Unter dem Vorwand sich ein gutes Buch empfehlen zu lassen, schafft es Jeremie Schadnost, sich selbst als Autor zu präsentieren. Leider nur mit mäßigem Erfolg …
Ich schien vor dem Laptop eingenickt zu sein, denn als das leise Kratzen an der Tür endlich mein Unterbewusstsein erreichte, musste ich erst die Augen aufreißen und mich kurz orientieren, bevor ich überhaupt realisierte, wo ich mich befand.
Als ich dann die vertraute Umgebung meines Arbeitszimmers erkannte, fiel mir sofort ein, dass ich zur Zeit wie ein Eremit in unseren vier Wänden hauste, da der Rest der Familie für ein paar Tage ausgeflogen war. Wenn sich jetzt also jemand an der Tür zu schaffen machte, konnte das nicht mit rechten Dingen zugehen. Wahrscheinlich hatte sich ein Langfinger eingeschlichen.
Ich suchte nach einem brauchbaren Gegenstand, der sich dafür eignete, dem Ganoven gewappnet entgegenzutreten. Mein Blick streifte die halbvolle Bierflasche, die auf dem kleinen Beistelltisch stand. Entschlossen setzte ich sie an, trank den Rest zum Mutmachen aus und ergriff sie am Hals. So bewaffnet schlich ich zur Tür, drückte die Klinke herunter und riss sie auf.
Von draußen stolperte laut fluchend eine Gestalt in das Zimmer. Beinah hätte sie den Laptop vom Schreibtisch gefegt, mit so viel Elan stürzte sie vorwärts. Und beinah hätte ich ihr auch die Flasche über den Schädel gezogen, wenn nicht plötzlich die Erkenntnis in mir erwacht wäre, dass da kein Fremder in meine Privatsphäre eingedrungen war.
Eine mir vertraute Stimme sagte: „Normalerweise werde ich mit einem ,Herein’ zum Eintreten gebeten. Diese Art der Aufforderung erscheint mir etwas ungewöhnlich zu sein.“
Also, gehört hatte ich diese Stimme noch nie, aber ihren Klang so oft mit Worte beschrieben, dass mir blitzartig klar wurde, um wen es sich bei diesem Eindringling handelte. Jeremie Schadnost gab sich die Ehre, bei seinem Erschaffer zu erscheinen.
Dass der Genuss nur einer Flasche Bier zu solchen Halluzinationen führte, war mir neu. Aber da mich momentan ohnehin eine Schreibblockade plagte, beschloss ich, mich auf diese hoffentlich amüsante Wahnvorstellung einzulassen.
„Mein Besuch scheint dich nicht sonderlich zu überraschen?“, stellte er fest.
„Als Schreiberling erfinde ich ständig solche absurden Szenen, da bringt es mich nicht aus der Ruhe, ab und zu mal Ähnliches zu erleben.“ Keine originelle Antwort, aber er gab sich damit zufrieden.
„Schön, dass du so eine pragmatische Ader hast, da kann ich mir lange Erklärungen ersparen. Ich bin aus einem besonderen Grund hier.“
„Schieß los, welcher das ist!“, forderte ich ihn auf.
„Ein … Buch. Ich will, … will das Buch lesen, das … das dich am meisten beeindruckt hat“, stotterte er sein Verlangen heraus. Das klang nicht besonders überzeugend, eher wie eine gerade erfundene Ausrede.
„Dort drüben im Regal findest du alle Bücher, die für mich wichtig sind. Such dir das passende heraus! Ich kann dir dann ein paar Sätze dazu sagen.“
Er trat an das Bücherregal. Ich sah wie seine Finger über die Buchrücken strichen. Oben links, wo die Bibel stand, beginnend, folgten sie den Reihen der gedruckten Werke. Um auch die unteren Bände begutachten zu können, musste er sich hinhocken. Als er sich wieder erhob, hielt er jedoch kein Buch in den Händen. Offensichtlich sagte ihm mein Lesegeschmack nicht zu.
„Ich befürchte, in deiner Bibliothek fehlt eine wichtige Lektüre“, resümierte Jeremie Schadnost.
„Welche denn?“, wollte ich von ihm wissen.
„Diese hier!“ Er öffnete den Reißverschluss seiner Jacke und griff hinein.
Mir war schon aufgefallen, dass seine Jacke unter der linken Achsel ziemlich ausbeulte. Hatte er dort einen Revolver im Holster stecken, den er jetzt ziehen wollte, um mir den Lauf an die Stirn zu setzen? Wo war meine Bierflasche? Zum Glück erwiesen sich meine Befürchtungen als Blödsinn. Statt eines Ballermanns zog er lediglich ein paar eng bedruckte A4-Blätter hervor, die er zusammengerollt unter der Jacke verstaut hatte. Er knallte den Papierstapel vor mir auf den Schreibtisch.
„Das gehört noch in deine Sammlung!“ Ich musste nicht nachfragen, was das sei, denn die Erklärung folgte umgehend. „Es ist meine Autobiographie. Es geht mir mächtig auf den Senkel, ständig von dir in absurde Szenarien geschickt zu werden, die mich wie einen Trottel dastehen lassen. Deshalb habe ich mir die Mühe gemacht, mein wahres Leben aufzuzeichnen. Die Leser sollen erfahren, wie ich wirklich bin“, legte Jeremie Schadnost dar. „Von mir aus kannst du das Ganze unter deinem Namen veröffentlichen, aber es muss unbedingt erscheinen! Das bist du mir schuldig!“
Das war ja absurd. Da taucht er hier unter dem Vorwand auf, sich ein gutes Buch empfehlen lassen zu wollen, und präsentiert dann solche Beweggründe samt Ultimatum. „Nun mach mal halblang, Jeremie!“, warf ich ein. „Es gibt ein paar Episoden von dir, die von einer sehr überschaubaren Schar von Leuten gelesen werden. Und das wird sich auch in der Zukunft kaum ändern. Deswegen musst du doch nicht einen derartigen Aufstand inszenieren!“
Ihn klappte vor Überraschung der Unterkiefer nach unten. Wahrscheinlich hatte er erwartet, bekannt wie ein bunter Hund zu sein. Nur gut, dass ich ihm diesen Zahn ziehen konnte. Das würde ihn vielleicht wieder zurück auf den Boden der Tatsachen bringen.
„Wenn das so ist“, sagte er daraufhin ziemlich kleinlaut, „wird es am besten sein, du vergisst die Sache mit der Autobiographie und ich schaue mal nach einem interessanten Buch für mich …“
NÄCHSTE EPISODE >>>
Ich schien vor dem Laptop eingenickt zu sein, denn als das leise Kratzen an der Tür endlich mein Unterbewusstsein erreichte, musste ich erst die Augen aufreißen und mich kurz orientieren, bevor ich überhaupt realisierte, wo ich mich befand.
Als ich dann die vertraute Umgebung meines Arbeitszimmers erkannte, fiel mir sofort ein, dass ich zur Zeit wie ein Eremit in unseren vier Wänden hauste, da der Rest der Familie für ein paar Tage ausgeflogen war. Wenn sich jetzt also jemand an der Tür zu schaffen machte, konnte das nicht mit rechten Dingen zugehen. Wahrscheinlich hatte sich ein Langfinger eingeschlichen.
Ich suchte nach einem brauchbaren Gegenstand, der sich dafür eignete, dem Ganoven gewappnet entgegenzutreten. Mein Blick streifte die halbvolle Bierflasche, die auf dem kleinen Beistelltisch stand. Entschlossen setzte ich sie an, trank den Rest zum Mutmachen aus und ergriff sie am Hals. So bewaffnet schlich ich zur Tür, drückte die Klinke herunter und riss sie auf.
Von draußen stolperte laut fluchend eine Gestalt in das Zimmer. Beinah hätte sie den Laptop vom Schreibtisch gefegt, mit so viel Elan stürzte sie vorwärts. Und beinah hätte ich ihr auch die Flasche über den Schädel gezogen, wenn nicht plötzlich die Erkenntnis in mir erwacht wäre, dass da kein Fremder in meine Privatsphäre eingedrungen war.
Eine mir vertraute Stimme sagte: „Normalerweise werde ich mit einem ,Herein’ zum Eintreten gebeten. Diese Art der Aufforderung erscheint mir etwas ungewöhnlich zu sein.“
Also, gehört hatte ich diese Stimme noch nie, aber ihren Klang so oft mit Worte beschrieben, dass mir blitzartig klar wurde, um wen es sich bei diesem Eindringling handelte. Jeremie Schadnost gab sich die Ehre, bei seinem Erschaffer zu erscheinen.
Dass der Genuss nur einer Flasche Bier zu solchen Halluzinationen führte, war mir neu. Aber da mich momentan ohnehin eine Schreibblockade plagte, beschloss ich, mich auf diese hoffentlich amüsante Wahnvorstellung einzulassen.
„Mein Besuch scheint dich nicht sonderlich zu überraschen?“, stellte er fest.
„Als Schreiberling erfinde ich ständig solche absurden Szenen, da bringt es mich nicht aus der Ruhe, ab und zu mal Ähnliches zu erleben.“ Keine originelle Antwort, aber er gab sich damit zufrieden.
„Schön, dass du so eine pragmatische Ader hast, da kann ich mir lange Erklärungen ersparen. Ich bin aus einem besonderen Grund hier.“
„Schieß los, welcher das ist!“, forderte ich ihn auf.
„Ein … Buch. Ich will, … will das Buch lesen, das … das dich am meisten beeindruckt hat“, stotterte er sein Verlangen heraus. Das klang nicht besonders überzeugend, eher wie eine gerade erfundene Ausrede.
„Dort drüben im Regal findest du alle Bücher, die für mich wichtig sind. Such dir das passende heraus! Ich kann dir dann ein paar Sätze dazu sagen.“
Er trat an das Bücherregal. Ich sah wie seine Finger über die Buchrücken strichen. Oben links, wo die Bibel stand, beginnend, folgten sie den Reihen der gedruckten Werke. Um auch die unteren Bände begutachten zu können, musste er sich hinhocken. Als er sich wieder erhob, hielt er jedoch kein Buch in den Händen. Offensichtlich sagte ihm mein Lesegeschmack nicht zu.
„Ich befürchte, in deiner Bibliothek fehlt eine wichtige Lektüre“, resümierte Jeremie Schadnost.
„Welche denn?“, wollte ich von ihm wissen.
„Diese hier!“ Er öffnete den Reißverschluss seiner Jacke und griff hinein.
Mir war schon aufgefallen, dass seine Jacke unter der linken Achsel ziemlich ausbeulte. Hatte er dort einen Revolver im Holster stecken, den er jetzt ziehen wollte, um mir den Lauf an die Stirn zu setzen? Wo war meine Bierflasche? Zum Glück erwiesen sich meine Befürchtungen als Blödsinn. Statt eines Ballermanns zog er lediglich ein paar eng bedruckte A4-Blätter hervor, die er zusammengerollt unter der Jacke verstaut hatte. Er knallte den Papierstapel vor mir auf den Schreibtisch.
„Das gehört noch in deine Sammlung!“ Ich musste nicht nachfragen, was das sei, denn die Erklärung folgte umgehend. „Es ist meine Autobiographie. Es geht mir mächtig auf den Senkel, ständig von dir in absurde Szenarien geschickt zu werden, die mich wie einen Trottel dastehen lassen. Deshalb habe ich mir die Mühe gemacht, mein wahres Leben aufzuzeichnen. Die Leser sollen erfahren, wie ich wirklich bin“, legte Jeremie Schadnost dar. „Von mir aus kannst du das Ganze unter deinem Namen veröffentlichen, aber es muss unbedingt erscheinen! Das bist du mir schuldig!“
Das war ja absurd. Da taucht er hier unter dem Vorwand auf, sich ein gutes Buch empfehlen lassen zu wollen, und präsentiert dann solche Beweggründe samt Ultimatum. „Nun mach mal halblang, Jeremie!“, warf ich ein. „Es gibt ein paar Episoden von dir, die von einer sehr überschaubaren Schar von Leuten gelesen werden. Und das wird sich auch in der Zukunft kaum ändern. Deswegen musst du doch nicht einen derartigen Aufstand inszenieren!“
Ihn klappte vor Überraschung der Unterkiefer nach unten. Wahrscheinlich hatte er erwartet, bekannt wie ein bunter Hund zu sein. Nur gut, dass ich ihm diesen Zahn ziehen konnte. Das würde ihn vielleicht wieder zurück auf den Boden der Tatsachen bringen.
„Wenn das so ist“, sagte er daraufhin ziemlich kleinlaut, „wird es am besten sein, du vergisst die Sache mit der Autobiographie und ich schaue mal nach einem interessanten Buch für mich …“
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