Jeremie Schadnost gönnt sich auf dem Jahrmarkt den Besuch bei einer Wahrsagerin. Dort widerfahren ihm seltsame Dinge, die selbst einen abgebrühten Typen wie ihn, in sich gehen lassen.

Auf den Plakaten wurde der Jahrmarkt als „Nostalgie-Rummel“ angepriesen. Eine alte Garde von Schaustellern wollte eine Retroveranstaltung auf die Beine stellen, wie sie Jeremie Schadnost noch aus seinen frühesten Kindheitserinnerungen kannte, und von denen seine Eltern und Großeltern immer so geschwärmt hatten. Ein Budenzauber ohne modernen Schnickschnack. Eine Zeitreise zurück in die gute alte Vergangenheit. Diese Versprechungen hatten ihn hierhergeführt.
Er schlenderte zwischen den antiquierten Fahrgeschäften hindurch, schaute Bällewerfern über die Schulter, die mit ihren Geschossen Blechbüchsenpyramiden abräumten und gönnte sich eine Portion Zuckerwatte. Vor einem Zelt, in dem die „Königin der Wahrsager“ zu residieren vorgab, blieb er stehen. Das Reich dieser Monarchin schien auch schon bessere Zeiten erlebt zu haben als die jetzigen und lud nicht gerade zum Betreten ein. Doch gerade deshalb entschied sich Jeremie Schadnost, „Ihrer Majestät“ einen Besuch abzustatten.
Als sich der Eingang hinter ihm schloss, umfing ihn Dämmerlicht, an das sich seine Augen gewöhnen mussten. Erst nach einigen Minuten übersah er das Innere. Nur ein Tisch, hinter dem die Königin auf einem klapprigen Stuhl thronte, bildete das Interieur. Dazu war an der rechten Seitenwand eine Kabine vom übrigen Raum abgeteilt.
Die Wahrsagerin nuschelte Jeremie Schadnost den Preis für ihre Dienstleistung zu und wies mit dem Kopf Richtung Kabine. „Dort drinnen spielt die Musik!“ Enttäuscht darüber, dass die Meisterin des Okkulten weder mit einer Glaskugel hantierte, noch nach seinen Händen griff, um ihnen die Zukunft zu entlocken, wollte Jeremie Schadnost schon wieder umdrehen. Ein barsches „Hinein!“ ließ ihn dann aber gehorchen.
Zwei Spiegel auf niedrigen Tischchen erwarteten Jeremie Schadnost in der Kabine. Vor jedem Spiegel stand eine Phiole, gefüllt mit glasklarer Flüssigkeit. An den bauchigen Gefäßen hafteten bedruckte Etiketten. „Trinke und Du denkst erst bevor Du sprichst!“, erklärte das eine. Das andere verkündete: „Trinke und Du redest erst bevor Du denkst!“ Jeremie Schadnost vermutete zwar, dass das eine wie das andere harmlose Mixturen waren, da es ihn aber reizte, die Variante „erst reden, dann denken“ auszuprobieren, leerte er diese Phiole mit einem kräftigen Schluck.
Die Flüssigkeit hatte noch nicht richtig seinen Gaumen benetzt, als sein Konterfei plötzlich in dem Spiegeln hinter dem „Erst-denken-dann-reden“-Gefäß auftauchte. Ihn selbst sog der andere Spiegel auf. In seinem Kopf sprudelten auf einmal Gedanken durcheinander, die unbedingt sofort herausposaunt werden wollten. Gleichzeitig erkannte er beim Blick auf sein zweites Ich, wie dieses die Stirn in Falten legte. „Jetzt geht das unüberlegte Geschwätz los.“
„Was bist du denn für eine miesepetrige Gestalt?“, höhnte Jeremie Schadnost zu dem anderen Spiegelbild hinüber. „Doch nicht etwa mein Gewissen?“
„Dein besseres Ich“, erhielt er zur Antwort. „Also, so wie ich bin, könntest du ohne all deine Macken ebenfalls sein.“
„Aha. Damit ist das hier sozusagen ein Selbstgespräch. Dann muss ich hier mal verkünden, dass ich perfekt bin. Einen wie dich habe ich gar nicht nötig!“
„Lass uns perfekt durch größenwahnsinnig ersetzen und schon bist du der Wahrheit sehr nahe gekommen.“
„Jetzt will ich dir mal was sagen“, schnaubte Jeremie Schadnost. „Und da das ja praktisch unter uns bleibt, muss ich kein Blatt vor den Mund nehmen. Ich bin der Beste, der Größte, der Schönste, der Klügste, …“
„… der Bescheidenste, der Liebreizendste“, führte das Spiegelbild die Lobhudelei fort. Die Ironie in seiner Stimme war nicht zu überhören.
„Genau. Und ich kann dir auch beweisen, warum ich Recht habe“, trumpfte Jeremie Schadnost weiter auf. „Ich werde dir einfach ein paar pikante Details über meine lieben Mitmenschen verraten und dir auch gleich erklären, wie du diese Dinge zu bewerten hast.
Sonst kommst du womöglich noch auf die Idee, dir eine eigene Meinung zu bilden, was völlig überflüssig ist, denn es reicht aus, wenn du dich meiner Sicht der Dinge anschließt.“ Und los ging es. Dreißig Minuten lang ließ Jeremie Schadnost kein gutes Haar an einem seiner näheren Bekannten und einer Menge anderer Leute. Er redete sich so in Rage, dass selbst das zweite Spiegelbild darauf verzichtete, Einwürfe zu machen oder ihn zu bremsen.
Irgendwann verpuffte die Wirkung des Elixiers. Der Redefluss versiegte. Jeremie Schadnost stieg aus dem Spiegel heraus und im anderen verblasste die Erscheinung allmählich.
Was er da gerade erlebt bzw. selber abgezogen hatte, gab ihm zu denken. Von diesem Teufelszeug durfte ihm nie wieder etwas über die Lippen kommen, denn was danach seine Lippen hervorsprudelten, bedeutete, wenn es jemals einem Fremden zu Ohr kam, faktischen Selbstmord. Nur gut, dass das hier eine Ein-Mann-Show gewesen war!
Allerdings hätte er gern diesem oder jenem seiner gerade geschmähten Freunde einen Tropfen der Tinktur eingeflößt, um ihnen ein paar verschwiegene Gedanken zu entlocken. Da er aber die Phiole ausgetrunken hatte, blieb ihm diese Möglichkeit leider verwehrt.
Jeremie Schadnost schlüpfte aus der Kabine und beeilte sich aus dem Zelt zu kommen. Die „Königin der Wahrsager“, an der grußlos vorbeihuschte, bedachte ihn mit einem Grinsen und rief ihm die Feststellung „Das war eine lehrreiche Veranstaltung, nicht wahr!“ hinterher.

NÄCHSTE EPISODE >>>
Ihnen hat die Geschichte gefallen und Sie möchten gerne weitere Jeremie-Schadnost-Stories lesen?

Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.

Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.

Vielen Dank!

Mehr Jeremie-Schadnost-Geschichten
gibt's im Archiv!