Jeremie Schadnost hat es heute übernommen, das Sprachrohr seiner Leidensgenossen zu sein. Eine ehrenvolle Aufgabe, doch der Tag, den er sich dafür ausgesucht hat, ist Wichtigerem vorbehalten.
Bevor sich der Cursor zum Anfangsbuchstaben einer neuen Geschichte verformte, quasi der erste Versal getippt war, spielte der Computer verrückt. Ob es Hacker geschafft hatten, die Hardware zu entern oder die Technik einfach nur zu spinnen anfing, konnte ich im ersten Moment nicht feststellen. Als sich dann jedoch ein Gesicht auf dem Bildschirm abzeichnete, schien es sicher zu sein, dass ein Cybercowboy auf meine Festplatte galoppiert war und hier die Bits und Bytes durcheinanderbrachte. Zwar kam mir sein unverhülltes Auftreten etwas wagemutig vor, aber was wusste ich schon davon, wessen Antlitz der Ganove gekapert hatte, um bei seiner Show gut herüberzukommen. Obwohl … beim zweiten Hinschauen wuchs in mir der Verdacht, das Gesicht zu kennen. Also, in meinem Bekanntenkreis sah niemand so aus, aber in meiner Phantasie hätte es schon mal aufgetaucht sein können …
„Eine Minute gebe ich dir noch“, knatterte eine Stimme aus dem Lautsprecher des Laptops, „dann sollte dir eingefallen sein, wer ich bin.“ Anscheinend knacken die Hacker heutzutage nicht nur Firewalls, sondern dringen auch bis zu den Gehirnen der User vor, durchfuhr es mich, als meine Gedanken so schonungslos offengelegt wurden. Ich ließ die Minute verstreichen. Einerseits, weil mir immer noch nicht eingefallen war, wer sich hinter dem Gesicht verbarg. Andererseits interessierte es mich, was passieren würde, wenn ich das Ultimatum ignorierte. Schlimmstenfalls könnte der Typ meinen Laptop lahmlegen. Oder das Ganze entpuppte sich als bloßer Bluff. Die Ungewissheit reizte mich.
„Verleugnest du jetzt schon deine Familie?“, wollte die Stimme des Gesichts jetzt in anklagendem Ton wissen, als die sechzig Sekunden ohne Reaktion meinerseits vorübergegangen waren. „Schließlich bin ich dein literarischer Sohn! Zumindest also ein Produkt deines Geistes.“
Nach diesem Wink mit dem Zaunspfahl fielen mir die Schuppen von den Augen oder aus den Gehirnwindungen. Plötzlich ereilte mich die Erkenntnis, um wen es sich bei dem Cybereindringling handelte. „Jeremie …“
„Oh, der Herr erinnert sich.“ Eine höhnischere Feststellung hatte ich noch nie gehört. „Ja, ich bin’s, Jeremie Schadnost. Der Prügelknabe deiner Kurzgeschichten-Ergüsse. Der, den die anderen belächeln, weil ihm immer so übel mitgespielt wird. Dabei sind deine anderen Charaktere mit ihren Rollen ebenfalls ziemlich unzufrieden. Diese allgemeine Unzufriedenheit ist schuld daran, dass ich mir den Tag mit dir verderben muss.“
Das klang danach, als würde gleich eine Litanei an Vorwürfen auf mich niederprasseln, worauf ich, ehrlich gesagt, nicht den geringsten Bock hatte. „Welche Laus ist dir denn über die Leber gekrochen?“, versuchte ich erst einmal vorsichtig, seine Gemütslage zu erkunden. „,Prügelknabe’? ,Kurzgeschichten-Ergüsse’? ,Belächelt werden?’ Du bist der Star meiner Challenge-Beiträge. Manche Leser mögen dich sogar. Also, halt mal die Füße still. Und die anderen müssen sich auch nicht beklagen. Immerhin sind sie bis jetzt aus jedem Schlamassel glimpflich herausgekommen.“
„Trotzdem wird es Zeit, deine Geschichten-Fantastereien zu hinterfragen. Deshalb wurde ich ermächtigt, im Namen aller, den Mund aufzutun.“
„Sie haben dich zu ihrem Sprecher erwählt?“ Das kam mir ziemlich unwahrscheinlich vor.
„Nicht direkt“, räumte er ein. „Aber während die anderen noch debattierten, wer den Job erledigen sollte, sind der verrückte Sir Alfried und ich übereingekommen, dass es einer von uns beiden sein müsste. Unglücklicherweise ist der Kopf des antiken Ritters mit dem Knauf seines Schwertes kollidiert und damit hat er mir diese Verantwortung zugeschoben.“
Das erklärte sein Erscheinen. „Nun zu unseren Kritikpunkten. Nummer 1 betrifft das 1-jährige Challenge-Jubiläum. Wieso hast du uns erst so spät ins Rennen geschickt? Jetzt können wir nicht an den Feierlichkeiten teilnehmen, weil wir ,zu jung’ sind!“
Was sollte ich darauf antworten? Lange genug hatte ich ja „heimlich“ bei der Challenge mitgelesen. Aber es bedurfte eben eines gewissen Reifegrades, bis ich mir zugetraut habe, auch Stories dafür beizusteuern. Nur, wie konnte ich meinem „literarischen Sohn“ diese Tatsache so verklickern, dass er sie auch begriff? Als ich gerade an einer analytischen Argumentationskette dafür bastelte, ereilte mich eine weitaus interessantere, ja rettende Idee. „Mein lieber Jeremie“, teilte ich sie ihm sofort mit. „Du bist zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt aufgetaucht. Heute ist der 26. Mai 2022. Das ist das diesjährige Himmelsfahrtdatum. Und Himmelfahrt ist der Tag, an dem ich mit meinen Kumpels immer eine Radtour unternehme. Sie stehen schon draußen vor der Tür. Deshalb muss ich dich jetzt zurück ins virtuelle Nirwana schicken. Aber ich bin gerne bereit, später über dieses Thema mit dir oder einem anderen Charakter einen Plausch zu führen.“ Seine Proteste nervten mich nur solange, wie ich brauchte, um den Laptop zuzuklappen.
Meine plötzliche Ausrede war nicht einmal eine solche, denn draußen brandete jetzt tatsächlich der Lärm von Fahrradklingeln, Fanfarenstößen und lauten Buhrufen auf, die mich daran erinnern sollten, dass die Himmelfahrtsgesellschaft kurz vor dem Aufbruch stand. Ich musste mich also sputen, sonst würde die Truppe noch ohne mich losradeln …
NÄCHSTE EPISODE >>>
Bevor sich der Cursor zum Anfangsbuchstaben einer neuen Geschichte verformte, quasi der erste Versal getippt war, spielte der Computer verrückt. Ob es Hacker geschafft hatten, die Hardware zu entern oder die Technik einfach nur zu spinnen anfing, konnte ich im ersten Moment nicht feststellen. Als sich dann jedoch ein Gesicht auf dem Bildschirm abzeichnete, schien es sicher zu sein, dass ein Cybercowboy auf meine Festplatte galoppiert war und hier die Bits und Bytes durcheinanderbrachte. Zwar kam mir sein unverhülltes Auftreten etwas wagemutig vor, aber was wusste ich schon davon, wessen Antlitz der Ganove gekapert hatte, um bei seiner Show gut herüberzukommen. Obwohl … beim zweiten Hinschauen wuchs in mir der Verdacht, das Gesicht zu kennen. Also, in meinem Bekanntenkreis sah niemand so aus, aber in meiner Phantasie hätte es schon mal aufgetaucht sein können …
„Eine Minute gebe ich dir noch“, knatterte eine Stimme aus dem Lautsprecher des Laptops, „dann sollte dir eingefallen sein, wer ich bin.“ Anscheinend knacken die Hacker heutzutage nicht nur Firewalls, sondern dringen auch bis zu den Gehirnen der User vor, durchfuhr es mich, als meine Gedanken so schonungslos offengelegt wurden. Ich ließ die Minute verstreichen. Einerseits, weil mir immer noch nicht eingefallen war, wer sich hinter dem Gesicht verbarg. Andererseits interessierte es mich, was passieren würde, wenn ich das Ultimatum ignorierte. Schlimmstenfalls könnte der Typ meinen Laptop lahmlegen. Oder das Ganze entpuppte sich als bloßer Bluff. Die Ungewissheit reizte mich.
„Verleugnest du jetzt schon deine Familie?“, wollte die Stimme des Gesichts jetzt in anklagendem Ton wissen, als die sechzig Sekunden ohne Reaktion meinerseits vorübergegangen waren. „Schließlich bin ich dein literarischer Sohn! Zumindest also ein Produkt deines Geistes.“
Nach diesem Wink mit dem Zaunspfahl fielen mir die Schuppen von den Augen oder aus den Gehirnwindungen. Plötzlich ereilte mich die Erkenntnis, um wen es sich bei dem Cybereindringling handelte. „Jeremie …“
„Oh, der Herr erinnert sich.“ Eine höhnischere Feststellung hatte ich noch nie gehört. „Ja, ich bin’s, Jeremie Schadnost. Der Prügelknabe deiner Kurzgeschichten-Ergüsse. Der, den die anderen belächeln, weil ihm immer so übel mitgespielt wird. Dabei sind deine anderen Charaktere mit ihren Rollen ebenfalls ziemlich unzufrieden. Diese allgemeine Unzufriedenheit ist schuld daran, dass ich mir den Tag mit dir verderben muss.“
Das klang danach, als würde gleich eine Litanei an Vorwürfen auf mich niederprasseln, worauf ich, ehrlich gesagt, nicht den geringsten Bock hatte. „Welche Laus ist dir denn über die Leber gekrochen?“, versuchte ich erst einmal vorsichtig, seine Gemütslage zu erkunden. „,Prügelknabe’? ,Kurzgeschichten-Ergüsse’? ,Belächelt werden?’ Du bist der Star meiner Challenge-Beiträge. Manche Leser mögen dich sogar. Also, halt mal die Füße still. Und die anderen müssen sich auch nicht beklagen. Immerhin sind sie bis jetzt aus jedem Schlamassel glimpflich herausgekommen.“
„Trotzdem wird es Zeit, deine Geschichten-Fantastereien zu hinterfragen. Deshalb wurde ich ermächtigt, im Namen aller, den Mund aufzutun.“
„Sie haben dich zu ihrem Sprecher erwählt?“ Das kam mir ziemlich unwahrscheinlich vor.
„Nicht direkt“, räumte er ein. „Aber während die anderen noch debattierten, wer den Job erledigen sollte, sind der verrückte Sir Alfried und ich übereingekommen, dass es einer von uns beiden sein müsste. Unglücklicherweise ist der Kopf des antiken Ritters mit dem Knauf seines Schwertes kollidiert und damit hat er mir diese Verantwortung zugeschoben.“
Das erklärte sein Erscheinen. „Nun zu unseren Kritikpunkten. Nummer 1 betrifft das 1-jährige Challenge-Jubiläum. Wieso hast du uns erst so spät ins Rennen geschickt? Jetzt können wir nicht an den Feierlichkeiten teilnehmen, weil wir ,zu jung’ sind!“
Was sollte ich darauf antworten? Lange genug hatte ich ja „heimlich“ bei der Challenge mitgelesen. Aber es bedurfte eben eines gewissen Reifegrades, bis ich mir zugetraut habe, auch Stories dafür beizusteuern. Nur, wie konnte ich meinem „literarischen Sohn“ diese Tatsache so verklickern, dass er sie auch begriff? Als ich gerade an einer analytischen Argumentationskette dafür bastelte, ereilte mich eine weitaus interessantere, ja rettende Idee. „Mein lieber Jeremie“, teilte ich sie ihm sofort mit. „Du bist zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt aufgetaucht. Heute ist der 26. Mai 2022. Das ist das diesjährige Himmelsfahrtdatum. Und Himmelfahrt ist der Tag, an dem ich mit meinen Kumpels immer eine Radtour unternehme. Sie stehen schon draußen vor der Tür. Deshalb muss ich dich jetzt zurück ins virtuelle Nirwana schicken. Aber ich bin gerne bereit, später über dieses Thema mit dir oder einem anderen Charakter einen Plausch zu führen.“ Seine Proteste nervten mich nur solange, wie ich brauchte, um den Laptop zuzuklappen.
Meine plötzliche Ausrede war nicht einmal eine solche, denn draußen brandete jetzt tatsächlich der Lärm von Fahrradklingeln, Fanfarenstößen und lauten Buhrufen auf, die mich daran erinnern sollten, dass die Himmelfahrtsgesellschaft kurz vor dem Aufbruch stand. Ich musste mich also sputen, sonst würde die Truppe noch ohne mich losradeln …
NÄCHSTE EPISODE >>>
Ihnen hat die Geschichte gefallen und Sie möchten gerne weitere Jeremie-Schadnost-Stories lesen?
Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.
Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.
Vielen Dank!
Dann würden wir uns freuen, wenn Sie uns mit einem finanziellen Beitrag unterstützen würden, damit wir diese Serie leichter fortsetzen können.
Bitte klicken Sie hier, um zu den Zahlungsinformationen zu gelangen.
Vielen Dank!
