Es gibt bestimmt schlimmere Situationen als die, in die Jeremie Schadnost heute hineinschlittert. Trotzdem wird ihm dabei einiges abverlangt, das er verkraften muss.
Ein Sonnenstrahl kitzelte Jeremie Schadnost an der Nase. Er drehte den Kopf etwas zur Seite, um dem Störenfried zu entkommen. Doch damit bot er ihm sein Augenlid als Angriffsfläche, was weit nerviger war als die Attacke auf das Riechorgan. Eine Weile versuchte er, das Licht zu ignorieren. Irgendwann musste er jedoch blinzeln, wurde dadurch erst recht geblendet und riss schließlich entnervt beide Augen auf. Schneller als er sie aufgeschlagen hatte, klappte er sie allerdings wieder zu. Zu dieser Reaktion zwang ihn nicht der Sonnenstrahl, sondern das, was er zu sehen bekam. Seine Pupillen erhaschten das Abbild eines menschlichen Kopfes, der neben ihm auf dem Kissen ruhte.
Beim zweiten Hinschauen erkannte Jeremie Schadnost, eine prächtige Haarpracht, die um das Haupt drapiert war. Und der dritte Blick offenbarte ihm ein Frauenantlitz, das sich zwar teilweise unter einer Augenmaske verbarg, aber trotzdem sehr attraktive Gesichtszüge zeigte. Da der Kopf ja nicht allein hier liegen konnte, lupfte Jeremie Schadnost die Bettdecke, um auch den dazugehörigen Körper zu begutachten. Unter dem dünnen Leinen verbarg sich ein nackter Frauenleib.
Jeremie Schadnost gönnte sich einen längeren Blick, dann warf er sich zurück auf sein Kissen. Neben ihn schlief eine entkleidete Schönheit, die lediglich eine Augenmaske trug, während er noch in seinen Sachen steckte, dafür aber unmaskiert war. Welch Ironie!
Da tausend kleine Männchen wie verrückt unter seiner Schädeldecke zu wüten schienen, konnte er sich den Versuch ersparen, nach Bildern der vergangenen Nacht zu suchen. Die waren ihm wahrscheinlich bis zur letzten Szene aus den Gehirnwindungen herausgehämmert worden.
Lediglich an den Streit mit Irina vermochte er sich zu erinnern, die sich, nachdem sie ihm die Maske vom Gesicht gepflückt hatte, in eine Furie verwandelt zu haben schien. Tja, mit Irina hatte er sich eine harte Nuss zum Knacken ausgesucht. Doch warum schmuggelte sich ausgerechnet mit Irinas Namen das Gesicht der geheimnisvollen, maskierten Fremden in seine Gedanken?
Jeremie Schadnost drehte sich zu ihr um, stützte seinen Kopf auf die Hand und begann, ihr Gesicht zu studieren. Je genauer er es betrachtete, desto mehr Ähnlichkeiten mit Irina fielen ihm auf. Das Haar. Die Stirn. Das Spiel ihrer vollen Lippen. Auch die Kinnpartie. Wie konnte das sein?
In diesem Moment ließ der Mob hinter seiner Stirn Gnade walten. Nicht nur die Schmerzen verflüchtigten sich bis auf ein erträgliches Stechen, nein, jetzt gaben sogar die grauen Zellen ein paar Sequenzen des gestrigen Abends preis. Nachdem er Irinas Gekeife entflohen war, begegnete ihm auf dem Weg zur Treppe ein weiterer Gast der Familie Merow, die sehr viel jüngere Schwester von Irinas Mutter. Erst wollte er an ihr vorbeieilen, als er jedoch in ihr verständnisvolles Gesicht blickte, zögerte er diesen Entschluss nicht nur hinaus, sondern ließ sich von ihr in ihr Zimmer locken. Dort schüttete er ihr sein Herz aus und einige Gläser Hochprozentigen in sich hinein. Als sich abzeichnete, dass er den Nachhauseweg unmöglich allein schaffen konnte, bot sich Irinas Tante an, ihn zu begleiten. Was sie dann wohl auch getan hatte.
Bevor er die Geschehnisse zu Ende rekapitulieren konnte, räkelte sich seine Besucherin in den Laken. Sie zog sich die Maske vom Gesicht und lächelte ihn an. „Oh, der verschmähte Liebhaber ist aus seinem Kummer erwacht“, säuselte sie ironisch. „Und das verstoßene Herz schlägt noch immer in seiner Brust.“ Dabei schlängelte sich ihre Hand zu Jeremie Schadnost hinüber. „Vielleicht kann er ja heute den Trost schätzen und gebrauchen, den er gestern so standhaft abgelehnt hat?“ Ihr Oberkörper folgte der Hand.
„Meine Nichte ist eine dumme Göre. Es könnte jedoch sein, dass sie sich noch besinnt, wenn ihre ,alte’ Tante ein gutes Wort für den kleinen Jeremie Schadnost einlegt.“ Jetzt rollte sie sich vollends auf ihn. „Aber bevor die ,alte’ Tante das tun kann, muss sie sich natürlich davon überzeugen, ob der kleine Jeremie Schadnost das auch wert ist.“
Als ihr Kopf unter seiner Decke verschwand, hörte Jeremie Schadnost sie noch nuscheln: „Und keine Angst. Es bleibt alles in der Familie.“
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Ein Sonnenstrahl kitzelte Jeremie Schadnost an der Nase. Er drehte den Kopf etwas zur Seite, um dem Störenfried zu entkommen. Doch damit bot er ihm sein Augenlid als Angriffsfläche, was weit nerviger war als die Attacke auf das Riechorgan. Eine Weile versuchte er, das Licht zu ignorieren. Irgendwann musste er jedoch blinzeln, wurde dadurch erst recht geblendet und riss schließlich entnervt beide Augen auf. Schneller als er sie aufgeschlagen hatte, klappte er sie allerdings wieder zu. Zu dieser Reaktion zwang ihn nicht der Sonnenstrahl, sondern das, was er zu sehen bekam. Seine Pupillen erhaschten das Abbild eines menschlichen Kopfes, der neben ihm auf dem Kissen ruhte.
Beim zweiten Hinschauen erkannte Jeremie Schadnost, eine prächtige Haarpracht, die um das Haupt drapiert war. Und der dritte Blick offenbarte ihm ein Frauenantlitz, das sich zwar teilweise unter einer Augenmaske verbarg, aber trotzdem sehr attraktive Gesichtszüge zeigte. Da der Kopf ja nicht allein hier liegen konnte, lupfte Jeremie Schadnost die Bettdecke, um auch den dazugehörigen Körper zu begutachten. Unter dem dünnen Leinen verbarg sich ein nackter Frauenleib.
Jeremie Schadnost gönnte sich einen längeren Blick, dann warf er sich zurück auf sein Kissen. Neben ihn schlief eine entkleidete Schönheit, die lediglich eine Augenmaske trug, während er noch in seinen Sachen steckte, dafür aber unmaskiert war. Welch Ironie!
Da tausend kleine Männchen wie verrückt unter seiner Schädeldecke zu wüten schienen, konnte er sich den Versuch ersparen, nach Bildern der vergangenen Nacht zu suchen. Die waren ihm wahrscheinlich bis zur letzten Szene aus den Gehirnwindungen herausgehämmert worden.
Lediglich an den Streit mit Irina vermochte er sich zu erinnern, die sich, nachdem sie ihm die Maske vom Gesicht gepflückt hatte, in eine Furie verwandelt zu haben schien. Tja, mit Irina hatte er sich eine harte Nuss zum Knacken ausgesucht. Doch warum schmuggelte sich ausgerechnet mit Irinas Namen das Gesicht der geheimnisvollen, maskierten Fremden in seine Gedanken?
Jeremie Schadnost drehte sich zu ihr um, stützte seinen Kopf auf die Hand und begann, ihr Gesicht zu studieren. Je genauer er es betrachtete, desto mehr Ähnlichkeiten mit Irina fielen ihm auf. Das Haar. Die Stirn. Das Spiel ihrer vollen Lippen. Auch die Kinnpartie. Wie konnte das sein?
In diesem Moment ließ der Mob hinter seiner Stirn Gnade walten. Nicht nur die Schmerzen verflüchtigten sich bis auf ein erträgliches Stechen, nein, jetzt gaben sogar die grauen Zellen ein paar Sequenzen des gestrigen Abends preis. Nachdem er Irinas Gekeife entflohen war, begegnete ihm auf dem Weg zur Treppe ein weiterer Gast der Familie Merow, die sehr viel jüngere Schwester von Irinas Mutter. Erst wollte er an ihr vorbeieilen, als er jedoch in ihr verständnisvolles Gesicht blickte, zögerte er diesen Entschluss nicht nur hinaus, sondern ließ sich von ihr in ihr Zimmer locken. Dort schüttete er ihr sein Herz aus und einige Gläser Hochprozentigen in sich hinein. Als sich abzeichnete, dass er den Nachhauseweg unmöglich allein schaffen konnte, bot sich Irinas Tante an, ihn zu begleiten. Was sie dann wohl auch getan hatte.
Bevor er die Geschehnisse zu Ende rekapitulieren konnte, räkelte sich seine Besucherin in den Laken. Sie zog sich die Maske vom Gesicht und lächelte ihn an. „Oh, der verschmähte Liebhaber ist aus seinem Kummer erwacht“, säuselte sie ironisch. „Und das verstoßene Herz schlägt noch immer in seiner Brust.“ Dabei schlängelte sich ihre Hand zu Jeremie Schadnost hinüber. „Vielleicht kann er ja heute den Trost schätzen und gebrauchen, den er gestern so standhaft abgelehnt hat?“ Ihr Oberkörper folgte der Hand.
„Meine Nichte ist eine dumme Göre. Es könnte jedoch sein, dass sie sich noch besinnt, wenn ihre ,alte’ Tante ein gutes Wort für den kleinen Jeremie Schadnost einlegt.“ Jetzt rollte sie sich vollends auf ihn. „Aber bevor die ,alte’ Tante das tun kann, muss sie sich natürlich davon überzeugen, ob der kleine Jeremie Schadnost das auch wert ist.“
Als ihr Kopf unter seiner Decke verschwand, hörte Jeremie Schadnost sie noch nuscheln: „Und keine Angst. Es bleibt alles in der Familie.“
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