Jeremie Schadnost zieht sich zu einem „Freund“ zurück, um Abstand zu seinem Kneipenabend zu gewinnen. Dort überredet ihn der „Freund“ zu einer Maltherapie, die sensationelle Bilder hervorbringt.

Nach Jeremie Schadnosts albtraumhaften Erlebnis im Dorfkrug und der Okkupation seines Grundstücks durch die Dorfbewohner hatte er sich zu einem Freund geflüchtet. Obwohl der Begriff „Freund“ ziemlich weit hergeholt war, denn eine wirkliche Freundschaft verband sie nicht, eher eine okkultische Seelenverwandtschaft.
Jeremie Schadnost konnte dem „Freund“ die Zusage abringen, ihn für ein paar Tage bei sich aufzunehmen. Und so machte er sich auf den Weg in den nicht weit von seinem Dorf entfernten Ort, in dem der „Freund“ lebte. Wobei sich Jeremie Schadnost ständig fragte: „Wovon eigentlich?“ Der „Freund“ selber bezeichnete sich gern als Künstler. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit der Malerei. Er fertigte Portraits von allen an, die ihr Konterfei von einer Leinwand herunter lächeln sehen wollten und bereit und willens waren, dafür tief in ihren Geldbeutel zu greifen.
Soweit die Version des „Freundes“. Jeremie Schadnosts Theorie, wie der über die Runden kam, wich ein wenig davon ab. „Aber sei es drum“, wies sich Jeremie Schadnost selbst zurecht. „Ich benötige dringend einen Abstand von den Geschehnissen und bei ihm werde ich die nötige Abwechslung finden, um auf andere Gedanken zu kommen.“
Natürlich wollte der „Freund“ wissen, welche Sorgen Jeremie Schadnost plagten. Der hätte ihm die wahre Ursache gerne verschwiegen, doch bei der vierten Flasche Wein löste sich seine Zunge wie von selbst und er plapperte den Rest des Abends von nichts Anderem mehr, als von seinem Trauma. Am Morgen legte der „Freund“ ihm die Hand auf die Schulter und mit salbungsvoller Stimme gab er ihm einen Rat: „Du solltest deine Seele von allen Sorgen reinigen. Und ich weiß auch, wie dir das gelingen wird.“
Diese vage Andeutung ließ Jeremie Schadnost vermuten, dass sich nicht nur seine Erinnerungen an den vergangenen Abend größtenteils verflüchtigt hatten, sondern auch die seines „Freundes“ nach dem Abklingen des Rausches nur noch bruchstückhaft vorhanden sein konnten. Ohne das weinselige Gejammer zu erwähnen, fuhr der „Freund“ fort: „Du wirst dich vor eine leere Leinwand stellen und mit Pinsel und Farbe den Schmerz deines Inneren verbildlichen. Glaub mir, wenn deine Nöte auf der Leinwand Gestalt angenommen haben, bist du von ihnen befreit.“
„Esoterischer Schwachsinn“, murmelte Jeremie Schadnost vor sich hin. Da er aber die Zeit hier ohnehin mit irgendeiner Beschäftigung füllen musste, konnte er sich auch darauf einlassen. Der „Freund“ führte ihn in sein Atelier. Schnell hatte er eine Staffelei mit einer Leinwand bestückt und Jeremie Schadnost eine Farbpalette und einen Pinsel in die Hand gedrückt. „Jetzt beginnt deine Therapie“, rief er dem Maler wider Willen zu, als er sich schleunigst aus dem Staube machte.
Unschlüssig beäugte Jeremie Schadnost die Leinwand. Ihre Leere versetzte ihn zuerst in Schrecken, doch dann tauchte er den Pinsel in die Farbe und begann das Weiß mit zaghaften Tupfern zu übermalen. Vor seinen inneren Augen kristallisierte sich ein Bild heraus, das seine Hand mit immer geschickteren Bewegungen auf die Leinwand übertrug. Mit Pastelltönen erschuf er das Gesicht und das Dekolletee einer jungen Frau. Besonders bei der Darstellung ihres geheimnisvollen Lächelns legte er sich ins Zeug. Für ihr Haar und ihr wertvolles Gewand mischte er dunkele Brauntöne auf der Palette an. Den Hintergrund stellte er überwiegend mit Blau sowie ein wenig Pastell und Braun dar. Als er mit dem Pinsel ein letztes Detail hinzugefügt hatte, trat er mehrere Schritte von der Staffelei zurück, um sein Kunstwerk zu bewundern. Beim flüchtigen Betrachten erinnerte ihn das Antlitz der jungen Frau an seine Jugendfreundin Mona, der er nach einem kurzen Techtelmechtel den Laufpass gegeben hatte, um sich ihrer Schwester Lisa widmen zu können.
Für ein Kunstwerk hielt er das Bild tatsächlich, obwohl es ihm rätselhaft erschien, wieso ihm ausgerechnet dieses Motiv in den Sinn gekommen war. Es besaß keine Verbindung zu seinen kürzlichen Erlebnissen und seinem Seelenpein. Trotzdem fühlte er sich jetzt befreiter, als sei eine Last von ihm genommen worden.
Wahrscheinlich verfügte sein „Freund“ doch über therapeutische Fähigkeiten. Warum hätte er Jeremie Schadnost sonst zu einer solchen Beschäftigung nötigen sollen? Vielleicht konnte er ihm auch verraten, aus welcher Quelle seines Unterbewusstseins dieses künstlerische Talent plötzlich hervorsprudelte. Diese Fragen und Mutmaßungen beschäftigten ihn so sehr, dass ihm entging, dass sein „Freund“ ins Atelier zurückgekehrt war. Erst als ihn das Scheppern zerspringenden Porzellans wieder in die Realität riss, bemerkte er dessen Kommen. Jeremie Schadnost drehte sich herum. Sein „Freund“ stand mit einem Tablett in den Händen da, auf dem sich bis vor Kurzem ein sehr appetitlich angerichtetes Abendbrot befunden haben musste. Kreidebleich mit starrem Blick glotzte er auf das Gemälde.
„So unterschiedlich sind die Geschmäcker“, dachte sich Jeremie Schadnost. „Mir gefällt es. Doch er ist so entsetzt, dass er das wertvolle Porzellan einfach hinschmeißt.“
Als der „Freund“ seine Fassung wiedergewonnen hatte, näherte er sich der Staffelei. Mit einem für Jeremie Schadnost geringschätzig wirkenden Blick musterte er das Bild. „Nun ja. Dich scheint ein sehr zerrissenes Ich zu quälen. Du solltest mit der Malerei fortfahren, bis du innerlich wieder gefestigt bist. Lass uns heute Abend darüber reden. Übrigens habe ich noch einige Flaschen Absinth vorrätig. Ich glaube, die könnten deiner Genesung sehr förderlich sein.“

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