Dass die lieben Kleinen in der Lage sind, einen Erwachsenen auf Trab zu halten, ist eine Binsenweisheit. Jeremie Schadnost darf miterleben, dass sein Neffe da keine Ausnahme macht.

Seine Schwester war seit jeher eine resolute Person. Deshalb wunderte sich Jeremie Schadnost nicht, als sie ihm die Hand ihres Sohnes, seines Neffen Kevin, in die Pranke drückte und Beide Richtung Eingang zum Kinderparadies bugsierte. „So, ihr werdet euch hier einen schönen Nachmittag machen, während ich mal kurz auf Shopping-Tour gehe“, verkündete sie ihre Planung für die nächsten Stunden. „Jeremie“, setzte sie ihre im militärischen Ton gehaltene Ansage fort, „du wirst darauf achten, dass der Kleine keinen zu großen Blödsinn anstellt, ihn aber nicht in seiner kindlichen Kreativität einschränken! Und du Kevin, benimmst dich! Denke bitte daran, dass du nicht immer mit dem Kopf durch die Wand musst!“ Der Blick, mit dem der Dreijährige daraufhin zuerst zu seiner Mutter und anschließend zu ihm hochschielte, hätte Jeremie Schadnost vorausahnen lassen können, was ihm bevorstand. Doch noch war er blauäugig und sah dem Kommenden entspannt entgegen. Das signalisierte er Kevin auch mit einem verschwörerischen Blinzeln.
Als der wippende Pferdeschwanz seiner Schwester in der Menge der Konsumwütigen verschwand, war der Zeitpunkt gekommen, an dem Jeremie Schadnost glaubte, die Regie für die bevorstehenden Ereignisse von ihr übernommen zu haben. Währenddessen schien Kevin aber der Meinung zu sein, dass es ab jetzt ihm zustand, zu bestimmen, wo der Weg langging. Eine Kostprobe dieses kindlichen Ansinnens bekam Jeremie Schadnost sofort zu spüren. Der Kleine zerrte ihn an der Schlange der Wartenden, die ebenfalls ins Kinderparadies wollten, vorbei zu dessen Eingang. Wütende Proteste der so Übertölpelten begleiteten ihr Überholmanöver. Jeremie Schadnost versuchte mit bedauerndem Schulterzucken und beständigem „Entschuldigung“-Stammeln die Wogen zu glätten, jedoch nur mit mäßigem Erfolg. Immerhin gelangten sie so tatsächlich ziemlich flott zu ihrem Ziel.
Kaum waren sie im Innere der Spielplatzattraktionen, als sich Kevin geschickt von Jeremie Schadnosts Hand losriss und quer durch die Halle zu einer quietschgelben Schaumstoff-Rutsche stürmte. Dort kletterte er scheinbar mühelos nach oben und schusselte auf der glatten Kunststoffbahn wieder herab. Bevor Jeremie Schadnost endlich an der Rutsche stand, hatte Kevin die Prozedur dreimal absolviert. Offenbar verdross es ihn jetzt, wieder auf dem Hosenboden in die Tiefe zu rauschen, denn für den vierten Abgang hechtete er kopfüber nach vorn. Er klatschte auf den Bauch und schon ging es abwärts. Jeremie Schadnost sah seinen Neffen bereits weit über das Ziel hinausschießen, inklusive der damit verbundenen Bruchlandung. Schnell sprang er auf die Matte, um den Jungen abfangen zu können. Doch auf dem wackligen Untergrund fand er keinen Halt. Statt Kevins Rutschpartie abzubremsen, mühte er sich ab, aufrecht stehen zu bleiben. Als der Junge zwischen Jeremie Schadnosts Beine glitt und mit den Schultern dessen Schienenbeine touchierte, riss der Aufprall den Onkel von den Füßen. Rücklings kippte er von der Matte und schlug mit dem Kopf schmerzhaft auf den Hallenboden. Benommen rappelte er sich wieder hoch. Einige Besucher erkundigten sich fürsorglich, ob sie ihm helfen könnten. Er hörte aber auch eine hämische Stimme, die meinte: „Das ist die gerechte Strafe für’s Vordrängeln!“
Ob Kevin sich bei der Karambolage ebenfalls ernsthaft weh getan hatte, konnte Jeremie Schadnost nicht sagen. Auf alle Fälle heulte der Kleine Rotz und Wasser und beruhigte sich auch nicht, als er ihn behutsam auf den Arm nahm. „Es ist vielleicht besser, wenn wir hier verschwinden. Lass uns wie die Mami ein bisschen durch die Geschäfte bummeln. Dort wird der liebe Onkel Jeremie dir etwas Schönes kaufen, weil du so ein taffer kleiner Mann bist“, versuchte er, Kevin zu trösten. Der Vorschlag schien jedoch auf wenig Gegenliebe zu stoßen. Aus dem wehleidigen Schluchzen wurde ein bockiges Jammern und Kevin begann so heftig herumzuzappeln, bis Jeremie Schadnost ihn leicht genervt wieder auf den Boden stellte.
Er ging in die Hocke und streichelte seinem Neffen über das Haar. „Na ja, natürlich können wir auch noch hier bleiben.“ Wenigstens beruhigte sich der Dreijährige daraufhin wieder. Für sein Einlenken hätte Jeremie Schadnost jetzt einen kindlichen Dank erwartet. Statt sich jedoch dazu herabzulassen, zog Kevin nur eine trotzige Schnute und steckte ihm obendrein die Zunge heraus.
Bevor er darauf angemessen reagieren konnte, gelang dem Kleine schon wieder die Flucht. Diesmal jagte er Richtung Bällebad, aber der Onkel war ihm dicht auf den Fersen. Genau wie vor dem Kinderparadies schlängelte sich Kevin an der Schar der wartenden Altersgenossen vorbei und wollte wahrscheinlich gerade ein Mädchen mit einem Bodycheck vom Eingang wegkicken, als ihn Jeremie Schadnost noch rechtzeitig zu fassen bekam und es so schaffte, eine Auseinandersetzung mit der Kleinen und ihren Eltern zu vermeiden. Dafür musste er einen weiteren Strauß mit dem lieben Kevin ausfechten, der sich zwar ein paar Schritte zur Seite ziehen ließ, sich aber sofort zu Boden warf und zu Greinen begann. Er wälzte sich hin und her. Trat und boxte nach Jeremie Schadnost, der beruhigend auf ihn einredete. „Du kannst ja auch ins Bällebad, musst dich aber hinten an der Schlange anstellen. Es geht nun mal der Reihe nach.“ „Du bist gemein. Ich war ja schon vorn“, blaffte Kevin zurück.
„Die Beiden schon wieder“, vernahm Jeremie Schadnost in diesem Moment die hämische Stimme, die schon seinen Sturz an der Rutsche kommentiert hatte. „Machen wir, dass wir hier wegkommen, Celine! Wer weiß, was die zwei Rüpel noch alles anstellen werden.“ „Ja, Papa!“ Das Mädchen, das um ein Haar Kevins Opfer geworden wäre, schlug an der Seite ihres Vaters einen weiten Bogen um Jeremie Schadnost samt Neffen. Jetzt tat es Jeremie Schadnost fast leid, dass er nicht mit dem selbstgerechten Herrn Papa aneinandergeraten war. Dem hätte er die Meinung gegeigt! Aber das konnte er ja immer noch tun …
„Hab ich mich also nicht verhört“, grätschte da eine weitere, ihm sehr vertraute, diesmal weibliche Stimme, in seine Rachepläne. „Einen solchen Zirkus kann ja nur mein Sohn veranstalten, der seinen Willen nicht bekommen hat. Sogar draußen vor der Tür, wusste ich, was mich hier erwarten würde.“ Das Schwesterlein schien „not amused“ zu sein. „Und du“, fauchte sie Jeremie Schadnost an. „Du bist ein jämmerlicher Onkel, der es nicht fertig bringt, einen kleinen aufgeweckten Fratz, zu beaufsichtigen. Bloß gut, dass du keine … Ach, was rede ich da. Jetzt geht’s ab nach Hause! Dort werde ich euch die Flötentöne beibringen!“

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