Jeremie Schadnost bekommt die Gelegenheit, das legendären Fußball-WM-Finale 1966 als Zuschauer auf der Tribüne des Wembley-Stadions miterleben zu dürfen. Dort erwartet ihn eine große Überraschung.

93000 Zuschauer gerieten im Stadion außer Rand und Band. Die einen aus Begeisterung über das Führungstor. Die anderen aus Verzweiflung, weil für sie der Ball nicht im Tor gelandet war. Doch das Wort des Schiedsrichters galt. Er hatte getan, was von ihm erwartet wurde, nämlich entschieden. Ein kurzer Blick zum Linienrichter und es stand 3:2. Ohne dass ein irgendwo auf der Welt vor einer riesigen Videoleinwand hockendes Expertenteam diese Entscheidung annullieren konnte.
Jeremie Schadnost brüllte mit, leider im Chor der Verzweifelten. Ringsum ihn gestikulierten Fans mit Händen und Füßen. Immer wieder zeigten sie sich gegenseitig den Abstand, um den der Ball die Torlinie ihrer Ansicht nach verfehlt hatte, bevor er vom Verteidiger weggeköpft werden konnte. Dabei unterschieden sich die wahrgenommenen Abstände gewaltig voneinander. Die Spanne reichte von wenigen Zentimetern bis … nach oben gab es keine Grenzen. Doch allen Argumenten, Diskussionen, Schmähungen und Buhrufen zum Trotz blieb es beim Stand von 3:2.
Natürlich schloss sich auch Jeremie Schadnost der Meinung an, dass dieser Treffer ein Geschenk des Schiedsrichters an die Heimmannschaft und ihrer Fans war. Was hätte er sonst auch tun können? Vielleicht das Gegenteil behaupten? Das wäre ihm bestimmt nicht gut bekommen. Also heulte er lieber mit den Wölfen. In Wirklichkeit hatte er die Szene gar nicht mitverfolgt, weil im Moment des Geschehens seine Aufmerksamkeit einer Zuschauerin ganz in seiner Nähe galt, die ihn mehr interessierte als das Gebolze auf dem Rasen. Darum erschreckte er zutiefst, als plötzlich zwei Hände seine Schultern umklammerten. Hatte er seinen Defätismus irgendwie kundgetan und sollte jetzt dafür zur Rechenschaft gezogen werden?
Der Druck der Hände ließ ihn nichts Gutes erahnen. Zudem bellte ihm eine Stimme ins Ohr: „Haben Sie schon Mal Fußball gespielt?“ Statt zu antworten, nickte er nur zaghaft mit dem Kopf. „… mitkommen!“, war der nächste Wortfetzen, der inmitten des Lärms zu ihm durchdrang.
Ergeben erhob er sich und folgte dem Mann, der ihnen, in Sportkleidung gehüllt, einen Weg durch die Menge bahnte. Er lenkte seine Schritte zu einer Treppe, die in die Innereien des Stadions führte. In den Katakomben reduzierte sich die Geräuschkulisse zu einem dumpfen Dröhnen, das in der Betonröhre aber genauso bedrohlich klang wie das ungefilterte Geschrei draußen. Nachdem sie einige Male in dem verzweigten Labyrinth der Gänge abgebogen waren, riss sein Begleiter vor Jeremie Schadnost eine Tür auf und ließ ihn in die dahinterliegende Kabine eintreten. Hier stapelten sich Trikots auf Bänken. „Suchen Sie sich ein Passendes aus und beeilen Sie sich mit dem Umziehen! Ich warte vor der Tür.“ Jeremie Schadnost verstand überhaupt nichts mehr, folgte aber der Anweisung. Als Spieler der Gastmannschaft verkleidet, schlüpfte er wieder aus der Kabine. Jetzt klapperten die Stollen seiner Fußballstiefel auf dem Boden, als sie ihre Wanderung fortsetzten.
Dem Anschwellen des tausendstimmigen Chors nach zu urteilen, ging es wieder nach draußen. Und tatsächlich endete die Röhre, durch die sie eilten, im Freien. Doch dort nicht irgendwo, sondern am Spielfeldrand. Sie wandten sich nach rechts und bevor sich Jeremie Schadnost  versah, stand er dem Trainer der Nationalmannschaft gegenüber, der ihn mit einem „Na endlich“ empfing und ihm sofort darauf die Anweisung erteilte, sich aufzuwärmen. „Sie werden gleich eingewechselt“. Die Spieler auf der Ersatzbank wirkten zwar nicht besonders begeistert darüber, ihm völlig unerwartet den Vortritt lassen zu müssen, trotzdem lächelten ihm einige aufmunternd zu. Das Alles lief in einer Selbstverständlichkeit ab, die Jeremie Schadnost dazu zwang, die Proteste, die wegen der absurden Situation in ihm aufstiegen, hinunterzuwürgen.
Er ahmte einiger seiner neuen Gefährten nach, die an der Seitenlinie entlanghüpften, um ihre Muskeln in Schwung zu bringen und wahrscheinlich noch hofften, vom Trainer auf den Rasen geschickt zu werden. Der Stadionsprecher ließ ihren Traum jedoch platzen, denn er verkündete, dass Jeremie Schadnost als frische Kraft diesen Part übernehmen sollte.
Er klatschte dem aus dem Spiel ausscheidenden Akteur ab und tänzelte Richtung gegnerischen Strafraum. Dort sollte er laut Traineranweisung die Chance wahrnehmen, das Match noch zu ihren Gunsten zu drehen. Dass er als letzter verfügbarer Kader zum Einsatz kam, erinnerte Jeremie Schadnost an seine Jugendzeit. Beim Schulsport und beim Hobbybolzen war er auch immer der Letzte gewesen, den eine Mannschaft in ihre Reihen holte. Jetzt würden die Ignoranten aus früheren Tagen, die dieses Finale verfolgten, erkennen, welches Talent sie damals hintenangestellt hatten.
Bald erreichte ihn eine Traumflanke im 16-Meter-Raum. Er stoppte das Leder mit der Brust und ließ es nach unten abtropfen. Bevor der Ball auf den Rasen prallte, erwischte er ihn mit Vollspann und semmelte ihn zum 3:3 ins Netz. Ein Jubelgeschrei brandete in der Fankurve auf und seine Kameraden begruben Jeremie Schadnost unter sich.
Nach dem Anstoß angelte er dem gegnerischen Stürmerstar den Ball von den Füßen und jagte in einem atemberaubenden Solo durch die gegnerische Hälfte Richtung Tor. Die Abwehrspieler grätschten in seinen Lauf, konnten ihn jedoch nicht stoppen. Selbst als der Tormann ihm regelwidrig in die Beine rutschte, verzichtete Jeremie Schadnost auf einen sicheren Elfmeter und stolperte mit dem Ball weiter, bis er ihn mit einer akrobatischen Finesse über die Torlinie schob. Was daraufhin im Stadion abging, lässt sich mit Worten nicht beschreiben.
Als der Schiedsrichter die Partie beim Stand von 3:4 endlich abpfiff, erlebte Jeremie Schadnost seinen größten Triumph. Seine Mitspieler schleppten ihn auf den Schultern durchs Stadion. Die auf den Platz stürmenden Teammitglieder rangen darum, ihn berühren zu dürfen und von den Rängen schallte sein Name. Bei der Pokalübergabe wurde ihm die Trophäe als Ersten in die Hände gedrückt …
… wie so viele Nächte vorher auch endete an dieser Stelle Jeremie Schadnosts Traum und er schreckte aus dem Schlaf hoch. Ihm blieb jedoch der Trost, dass dieses Finale OHNE ihn mit 2:4 verlorengegangen war!

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