„Wenn’s am Schönsten ist, soll man innehalten“, weiß der Volksmund zu berichten. Dieser alten Weisheit folgend, beschließt Jeremie Schadnost, seinen Lebenswandel etwas zu regulieren.

„Auf Wiedersehen Tante Marina“, rief Jeremie Schadnost seiner Besucherin hinterher, als sie aus der Wohnung verschwunden war. Vom Stubenfenster aus konnte er sie davon flanieren sehen. Im Stillen hoffte er, dass sie ihm wenigstens einen Schulterblick gönnen würde, wenn sie unter dem Fenster entlanglief. Aber ihr Kopf blieb starr nach vorn gerichtet als hätte das, was sie gerade miteinander genossen hatten, für sie gar nicht stattgefunden. Was natürlich auch ein boshaftes Licht auf die Anteilnahme ihres Herzens warf.
Wahrscheinlich musste Jeremie Schadnost froh sein, überhaupt ihren Namen erfahren zu haben. Aber da sie sich in Zukunft bei den Merows – und sicherlich nicht nur dort – öfters über den Weg laufen oder in Betten treffen würden, war es zumindest angebracht, zu wissen, wie die Dame angesprochen werden wollte.
Nachdem sich Jeremie Schadnost einen starken Kaffee aufgebrüht hatte, hockte er am Küchentisch und sinnierte darüber nach, welche Konsequenzen die Geschehnisse der vergangenen Nacht bzw. des darauffolgenden Morgens für ihn heraufbeschworen. Auf alle Fälle durfte er bei den Merows nur noch in 100prozentiger geistiger Fitness aufkreuzen. Und auch als ihr Gast musste er sich eine alkoholische Abstinenz auferlegen, um der Peinlichkeit zu entgehen, im weinseligen Zustand ungewollt einige pikante Details seiner Bekanntschaft mit Tante Marina auszuplaudern. Diese Richtlinien galt es ab sofort zu verinnerlichen. Am besten wäre es, sie sich wie ein Mantra, jeden Morgen beim Erwachen und jeden Abend vor dem Einschlafen einzuhämmern, bis sie ihn wie der eigene Name in Verstand und Seele eingebrannt war.
Derartig immunisiert konnte er Irina weiterhin auf Freiersfüßen umgarnen und vor ihr, wenn sie ihn wieder einmal abblitzen ließ, um einem anderen Herren ihr Herz zu öffnen, in die Arme von Tante Marina flüchten.
Hier kristallisierte sich für Jeremie Schadnost eine sehr verlockende Situation heraus. Der einzige Wermutstropfen, der ihm das köstliche Mahl versauen konnte, war Tante Marina. Sollte sie es darauf anlegen, ihrer Beider Beziehung gegenüber den Merows irgendwann einmal zu erwähnen, würde sein Zukunftsschloss wie ein Kartenhaus in sich zusammenrutschen. Dann wäre Irina für ihn futsch, und mit ihr wahrscheinlich auch das Tantchen. Allerdings konnte er dann seine selbstauferlegte Abstinenz in den Wind schießen und sich wieder auf altbewährte Weise trösten.
Gleichgültig welche Richtung das Schicksal auch einschlug, für ihn schien sich immer eine Win-Win-Win-Situation abzeichnen. Die Zukunft würde zeigen, ob er mit seinen Prognosen richtig lag.

NÄCHSTE EPISODE >>>
Ihnen hat die Geschichte gefallen und Sie möchten gerne weitere Jeremie-Schadnost-Stories lesen?

Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.

Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.

Vielen Dank!

Mehr Jeremie-Schadnost-Geschichten
gibt's im Archiv!