Wie jeder andere Mensch auch weiß Jeremie Schadnost, dass er irgendwann dem Gevatter Tod gegenüberstehen wird. Da es für diese Situation kein Drehbuch gibt, lohnt sich auch kein Proben. Hier hilft nur spontanes Reagieren.

Jeremie Schadnost beschlich ein komische Gefühl. Ihm schien, als würde er beständig Ballast abwerfen. Eine Leichtigkeit überkam ihn, von der vorher nichts geahnt hatte. Um in Erfahrung zu bringen, was da vor sich ging, beschloss er, ein wenig zu blinzeln. Vielleicht reichte ja ein einziger Blick aus, dem Grund dieser Veränderung auf die Spur zu kommen? Als er die Augenlider hob, starrte er auf eine karge Felswand, über die flüchtige Schatten huschten, die nicht erkennen ließen, wo er sich befand.
Erst als eine kompakte Kontur diese bizarre Leinwand für sich allein beanspruchte, dämmerte es Jeremie Schadnost, wohin er geraten sein könnte. Gleichzeitig weigerte sich sein Verstand, diese Erkenntnis zu akzeptieren. Er klappte die Augenlider herunter, verharrte eine Weile so und riss sie dann wieder auf.
An dem Bild hatte sich nichts verändert. Der Oberkörper einer Kapuzenerscheinung prangte noch immer auf dem Felsenmonitor. Über die Spitze der Kapuze ragte ein dünner Schatten heraus, der sich oben zu einem sichelförmigen Blatt verformte. „Der Sensenmann“, schoss es Jeremie Schadnost durch den Kopf. Einen anderen Gedanken schien sein Gehirn nicht hergeben zu wollen. Wie zur Bestätigung tauchte ein in einer weitärmligen Robe gehüllter Knochenarm auf, der die Kapuze zurückschob und damit den Scherenschnitt eines Totenschädels an die Wand projizierte.
„Guten Abend, der Herr“, wurde Jeremie Schadnost von einer Stimme begrüßt, die trotz der widrigen Umstände sehr angenehm und kultiviert klang. „Ich freue mich, dass Sie wieder bei Sinnen sind. Diesen Umstand müssen wir nutzen, um einige Details zu klären.“
Jeremie Schadnost wagte einen Versuch, das Ganze eventuell doch noch als Irrtum zu entlarven. „Könnten Sie mir vorher vielleicht bestätigen, dass ich halluziniere. Das hier ist bestimmt keine Realität?“
„Oh“, seufzte die Stimme. „Es ist alles wie es sein muss. Selbst der Laptop.“ Der Schatten eines aufgeklappten Notebooks kam in Jeremie Schadnosts Sichtfeld. „Auch ich muss mit der Zeit gehen. Papierloses Sterben. Sie verstehen?“
Jeremie Schadnost gab sich geschlagen. „Nun denn“, befand er. „Bringen wir es hinter uns. Stellen Sie Ihre Fragen und lassen Sie mich irgendwo meine drei Kreuzchen machen, die allem die Richtigkeit bescheinigen.“
Der Sensenmann klapperte auf der Tastatur herum, wahrscheinlich um ein Formular aufzurufen, in das er Jeremie Schadnosts Angaben eintragen konnte. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er sich zurücklehnte und offenbar beabsichtigte, mit der Fragerunde zu beginnen.
Vorher erlaubte er sich eine technische Erläuterung. „Es dauert alles etwas länger. Über uns liegt zwar die Mitte Europas, aber dort oben kommen sie mit dem Glasfaser nicht voran und ich habe hier unten die Bescherung.“
Dann schnarrte er die Daten herunter, die bereits im Formular eingetragen waren. „Name: Schadnost. Vorname: Jeremia. Gebutrtsdatum: …“
An dieser Stelle unterbrach ihn Jeremie Schadnost. „Jeremie!“
„Bitte?“
„Ich heiße Jeremie, nicht Jeremia.“
Der Tod stutzte. „Komisch. So einen Falscheintrag hatte ich noch nie. Aber ich werde ihn gleich korrigieren.“
Anschließend unternahm er einige Versuche, um den Lapsus aus der Welt zu schaffen, die allerdings alle zu scheitern schienen. „So ein Blödsinn. Ich kann die Daten nicht ändern. Der Fehler darf aber auch nicht bleiben. Da hilft wohl nur eine Nachricht an die Zentrale. Bis die Antwort kommt, können wir ja fortfahren. Also die erste Frage lautet: Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?“
Trotz der surrealen Situation musste Jeremie Schadnost kurz auflachen. Dann formulierte er seine Antwort, als brütete er über einem Kreuzworträtsel. „Zukunft mit drei Buchstaben? T – O – T!“
„Eine perfekte Auskunft. Die muss ich mir merken“, feixte der Gevatter, um sofort wieder ernst zu werden, nachdem der Laptop eine Nachricht aus der Zentrale mit einem „Bing“ angekündigt hatte. Beim Lesen klappte ihm der bleiche Unterkiefer nach unten. „Das gibt es doch nicht! Das ist doch unmöglich!“
Er stand extra auf, um Jeremie Schadnost den Bildschirm des Laptops vor die Augen zu halten, damit der die Information ebenfalls studieren konnte.
„Die Angaben im Formular sind korrekt!
Offenbar handelt es sich bei dem Neuzugang um die falsche Person.
Der Vorgang muss sofort rückgängig gemacht werden!“
„Uff“, seufzte der Tod. „Das tut mir jetzt aber leid für Sie. Ich muss Sie zurück in das Jammertal schicken. Als kleiner Trost bleibt Ihnen aber die Gewissheit, dass wir uns irgendwann wiedersehen werden …“
Das war der Moment, in dem Jeremie Schadnost schweißgebadet erwachte. Sein erster Gedanke galt seinen Eltern, denen er im Stillen dafür dankte, ihm den Namen „Jeremie“ gegeben zu haben.

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