„Sommer, Sonne, Sonnenschein“ und ab in den Urlaub! Wenn das gerade nicht geht, könnte auch eine Grillparty für’s Urlaubsfeeling sorgen …

Jeremie Schadnosts Freundeskreis war sehr überschaubar. Eigentlich zählte dazu nur die Person, die ihn jeden Morgen beim Blick in den Spiegel einen „Schönen Tag“ wünschte. Über diesen Umstand war er nicht sonderlich erbost. Schließlich hatte er ihn erst in mühevoller Kleinarbeit herbeigeführt. Deshalb musste er sich auch keine großen Gedanken über die Gästeliste für seine geplante Grillparty machen.
Selbst der Ort, an dem sie stattfinden sollte, glich eher eine Oase menschenmüder Aussteiger als einem geselligen Tummelplatz. In einer abgelegenen Ecke seines Grundstückes hatte er einen Urwald wuchern lassen, um den jeder Langfinger einen Bogen geschlagen hätte, weil er dort nichts Wertvolles vermuten würde. Tatsächlich verbarg sich hinter dieser Fassade jedoch ein durchaus ansehnliches Kleinod, nämlich ein Partygelände, aber eben für Uneingeweihte perfekt abgeschirmt und nur zur Ein-Mann-Nutzung gedacht.
Hierhin hatte er sich mit einem prächtigem T-Bone-Steak, einigen eisgekühlten Flaschen Bier sowie einem Fläschchen stärkerer Provenienz zurückgezogen. Die Holzkohle im Grill begann gerade, die richtige Hitze zu entwickeln und Jeremie Schadnost gönnte sich das erste Bier des Abends, als ihn Schritte aufhorchen ließen. Es klang, als würden sich mehrere Personen seinem Refugium nähern. Noch bevor er einen Blick durch eines der Gucklöcher werfen konnte, die er extra für‘s Ausspähen solcher unerwünschten Ankömmlinge angelegt hatte, schob sich der erste Eindringling schon durch das Gestrüpp. „Wer zum Teufel …“, setzte Jeremie Schadnost zu einer Schimpfwort-Litanei an. Während er nach dem richtigen Begriff suchte, beantwortete sich seine Frage von selbst, denn er erkannte ziemlich schnell, um wen sich bei dem Störenfried handelte.
Auch weil der mit einer Binde bandagierter Kopf des Besuchers das Erkennen vereinfachte. Zweifellos konnte das nur Sir Alfried sein, der immer noch an der Beule herumlaborieren zu schien, die er sich bei der kleinen Rangelei mit Jeremie Schadnost zu gezogen hatte. In seinem Schlepptau würden dann wohl Clarissa und Harold folgen. So geschah es auch. Die Drei waren fast aus seiner Erinnerung verschwunden. Dabei mussten sie seit seinem Aufbruch zur Bollerwagentour hier die Stellung gehalten haben.
Beim Anblick Jeremie Schadnosts sprach Sir Alfrieds Gesicht Bände. Offensichtlich sah er den richtigen Zeitpunkt dafür gekommen, ihn für den schmerzhaften Hieb mit dem Schwertknauf büßen zu lassen. Angriffslustig fuchtelte er mit seiner Klinge herum. Zur Abwehr der Attacke stand Jeremie Schadnost lediglich die Grillzange zur Verfügung, die er unter ständigem Auf- und Zuklappen in Richtung des Ritters schnappen ließ.
Ohne Harolds Intervention hätte die Sache so blutig enden können, wie sich das T-Bone-Steak in der Schüssel präsentierte, in die es Jeremie Schadnost gelegt hatte. Harold hielt Sir Alfried das Fleisch unter die Nase. „Unser Abendessen“, erklärte er. „Wenn Sie den Koch erschlagen, müssen wir es roh herunterschlingen.“ Die Aussicht auf eine herzhafte Mahlzeit schien Sir Alfried zur Besinnung zu bringen. Er ließ sein Schwert sinken, steckte es jedoch nicht in die Scheide.
Jeremie Schadnost atmete auf. Obwohl der Gedanke, den herrlichen Happen teilen zu müssen, seinem Pulsschlag nicht guttat. Im Stillen sinnierte er nach, wie er die Bande noch loswerden konnte, bevor das eigentliche Diner begann. In dieser aufgeheizten Situation riss Clarissa das Heft des Handelns an sich. Kommentarlos drückte sie jedem der zwei Streithähne sowie Harold ein angenehm temperiertes Bier in die Hände. Sie schnappte sich ebenfalls eins und forderte die Herren zum Anstoßen auf. Ihr forsches „Prost“ kühlte die Gemüter herunter, sodass sogar eine anfangs gezwungene aber bald lockere Unterhaltung zustande kam.
Jeremie Schadnost behielt den Grill im Auge. Als die Holzkohle die richtige Hitze abwarf, legte er das Fleisch auf den Rost und bewies daraufhin, was für ein exzellenter Grillmeister er war. Das auf den Punkt gegarte Steak zerteilte er anschließend in vier gleichgroße Portionen und bewirtete damit seine Gäste und sich selbst. Die anfängliche Wut über die Störung seiner Ein-Mann-Party verflog mit den lobenden Worten, die seiner Kochkunst galten.
Nach dem Essen gab Jeremie Schadnost seine Männertagsabenteuer zum Besten. Zumindest bei dem Teil, an den er sich noch zu erinnern vermochte, blieb er halbwegs bei der Wahrheit. Alles andere schusterte er so zusammen, dass er dabei stets in gutem Licht erschien. Doch heute verübelte ihm niemand seine Flunkerei. Es gab auch keine skeptischen Nachfragen bei Passagen, die selbst nach dem fünften Bier für die Zuhörer so klangen, als seien sie ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Schließlich war er an diesem Abend ansonsten sehr weit über seinen Schatten hinausgesprungen …

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