr seid in mein Reich eingedrungen“, sagte die güldene Rabenreiterin mit einem höhnischen Grinsen auf den Lippen. „Dafür werde ich euch bestrafen. Nicht mit einem Tritt in den Hintern oder ein paar Hieben auf eure Dickschädel, sondern mit der Schärfe meines Schwertes. Wenn ich mit euch fertig bin, wird sich mein treuer Rabe an euch laben.“
Diese Drohung schwebte noch wie ein Damoklesschwert über den drei Kriegerinnen, als etwas Unvorstellbares geschah. Die güldene Rabenreiterin rotierte plötzlich wie ein Kreisel um ihre eigene Achse. Dabei schraubte sich ihr Körper in die Höhe und Breite. Aus der zierlichen Reiterin wurde ein muskelbepackter, gut gerüsteter Goliath. Furchterregend war nicht nur seine Gestalt, auch die beiden Köpfe, die auf seinen Schultern saßen, versetzten Faroma, Gwynthia und die Flammenkriegerin kurzzeitig in Panik. Der eine gehörte zweifellos zu dem Recken. Ihn schützte ein geschlossener Helm. Der zweite jedoch war der Kopf der güldenen Rabenreiterin. Barhäuptig thronte er dort und seinem Mund erscholl Gegeifer, das den Krieger in den Kampf trieb.
Seine Hände umklammerten gekrümmte Schwerter, deren Klingen glutrot glühten. Bei jeder Bewegung stoben Funken umher. Als er mit ihnen nach den drei Kriegerinnen hieb, schienen sich die Waffen in Kometen zu verwandeln, deren Schweife genauso todbringend daherkamen wie der Stahl der Klingen.
Die Flammenkriegerin stieß Faroma und Gwynthia beiseite. „Überlasst mir das Scheusal“, verlangte sie. „Kümmert ihr euch um die gefräßige Krähe!“ Als die Beiden protestieren wollten, fügte sie hinzu. „Feuer bekämpft man am wirkungsvollsten mit Feuer und diese Kunst beherrsche ich, wie ihr ja wisst.“ Das stimmte wohl. Es war erst wenige Stunden her, dass sie Faroma und Gwynthia eine beeindruckende Feuershow dargeboten hatte. Ob sich diese Fähigkeit auch im Kampf gegen den zweiköpfigen Recken auszahlen würde, stand allerdings in den Sternen.
Als sich die Flammenkriegerin daraufhin in den Kampf stürzte und den glühenden Schwertern des Gegners ihre Feuermacht entgegensetzte, zweifelten Faroma und Gwynthia nicht daran, dass es hier ihrer eigenen Fechtkünste momentan nicht bedurfte.
Allerdings empfanden sie es als unfair, dem Raben, obwohl er den Wächter fast im Ganzen verschlungen hatte, zu zweit gegenüberzutreten. Nach kurzem Wortgefecht, das Gwynthia für sich entschied, weil sie argumentierte, dass es ihr deshalb zustand, das Federvieh zu attackieren, weil Faroma bereits gegen den Wächter gefochten hatte, sprang sie davon.
Faroma behielt beide Duelle im Auge. Sobald eine ihrer Gefährtinnen in Bedrängnis geriet, würde sie zur Stelle sein, um ihr beizustehen. Doch trotz der furchterregenden, übermächtig erscheinenden Gegner brauchten weder die Flammenkriegerin noch Gwynthia ihre Hilfe.
Die Flammenkriegerin konzentrierte sich bei ihrer Auseinandersetzung nicht auf die heißen Schwerter des Recken, sondern auf den Kopf der güldenen Rabenreiterin, von dem mehr Gefahr ausging als von den Klingen. Bevor der riesige Unhold begriff, was sie vorhatte, entzündete einer ihrer Feuerregen das üppige Haar seines zusätzlichen Hauptes und verzehrte nicht nur die blonde Zier, sondern den kompletten Schädel. Ohne den Verstand der blonden Einflüsterin war der Goliath immerhin noch so gescheit, dass er jetzt die Sinnlosigkeit seines Fechtens erkannte. Er ließ seine Schwerter fallen und machte sich schleunigst aus dem Staub.
Auch der Rabe stellte unter Beweis, welch klugen Geschöpfe die schwarzbefiederten doch waren. Mit gefülltem Magen und plötzlich befreit von den Drangsalen seiner Herrin, sah er es nicht ein, den letzten Helden spielen zu müssen. Zwar hätte er mit seinem spitzen Schnabel wohl eine Chance gehabt, sich erfolgreich gegen Gwynthia behaupten zu können. Doch zu welchem Preis?
Wie herrlich war es da doch, einfach die Flügel zu spreizen, ein wenig zu flattern und dann abzuheben. „Über den Wolken …“, krächzte er vor sich hin als er alles unter sich zurückließ.
Die drei Kriegerinnen fielen sich nach dem überstandenen Abenteuer in die Arme und sie erinnerten sich gegenseitig daran, worin ihr ursprünglicher Plan für den heutigen Abend bestanden hatte und dass es keinen Grund gab, davon Abstand zu nehmen.

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